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ChlorpyrifosHochgiftiges Pestizid womöglich bald verboten

Seit Jahren warnen Forscher und Umweltorganisationen vor dem Insektengift Chlorpyrifos. Der Bund könnte ihm nun bald die Bewilligung entziehen.

Weil Insekten die Ernte bedrohen, werden in der Landwirtschaft häufig giftige Pflanzenschutzmittel eingesetzt.
von aktualisiert am 25. Oktober 2018

Die Bewilligungen von Pflanzenschutzmitteln mit dem Wirkstoff «Chlorpyrifos» werden derzeit überprüft. Das Bundesamt für Landwirtschaft BLW hat seine Untersuchung dazu abgeschlossen und veröffentlichte am 23. Oktober eine entsprechende Mitteilung im Bundesblatt. Gut möglich, dass der Einsatz der Pestizide bald stark eingeschränkt oder ganz verboten wird. 

Neue Schlussfolgerungen wegen höheren Anforderungen

Anlass zu dieser gezielten Überprüfung war wiederum eine Überprüfung des hochgiftigen Schädlingsbekämpfers Pestizide Vitamine ohne giftige ­Nebenwirkungen in der EU. Aufgrund der Resultate der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit Efsa wurde das BLW schliesslich aktiv. Über den Inhalt der Verfügung und potenzielle Massnahmen hüllt sich das Bundesamt aber noch in Schweigen. Zuerst folge die Vernehmlassung. Derzeit können nur beschwerdeberechtigte Organisationen Akteneinsicht beantragen. 

Das Bundesamt lässt aber bereits durchblicken, dass eine Änderung der aktuellen Praxis bevorsteht. Auf Nachfrage, ob die Überprüfung zu einer Neubeurteilung geführt habe, heisst es: «Ja. Die Anforderungen sind heute nicht die gleichen wie vor fünf oder zehn Jahren. Weil es grundsätzlich höhere Ansprüche gibt, sind auch die Schlussfolgerungen entsprechend anders als bisher.»

Forscher warnen vor dramatischen Folgen

Schädlingsbekämpfer mit dem Wirkstoff Chlorpyrifos kommen in der Landwirtschaft bei verschiedensten Lebensmitteln zum Einsatz, wie zum Beispiel bei Zuckerrüben, Kartoffeln, Raps, Karotten oder auch Äpfeln. Sie sollen den Bauern sogenannt «beissende und saugende Insekten», wie etwa Drahtwürmer und Rapsglanzkäfer vom Hals halten. Durch ihre Verbreitung in der Umwelt bekämpfen sie aber nicht nur die in der Landwirtschaft lästigen Insekten, sondern werden für alle Lebewesen Insekten Das stille Sterben zum Problem.

Das Bundesamt für Umwelt warnt, dass das Insektizid für Mensch und Tier toxisch und insbesondere für Amphibien sehr giftig ist und Verdacht auf hormonaktive Wirkung besteht. Forscher warnten bereits vor Jahren vor bleibenden Schäden am Gehirn von ungeborenen Kindern. Die landwirtschaftliche Forschungsanstalt Agroscope kam deshalb in einer neuen Studie zum Schluss, dass Chlorpyrifos besser im Giftschrank bliebe, wie der «Tages-Anzeiger» berichtete. 

Fehlende Alternativen?

Der Schweizer Bauernverband lehnt ein Verbot von Chlorpyrifos ab: «Die wirtschaftlichen Schäden wären enorm. Bei bestimmten Kulturen gibt es schlicht keine Alternativen», sagt David Brugger, Leiter Pflanzenbau beim Bauernverband. «Bei Raps hätte ein Befall zum Beispiel mit Rapsglanzkäfer einen Totalausfall der Ernte zur Folge, bei Zuckerrüben ist Chlorpyrifos der einzige Wirkstoff gegen Erdschnakenlarven und besonders seit dem Wegfall der Neonicotinoiden Saatgutbeizung ist der Schädlingsdruck hier stark gestiegen. Bei Kartoffeln ist es der einzige Wirkstoff gegen Drahtwürmer.» Ein Drahtwurmbefall von über sieben Prozent führe zu einer Annahmeverweigerung der Ernte durch den Handel, da sei die Toleranz der Verteiler und Kunden sehr klein, sagt Brugger.

Bei einem Verbot des Wirkstoffes müsse man grossflächig auf viel kritischere Insektizide zurückgreifen Pestizide «Ein Freipass für die Agrochemie» , wobei Resistenzen bei bestimmten Schädlingen drohen würden. Umweltschonendere Alternativen, zum Beispiel der Einsatz eines Pilzes gegen Drahtwürmer, seien immer noch in der Testphase. «Wir sind sofort bereit auf Alternativen umzustellen, aber zuerst müssen solche zur Verfügung stehen.»

Erheblich giftiger als Glyphosat

Ganz anders der Tenor bei Greenpeace: «Für uns ist klar: Chlorpyrifos ist ein extrem toxischer Stoff, den es möglichst schnell aus dem Verkehr zu ziehen gilt», sagt Philippe Schenkel, Experte für nachhaltige Landwirtschaft bei der Umweltorganisation. Das Insektizid sei viel giftiger Umweltschutz Giftcocktails im Wasser als das umstrittene Glyphosat Unkrautvertilger «Glyphosat ist krebserregend» . «Merkwürdigerweise geht es im Bio-Anbau auch ohne. Natürlich gibt es Herausforderungen und es ist unter Umständen anspruchsvoller für den Landwirt. Aber möglich ist es.»

Zudem hätten Vertreter der konventionellen Landwirtschaft beim Teilverbot der Neonicotinoide 2013 schon die gleichen Befürchtungen vorgebracht. Aber man sehe bis jetzt keinen Rückgang der Erträge. «Es ist also ein schlechtes Argument, nur weil man angeblich keine Alternative hat, hochtoxische Substanzen einfach weiterhin einzusetzen und die Schäden in Kauf zu nehmen.»

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Tina Berg, Online-Redaktorin

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