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Bruno OberleDer Umweltmanager

Die Packung Marlboro liegt griffbereit auf dem Tisch, der Aschenbecher steht beim offenen Fenster. Bruno Oberle zündet sich die erste Zigarette an. Zwei Stunden hat er Zeit für Journalistenfragen, der Nachmittag ist verplant, obschon kurzfristig eine Veranstaltung abgesagt worden ist, an der er hätte referieren sollen. Es wäre einer der seltenen Auftritte des Amtsdirektors gewesen. Das Thema: «Wirtschaft und Umwelt», Oberles Lieblingssujet, seine Kernkompetenz, das Thema, um das sich in seinem beruflichen Werdegang alles immer wieder dreht.

Es gibt einiges zu fragen an diesem Nachmittag, denn allzu viel ist nicht bekannt über Bruno M. C. Oberle, Doktor der Naturwissenschaften, Direktor des Bundesamts für Umwelt (Bafu). Ein ausführlicher Lebenslauf des Chefs? Bei der Medienstelle des Bafu hat man mit diesem Anliegen keine Chance: «Wir sind zufrieden mit jenem, der auf unserer Homepage steht», heisst es lapidar. Auf besagter Website jedoch steht nicht eben viel: geboren 1955 in St. Gallen, aufgewachsen in Locarno und Zürich. Studium der Biologie und Umweltwissenschaften an der ETH, dazu Volkswirtschaft und Pädagogik, später Berater mit eigenem Unternehmen und Dozent an der ETH. 1999 bis 2005 Vizedirektor, seit 1. Oktober 2005 Direktor des Bafu.

Eine Strafaufgabe mit Folgen
Das sind spärliche Informationen über den Direktor eines Bundesamts mit 390 Mitarbeitenden und einem Budget von 700 Millionen Franken. Eines Bundesamts überdies, das immer stärker im Fokus der Öffentlichkeit steht. Ob Feinstaub im Winter, Ozon und Hochwasser im Sommer, ob Abfallimporte, Abschussbewilligungen für Wildtiere, Restwassermengen, Artenvielfalt oder - und immer stärker - der Klimawandel: Die Grundlagen für Bundesratsentscheide und Parlamentsdebatten zu Themen, die Gegenwart und Leben der nächsten Generationen prägen, werden im Bafu vorbereitet.

Am Anfang steht eine Strafaufgabe im Collegio Papio in Ascona. Gymnasiast Oberle - «Ich war ein ziemlich turbulenter Schüler» - muss Anfang der siebziger Jahre als Strafaufgabe den eben erschienenen Bericht des «Club of Rome» zu den «Grenzen des Wachstums» in einem Kurzreferat präsentieren. Statt der Zusammenfassung liest er jedoch gleich die ausführliche Fassung, aus dem Kurzreferat wird ein zweistündiger Vortrag und aus der Strafe eine Berufung: «Die Frage, wie die Menschheit damit umgeht, dass der Planet Erde und seine Ressourcen endlich sind, dass die Bevölkerungszahl wächst und dass der Wunsch besteht, allen Menschen ein glückliches Lebensniveau zu ermöglichen - die Komplexität dieser Fragen und dieses Systems hat mich unheimlich fasziniert.»

Oberle ziehts an die ETH, Naturwissenschaften, Fachrichtung Biologie, in den Nebenfächern Ökonomie und Pädagogik. Das Geld fürs Studium verdient sich der perfekt Deutsch sprechende Tessiner als Gewerkschaftsfunktionär. Er ist verantwortlich für das Weiterbildungsangebot für Mitglieder im Zürcher Oberland; er organisiert Schulhäuser, rekrutiert Lehrer und unterrichtet. In Mathematik etwa analysiert man die Lohntüte: «Wie viel kommt herein, wofür brauchen wir es? Sie können sich ja etwa vorstellen, wie das geht, in einem gewerkschaftlichen Milieu.»

Schwer verdauliche Worte
Das Engagement bei der Gewerkschaft bleibt eine Episode in Oberles beruflicher Laufbahn: «Es war ein Job und noch dazu ein sinnvoller, mehr nicht.» Aus dem Werkstudenten wird nach Studienabschluss rasch ein Unternehmer. «Ambio» (Umwelt) heisst die Beratungsfirma, die Oberle mit einem Studienkollegen gründet. Man befasst sich mit der Gesamtenergiekonzeption, mit Fragen der erneuerbaren Energie. «Man wusste, dass die Erdölvorräte irgendwann zur Neige gehen, und Atomenergie war umstritten. Da musste man nicht einmal besonders grün sein, um sich mit erneuerbarer Energie zu beschäftigen.»

«Grün», «links» oder «rechts», diese Etiketten möchte sich Bruno Oberle nicht anhängen lassen. «Ich bin ein politisch interessierter und politisch denkender Mensch, aber gehöre keiner Partei an», sagt er und zieht an seiner Zigarette.

Gerade den Grünen, den Linken und den Umweltorganisationen macht es Oberle nicht leicht. Seine Referate tragen Titel wie «Umweltpolitik ist Ressourcenpolitik» oder «Management des Umweltkapitals». Darin fallen Sätze wie: «Die Umweltpolitik muss sich an wirtschaftlich und gesellschaftlich optimalen Lösungen orientieren. Das Verfolgen eines maximalen Umweltziels ist damit nicht vereinbar.» Oder: «Die Wirtschaft ist darauf angewiesen, dass die Ressourcen Wasser, Boden, Luft, Wald, Landschaft und Ruhe auch in Zukunft als Produktionsgrundlagen zur Verfügung stehen.»

Das sind schwer verdauliche Worte für Leute, die bis vor kurzem davon ausgehen konnten, ein Bundesamt für Umwelt sei vor allem dazu da, die Umwelt zu schützen. Der Mann, der bei seinem Amtsantritt als Bafu-Direktor vor knapp drei Jahren im Umweltamt eine Sektion «Ökonomie» einführte, wird von den Umweltorganisationen auch heute noch an seinem Vorgänger Philippe Roch gemessen. Roch, einst Geschäftsführer des WWF Schweiz, hatte ein offenes Ohr für Anliegen des Umweltschutzes, sorgte sich um Wolf, Luchs und Bär. «Philippe Roch sah uns als Verbündete, für ihn war Naturschutz ein wichtiges Thema. Für Bruno Oberle hingegen sind wir im besten Fall ‹Stakeholder›: Interessenvertreter», sagt Otto Sieber, Zentralsekretär von Pro Natura. Hans-Peter Fricker, Geschäftsführer WWF Schweiz, findet Oberles Maxime, Luft, Wasser oder Artenvielfalt als «Ressource» zu betrachten, die man «managen» muss, «im Ansatz nicht falsch»: «Aber es stellt sich die Frage, ob sich so für die Natur genügend herausholen lässt.» Das Staatssekretariat für Wirtschaft etwa verstehe sich durchaus als Anwalt der Wirtschaft, sagt Fricker: «Das Bafu hingegen als Anwalt der Natur zu bezeichnen, würde leider nicht zutreffen.»

Vernunftentscheide und harte Fakten
Zu oft hat Oberles Amt in den vergangenen drei Jahren nach Ansicht der Umweltorganisationen falsch entschieden. Beim Schutz des Kormorans etwa, der wegen Klagen von Fischern gelockert wurde. Oder beim Entscheid, der ETH die Aussaat von gentechnisch veränderten Pflanzen zu Versuchszwecken zu erlauben. Oder, das jüngste Beispiel, beim Abschuss von Bär JJ3 im vergangenen Mai: Aus Sicht des WWF musste der vom Bafu als «Risikobär» Bezeichnete «zu Unrecht» sein Leben lassen. Für Oberle hingegen war es ein reiner Vernunftentscheid - und eine Frage der Redlichkeit, wie er betont: «Wir hatten mit den Kantonen vereinbart, dass Bären willkommen sind, dass aber ein Bär, der für Menschen gefährlich wird, getötet werden kann. Stellen Sie sich vor, jemand wäre verletzt worden! Lebensraum für Bären, Wölfe und andere wilde Tiere wäre für die nächsten 20 Jahre in der Schweiz kein Thema mehr gewesen.» Er strebe weder einen Schmusekurs noch einen Streit mit den Umweltorganisationen an, sagt Bruno Oberle: «Sie sind wichtige Stakeholder. Aber das sind andere ebenso. In der Regel kann man es nicht allen recht machen.»

Stakeholder. Ressourcen. Produktionsgrundlagen. Da spricht der Unternehmer, der Oberle einst war. Der Mann, der in den neunziger Jahren mit der eigenen Firma in Afrika Umweltverträglichkeitsprüfungen für die Weltbank durchführte, Umweltgesetze einführte oder in Algerien ein Stahlwerk mit 30'000 Mitarbeitenden auf Umweltsünden und Altlasten durchleuchtete. Dabei war Oberle selber nie lange vor Ort. Zwei Wochen am Stück maximal, um Fragen zu stellen, Fortschritte zu überprüfen. Ein längerfristiges Engagement in Mali, Tunesien oder Sierra Leone, nein, das wäre nichts für ihn gewesen: «Vermutlich überforderte die Ineffizienz der dortigen Systeme meine Geduld.» Er könne, sagt der Bafu-Chef, «sehr gut konzipieren, kontrollieren und kritische Fragen stellen». Projekte umgesetzt habe er früher genügend, heute machten es andere.

Die kritischen Fragen des Chefs sind bekannt im Bafu - und teils gefürchtet: «Es gibt Kadermitglieder, die haben einen riesigen Respekt davor», sagt einer, der einst dort arbeitete: «Der Mann tickt ingenieurmässig. Wer nicht mit harten Fakten argumentieren kann, hat einen schweren Stand.» Für den - im internen Organigramm - «grünen» Bereich, also all die Abteilungen, die sich auf Umweltschutz im klassischen Sinn beschränken, sei das nicht immer einfach, räumt der ehemalige Bafu-Mitarbeiter ein: «Denn Umweltschutz kann nicht immer vernünftig sein.» Allerdings habe Bruno Oberle, der nüchterne Analytiker und Ressourcenmanager, im Parlament offenbar den Ton getroffen: «Der Spardruck, den wir unter Philippe Roch deutlich zu spüren bekommen hatten, liess nach Oberles Amtsantritt deutlich nach.»

«Ein FDP-naher Technokrat»
Dass Oberles Art im Parlament gut ankommt, bestätigt auch der Zürcher FDP-Nationalrat Filippo Leutenegger, der den Bafu-Chef von Sitzungen der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie (Urek) kennt: «Er hat die Diskussion um Umweltthemen entideologisiert.» Oberle politisiere nicht, sondern argumentiere naturwissenschaftlich, sagt Leutenegger: «Er ist unabhängig und ausgewogen und zieht vor der Kommission keine Show ab.»

Andere Partei, andere Wahrnehmung: Bastien Girod, grüner Zürcher Nationalrat und ebenfalls Urek-Mitglied, sieht den Bafu-Chef als «FDP-nah» und «Mann, der konsequent in natürlichen Ressourcen als Wirtschaftsfaktor denkt». Ein «Technokrat» sei Oberle, sagt Girod, und manchmal etwas gar schnell zu Kompromissen bereit, «vor allem in der Klimapolitik». Das mache den Bafu-Chef jedoch auch «weniger angreifbar von bürgerlicher Seite. Und letztlich geht es für das Bafu ja darum, die Bürgerlichen zu überzeugen.»

Darüber, ob der Budgetdruck auf sein Amt tatsächlich nachgelassen hat, mag Oberle nicht reden: «Wieso sollte das Parlament versuchen, durch finanziellen Druck die Rahmenbedingungen unserer Arbeit zu ändern?» Aufgabe des Bafu sei in erster Linie, die Aufträge von Volk und Parlament auszuführen, den Zustand der Umwelt zu beobachten und Lösungen zu erarbeiten. Er hoffe einfach, dass «Departementschef Leuenberger, der Bundesrat und das Parlament die Art und Weise, wie das Amt seine Arbeit wahrnimmt, schätzen».

Und mehr, bescheidet er dem Journalisten, werde er über sein Verhältnis zu Bundesrat und Parlament in einem Interview sicher nicht sagen. Sagts und zündet sich eine weitere Zigarette an. Auch ein Ressourcenmanager spricht halt nicht gern über seinen Verwaltungsrat.

Veröffentlicht am 18. Juli 2008