Obwohl fast alle Staaten der Welt die Biodiversitäts-Konvention unterzeichnet haben, konnte der Verlust der biologischen Vielfalt auf globaler Ebene bislang nicht gestoppt werden. Dies mussten sich die über 190 beteiligten Staaten schon am ersten Tag der Konferenz im japanischen Nagoya eingestehen. Sie haben nun bis zum 29. Oktober Zeit, neue Ziele und Massnahmen zu verabschieden. Doch trotz erster Erfolge sprechen die beobachtenden Umweltverbände bereits von einem Scheitern der Verhandlungen.

Die Gespräche in Nagoya drehen sich um drei Themen:

  • Zum einen soll ein Strategieplan erstellt werden, der verbindliche Ziele bis ins Jahr 2020 setzt.

  • Weiter wollen die Staaten ein wichtiges neues Protokoll verabschieden, welches die Biopiraterie eindämmt. Unter Biopiraterie versteht man zum Beispiel die Nutzung von Heilpflanzen aus der Dritten Welt durch globale Konzerne, ohne dass die Herkunftsländer ausreichend entschädigt werden.

  • Und es geht – als drittes grosses Thema – um die Finanzierung der 20 geplanten Massnahmen vorab durch die Industriestaaten.

INDUSTRIESTAATEN WOLLEN NICHT ZAHLEN

Vor allem die Finanzierung ist Gegenstand endloser Diskussionen. «Eine Einigung wird nur möglich, wenn die Industriestaaten die nötigen Mittel zur Verfügung stellen», schreiben die Umweltverbände Erklärung von Bern, Schweizer Vogelschutz SVS und Pro Natura in einer Medienmitteilung. Doch viele Industriestaaten – darunter die EU und die Schweiz – wollen erst dann über zusätzliche Finanzmittel diskutieren, wenn die Gesamtkosten des Schutzes der Biodiversität der Erde bekannt sind. «Diese Haltung bringt den Biodiversitätsgipfel ebenso wenig weiter wie die Forderung von Entwicklungsländern, dass die Industrieländer ihren finanziellen Beitrag verhundertfachen müssen», so die Umweltverbände. Sie rechnen vor, dass allein die Entwicklungsländer zur Erweiterung und für das Management der Schutzgebiete 15 Milliarden Dollar mehr als heute bräuchten. Alleine können sie dieses Geld aber nicht aufbringen.

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Nicht umstritten scheint laut Beobachtern immerhin die Einsetzung einer Intergovernmental Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES) zu sein. Analog zum IPCC im Bereich Klima soll dieses wissenschaftliche Gremium die Staatengemeinschaft im Bereich Biodiversität beraten. Zudem sind die Länder beim Programm gegen die Abholzung («Programm zur Reduktion von Emissionen aus Entwaldung und Schädigung von Wäldern REDD») einen grossen Schritt vorangekommen: Die Regierungen haben sich verpflichtet, vier Milliarden Franken als Anschubfinanzierung bereitzustellen und ihr finanzielles Engagement im Falle eines Erfolgs aufzustocken.

Jede fünfte Wirbeltierart ist derzeit vom Aussterben bedroht. Zu diesem Schluss kommt ein internationales Forscherteam in der ersten Auswertung der globalen Biodiversität, die in der Zeitschrift «Science» veröffentlicht wurde. «Es gibt drei grosse Schuldige am Verlust der Arten: die Abholzung, die Ausbeutung der Erde - zu denen auch Jagd und Fischfang zählen - sowie der Klimawandel», erklärt Studienleiter Paul Leadley von der Universität Paris-Süd. 

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Die Wissenschaftler werteten mehrere grosse Studien zur Artenvielfalt bei insgesamt 25'000 verschiedenen Wirbeltieren aus. Gefährdet sind demnach 13 Prozent der Vögel, 25 Prozent der Säugetier- und Reptilienarten und sogar 40 Prozent der Amphibien. Das Artensterben wird immer rasanter und hat heute bereits zwei- bis dreifache Geschwindigkeit von 1970 erreicht. Betroffen sind vor allem die tropischen Regionen, wobei in Asien die Situation am schlimmsten ist. Zwar haben Schutzprogramme Ärgeres verhindert, doch sprechen die Forscher auch so bereits von einem «sechsten Massensterben der Erdgeschichte».

Europa habe das Problem des Verlusts der Biodiversität nicht erkannt, so die Diagnose Leadleys: «Noch immer glauben die meisten, es gehe hier um den Verlust von Würmern oder von Lebewesen, die man aus dem Zoo kennt. Die Folgen beschränken sich jedoch nicht auf die Auslöschung von Spezies, sondern betreffen auch deren Neuverteilung, die sich auf das gesamte ökologische System auswirkt. Welchen Schaden das bedeutet, wird man zunehmend auch in Geldwerten messen können. Wir brauchen globale Ansätze, um Problemen wie der Entwaldung oder Überfischung entgegenzusteuern», fordert der Pariser Forscher. (pte)

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