2012 verendeten in der Schweiz 100'000 Bienenvölker – die Hälfte aller hiesigen Honigbienen. Das Bienensterben beschäftigt seit zehn Jahren Forscher auf der ganzen Welt. Dieser Aufwand wird nicht des Honigs wegen betrieben: Nach groben Schätzungen hängt ein Drittel aller Nahrungsmittel von der Blütenbestäubung ab, und diese übernehmen in rund 80 Prozent der Fälle Honigbienen. Weniger Bienen heisst also weniger Ertrag.

Anteil der Schweizer Bienenvölker, die die Herbst- und Wintermonate nicht überlebt haben

Quelle: Simon Barber/Keystone

Mit der eingeschleppten Milbe fing es an

Was das Bienensterben genau verursacht, ist nach wie vor unklar. Einig sind sich Experten in zwei Punkten: erstens, dass den Bienen ein Wechselspiel diverser Faktoren den Garaus macht. Und zweitens, «dass der Schlüssel zum Ganzen die Varroamilbe ist», so Peter Gallmann vom Zentrum für Bienenforschung an der Forschungs­anstalt Agroscope in Liebefeld.

Die Varroa ist ein Parasit, der in den siebziger Jahren aus Asien nach Europa eingeschleppt wurde und 1984 in die Schweiz kam. Weil die westliche Honigbiene der Milbe nichts entgegensetzen kann, müssen Imker seither viel Zeit und Energie für Behandlungen aufwenden, um den Varroa­befall ihrer Völker so weit wie möglich zu dezimieren. Diese Verfahren sind kompliziert, zeitintensiv und bedeuten auch für die Insekten Stress. Bienenforscher arbeiten deshalb intensiv an der Entwicklung einer einfacheren und nachhaltigen Methode zur Varroa­bekämpfung. Zugleich versuchen sie andere schädliche Faktoren zu isolieren, die sich einfacher ausschalten lassen.

Neben Viren, bei deren Vermehrung die Varroa wiederum eine grosse Rolle spielt, stehen aktuell Insektengifte als «Mittäter» im Verdacht – vor allem jene, die Neonikotinoide enthalten. Diese Substanzen werden zum Beispiel auf Saatgut aufgebeizt. Aufgrund eines Gutachtens der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) diskutiert die zuständige EU-Kommission ein zweijähriges Verbot von dreien dieser Pestizide. Die Hersteller – Bayer und Syngenta – laufen dagegen Sturm und zweifeln die Resultate der Studien an.

Dass diese Stoffe für Bienen hochgiftig sind, ist bekannt; man ging aber bisher davon aus, dass ihr Einsatz bei sachgemässer Hand­habung unproblematisch ist. Dass es so schwierig ist, einzelnen schädlichen Einflüssen einen Anteil am Bienensterben zuzuordnen, liegt unter anderem an der Widerstandsfähigkeit eines Bienenvolkes, sagt Gallmann: «Ein paar hundert vergiftete Wasserträgerinnen oder Nektarsammlerinnen an einem Tag kann ein Volk pro­blemlos kompensieren.» Schlimmer sei aber der Verdacht, dass Neo­niko­ti­noide ein Bienenvolk schon durch sehr geringe Dosen langfristig entscheidend schwächen können. «Neonikotinoide sind systemische Pestizide. Das heisst, sie verbreiten sich in allen Teilen der Pflanzen, auch in den Pollen», sagt der Bienen­forscher.

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Bienen speichern Pollen in den Waben in Form von Bienenbrot. Dies ist die einzige Eiweissquelle, aus der die Bienenbrut und die Königin versorgt werden. Enthält es Neonikotinoide, wird der Nachwuchs mit vergifteter Nahrung aufgezogen. Aufwendige Versuche sollen den Effekt davon auf die Volksentwicklung messen. Forscher wollen herausfinden, inwieweit sie zum Kollaps eines von Varroa und Viren geschädigten Volks beiträgt.

Dass der Kollaps häufig in den Wintermonaten passiert, hat mit dem Jahres­zyklus des Bienenvolks zu tun: Ab November gibt es keine Brut im Stock und somit auch keine Jungbienen mehr, die Verluste kompensieren könnten. Was noch fehlt, ist ein genaues Verständnis der Wechsel­wirkungen zwischen diesen Einflüssen, so ­Gallmann.

Deshalb kommt der Varroabekämpfung weiterhin die grösste Bedeutung zu. Wer nach Lehrbuch behandelt, kann im Idealfall einen Grossteil der Verluste verhindern. «Aber die meisten Bienenväter betreiben die Imkerei neben dem Berufsalltag und haben im entscheidenden Moment nicht immer genug Zeit dafür.»

Die Behandlung muss einfacher werden

Also arbeiten Bienenforscher an weniger komplizierten und effizienteren Verfahren, um die Var­roamilbe auszumerzen. Vielversprechende Resultate zeigen Versuche mit für Milben schädlichen Pilzkeimen: «Die Schwierigkeit ist es aber, den Stoff in der richtigen Konzentration an die richtige Stelle zu bringen.»

Ein solches Verfahren sei un­erlässlich, nicht zuletzt im Hinblick auf zukünftige Bedrohungen, sagt Bienenforscher Peter Gallmann. Denn die nächsten Feinde seien bereits in Sicht: «Irgendwann kommt die Tropi­laelaps-Milbe – das ist die kleine, agile ‹Schwester› der Varroa. Und auch der kleine Beutenkäfer.»

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Von Monokulturen bis zur Varroamilbe: Verschiedene Faktoren können die Bienen das Jahr über so schwächen, dass im Winter das ganze Volk sterben kann

In einem Honigbienenvolk schlüpfen jährlich bis zu 200'000 Arbeiterinnen. Sommerbienen leben nur rund 40 Tage. Die stete Erneuerung des Volkes hilft, Krankheiten einzudämmen, da allfällige Erreger mitsterben. Ab Juli schlüpfen langlebigere Winterbienen, von denen 5000 bis 12'000 einwintern. Dezember bis Ende Januar ist das Volk brutfrei, es schlüpft also auch kein Nachwuchs.

Quelle: Simon Barber/Keystone

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Quelle: Simon Barber/Keystone
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Die in den Stock eingeschleppte Milbe ­klettert von der Biene in eine Brutzelle (Drohnenbrut bevorzugt), die kurz vor der Verdeckelung steht (1). Dort befällt sie die Larve und saugt deren Blut (2). Anschliessend legt die Milbe in der Brutzelle mehrere Eier (3). Mit dem Schlüpfen der Jungbiene verlassen auch die Milben die Brutzelle (4) und befallen andere Bienen, um deren Blut zu saugen. Die Milben schlüpfen danach erneut in eine Brutzelle und legen dort wieder Eier. Die Varroa überträgt unter den Bienen Viren. Von der Varroa geschädigte Jungbienen haben Missbildungen, durch die sie – wenn überhaupt – nur vermindert leistungsfähig sind. Parasitierte Bienen sind kurzlebig. Deswegen gehen befallene Völker in diesen Monaten oft ein.

Quelle: Simon Barber/Keystone

Silage- und Heuernte verwandeln Wiesen vor dem Blühen in eine grüne Wüste. Neben Monokulturen wie etwa Rapsfeldern kann dies zu einseitiger Ernährung der Bienen führen. Im Juni kann das Nahrungs-angebot sogar knapp werden, vor allem, wenn sich kein Wald im Einzugsgebiet befindet. Imker sprechen dann von einer «Trachtlücke». Schlimmstenfalls müssen die Bienen mitten im Sommer gefüttert werden.

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Der Befall wird regelmässig kontrolliert. Um die Milben zu dezimieren, werden organische Säuren eingesetzt. Zum Beispiel wird Oxalsäure als Lösung in die Wabengassen geträufelt oder mit einem batteriebetriebenen Gerät verdampft. Die Behandlung schadet auch den Bienen. Die viel kleinere Varroa hat aber ein schlechteres Verhältnis von Körpervolumen zu -ober­fläche und ist den Dämpfen stärker ausgesetzt.

Obstblüten werden mit Fungiziden (Pilzgiften) behandelt (etwa bei Apfelblüten gegen Spitzendürre). Dadurch werden die Pollen belastet. Diese können die Verdauung der Bienen stören. Gegen Schädlingsmaden (etwa die Sägewespenlarve) werden beim Abblühen auch Insektizide auf Hormonbasis eingesetzt. Diese stören die Häutung der Maden und können auch den Bienennach­wuchs schädigen.

Neonikotinoide sind synthetisch hergestellte Nervengifte und ähneln, wie der Name sagt, dem Wirkstoff Nikotin. Sie stören die Kommunikation zwischen den Nervenzellen. Vergiftete Bienen verlieren die Orientierung, beginnen zu zittern oder machen unkoordinierte Bewegungen. Bienen können durch unsachgemässe Anwendung mit dem Gift in Berührung kommen, zum Beispiel wenn bei der Aussaat Pestizidabrieb entsteht, der auf blühende Wiesen geweht wird (1). Die Wirkstoffe können Bienen aber auch auf anderen Wegen schädigen, denn Neonikotinoide sind systemische Pestizide: Das heisst, sie verbreiten sich in allen Teilen einer beha ndelten Pflanze. Deshalb sind unter Umständen  auch Guttationstropfen (2) (Wasser, das von der Pflanze ausgeschieden und von Bienen aufgenommen wird) und Pollen (3) problematisch.

Quelle: Simon Barber/Keystone
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Quellen: Agroscope; Matthias Lehnherr: «Imkerbuch» (Aristaios-Verlag)