Rote Köpfe hinter Steuerrädern, unfreiwillige Picknicks auf heissem Asphalt, totaler Stillstand: Fällt das Wort «Gotthard», kommen wahrscheinlich auch Ihnen zuallererst die kilometerlangen Blechlawinen in den Sinn, die sich im Sommer auf der Autobahn stauen.

Doch der Gotthard ist mehr als ein Transitraum mit Tunnel. Die «Wiege der Eidgenossenschaft» ist eine grossartige Bergregion mit einer kulturellen und natürlichen Vielfalt, die in Europa ihresgleichen sucht. Seit dem Mittelalter ist der Gotthard einer der wichtigsten Alpenübergänge auf der Nord-Süd-Achse geworden. Er scheidet Klima und Kulturen, und er ist als Quellgebiet grosser Flüsse das «Wasserschloss» Europas.

Von seinem Mythos wollen die Gotthardkantone Uri, Tessin, Graubünden und Wallis jetzt gemeinsam profitieren (siehe Artikel zum Thema «Zwischen Andermatt und Airolo: Experiment Gotthard»). Sie haben das Projekt «Regio San Gottardo» gegründet – mit dem Ziel, die Gotthardregion unter einer gemeinsamen Dachmarke zu einer Tourismusdestination zu machen und so der wirtschaftlichen Abwärtsspirale Einhalt zu gebieten. Denn seit Jahrzehnten sind die Aussichten schlecht: Die Beschäftigung sinkt, die jungen Leute wandern ab. Und mit der Eröffnung des «längsten Eisenbahntunnels der Welt» im Jahr 2018 werden die Verkehrsströme noch schneller vorbeifliessen. Die Region droht zu veröden.

Noch hängt das Tourismusexperiment an einem dünnen Faden. Die Interessen von 120 Gemeinden müssen unter einen Hut gebracht, die Menschen in den vier Gotthardkantonen auf ein gemeinsames Ziel eingeschworen werden. Keine leichte Aufgabe in einer Region, deren Talschaften sich bislang kaum durch eine gemeinsame Identifikation mit dem Gotthard ausgezeichnet haben.Vor Herausforderungen ganz anderer Art stehen die Menschen am Golf von Mexiko. Die Havarie der Bohrinsel «Deepwater Horizon» hinterlässt Schäden ungeahnten Ausmasses. Biologen sprechen von der «schlimmsten Ölpest in der US-Geschichte» und befürchten, dass es Jahrzehnte dauern wird, bis sich das Ökosystem regeneriert hat.

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Und schon rechnen Umweltfachleute mit weiteren Katastrophen. Denn der Wettlauf um die letzten Ölquellen verlockt die Förderfirmen zu immer riskanteren Bohrungen am Meeresgrund (siehe Artikel zum Thema «Ölförderung: Bis zum letzten Tropfen»). Neu in den Fokus geraten ist der Nordpol, wo riesige Erdöl- und Erdgasvorkommen vermutet werden. Bohrungen in der Polarzone gelten als besonders gefährlich, da auslaufendes Öl in kaltem Wasser viermal langsamer abgebaut wird als in gemässigten Zonen. Käme es am Nordpol zu einem Zwischenfall, würde es sehr lange dauern, bis sich die Natur erholt hätte – ein zu hoher Preis für die Ausbeutung der letzten Reserven an schwarzem Gold.

Mit diesem Heft verabschiedet sich BeobachterNatur in die Sommerpause. Die nächste Ausgabe erscheint am 12. August. Bis dahin wünschen wir Ihnen sonnige und erholsame Tage.

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