Mit der Explosion und dem Sinken der Ölbohrinsel Deepwater Horizon im Golf von Mexiko droht eine Umweltkatastrophe gigantischen Ausmasses. Seit dem Absinken der rund 70 Kilometer vor der US-Küste gelegenen Förderinsel am 22. April dürften aus dem Bohrloch am Meeresboden laut US-Küstenwache täglich bis zu 1,13 Millionen Liter Rohöl ausströmen, ausserdem befanden sich auf der Plattform rund 2,5 Millionen Liter Diesel. Ein unbemanntes U-Boot wurde zur Untersuchung des Bohrlochs eingesetzt, doch sind alle Versuche, die Quelle zu schliessen, bisher fehlgeschlagen.

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Als «Umweltbombe» bezeichnet Ulrich Saint-Paul vom Zentrum für marine Tropenökologie die Katastrophe. «Was an möglichen Folgen für die Umwelt droht, übersteigt jede Vorstellungskraft», so der Meeresexperte. Unmittelbar gefährdet sei die gesamte Nahrungskette in dieser Region des Golfes sowie auch die Flora und Fauna der Küste.

Der Ölteppich, der am Donnerstagabend bereits eine Länge von acht Kilometern erreicht hat, dürfte in wenigen Tagen die US-Küste erreichen. «Das Öl legt sich über alle Organismen und unterbindet deren Atmung und Stoffwechsel, so dass sie sterben», erklärt Saint-Paul.

Wird der Ölteppich von der Meeresströmung verteilt, sind auch zahlreiche weitere Lebensräume bedroht, besonders die Korallenriffe in Florida und in der Karibik. Wie sensibel Korallen auf Öl reagieren, hat sich vor zwei Wochen im australischen Great Barrier Reef gezeigt: Der chinesische Kohlefrachter Shen Neng 1 lief auf eine Korallenbank auf, wobei vergleichsweise kleine Ölmengen des Tankes ausliefen. «Das Gefährdungspotential für die Korallen ist dennoch so enorm, dass sie in kurzer Zeit zugrundegehen werden», so der Bremer Forscher.

Erinnerungen an Exxon-Valdez

Die Grössenordnung des aktuellen Unfalls erinnert an den Tankerunfall der «Exxon Valdez» vor 20 Jahren, als 40 Millionen Liter Rohöl ausliefen und weite Küstenregionen in Alaska nachhaltig zerstörten. Die Folgen sind bis heute nicht überwunden. «Da der Golf von Mexiko wärmer ist, kann man damit rechnen, dass der Abbau des Öls ein wenig schneller vor sich geht. Darauf zu hoffen, ist jedoch kein Trost: Die Zerstörung des Lebensraums wird sofort einsetzen», so Saint-Paul.

Versucht wird derzeit, die weitere Ausbreitung des Ölteppichs durch Barrieren zu verhindern. «Weitere Möglichkeiten sind, Öl abzupumpen oder chemische Bindungsmittel einzusetzen, die das Öl zum Absinken bringen», so der Experte. (pte)

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