Die Tiefe des Sees lockt – und mit ihr ­mys­tische Lichtspiele, Hechte und die phantastische Vorstellung, einen Schatz zu bergen. Doch Hobbytaucher stossen in den Schweizer Seen nur selten auf das Erhoffte. Das Wasser ist während der Sommermonate auf­gewirbelt und trüb. Und auf dem Grund der Seen stösst man statt auf Gold nur auf Blechdosen, ­Autobatterien und WC-Schüsseln. Die als sauber gerühmten Schweizer Seen entpuppen sich ­unter der Wasseroberfläche allzu oft als illegale Abfalldeponien.

«Das darf nicht sein», sagte sich der Hobby­taucher Thomas Niederer und gründete im ­Sommer letzten Jahres den Verein Schweizer Umwelt- und Abfalltaucher (Suat). Heute engagieren sich bereits gegen 20 aktive Mit­glieder an Feierabenden und Wochenenden für saubere Seen und Flüsse. Alles Freiwillige, die sich in ­enge Neoprenanzüge zwängen, um die Gewässer zu entrümpeln.

Schlamm und bürokratische Hürden

Eine davon ist die 45-jährige Silvia Awad aus dem luzernischen Emmenbrücke. In den Fe­rien taucht sie im Roten Meer nach Doktorfischen, für die Suat fischt sie in bis zu 15 Meter Tiefe nach Schrott. «Tauchen gehe ich sowieso während des ganzen Jahres. Also kann ich mein ­Hobby ja auch mit etwas Nützlichem verbinden.» Einmal pro Woche trifft sie sich mit Mitstreiterinnen und Mitstreitern. «Unabhängig von Wind, Wetter und Wellengang nehmen wir uns eines bestimmten Abschnitts eines Gewässers an», sagt sie.

Momentan putzt die Suat den Vierwaldstättersee. Doch das dauert. «Seit Monaten tauchen wir in Hergiswil», sagt Awad. Büchsen und ­Dosen sammeln sie unter Wasser in Einkaufsnetzen, schwerere Gegenstände ziehen sie mit einem Seil raus. Jede Säuberungsaktion wirbelt viel Schlamm vom Grund des Sees auf. Selbst im Licht der Tauchlampen erkennt Silvia Awad schon nach kurzer Zeit kaum mehr die eigene Hand vor Augen.

Noch erschwerender im Kampf gegen den Kehricht im Wasser sind aber die bürokratischen Hürden. Die Putztaucher müssen für ihre Aktio­nen jeweils eine Bewilligung einholen – bei jeder Gemeinde einzeln. Eine kantonale Regelung würde den Umweltschützern viel erleichtern. «Wir erwarten, dass die Gemeinden uns wenigs­tens eine Mulde zur Verfügung stellen. Müssten wir den raufgeholten Plunder auf unsere Kosten entsorgen, würden wir uns finanziell übernehmen. Wir müssten mit unseren Putzaktionen aufhören», sagt Awad. Eine Entlöhnung für ihr Engagement erhalten die Taucher nicht. Die Kos­ten für Ausrüstung und Transport berappen sie selber. «Wir zählen auf Sponsoren. Diese sind aber leider noch rar.»

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Vor Badewiesen liegt besonders viel Müll

Immer wieder organisiert die Suat Grossanlässe, bei denen weit mehr Personen als sonst im, am und auf dem Wasser im Einsatz stehen. So wurde das Luzerner Seebecken von rund vier Tonnen Müll befreit. Was bei einem solchen Tauchgang alles ans Tageslicht kommt, bezeichnet Silvia Awad als haarsträubend: Flaschen, Autopneus, Kühlschränke und Batterien. Möbelstücke, La­vabos, Hollywoodschaukeln und Rasenmäher. Fernsehapparate, Farbkübel, WC-Schüsseln und ganze Gartenmöbel-Sets. Wohlstandsmüll, achtlos weggeworfen. «Aus den Augen, aus dem Sinn. Das ist es wohl, was sich die Entsorger denken», sagt sie. «Weiter denken die wohl nicht. Das Bewusstsein für die Langzeitwirkungen der Verschmutzung fehlt total. Dabei gibt es ohne sauberes Trinkwasser kein Leben.» Die illegale Abfallentsorgung fällt an rege genutzten Badewiesen besonders leicht; ebenso dort, wo eine Strasse einem Gewässer entlangführt – entsprechend viel Müll liegt auf dem Grund.

An Aufgaben mangle es den Abfalltauchern nicht, sagt Awad. Stünden sie und ihre Kollegen täglich im Einsatz, hätten sie die Schweizer Seen auch in 200 Jahren noch nicht vollständig entrümpelt. Wenn sich doch nur Geld aus den ganzen Velos, Kloschüsseln und Glasflaschen machen liesse! Dann wären Silvia Awad und die Suat steinreich. Rechtlich gesehen gehören die ungeheuerlichen Funde nämlich dem, der sie aus dem Wasser fischt.