Positiv überrascht wurden die Redaktoren Stefan Bachmann und Thomas Angeli, als sie für unsere Titelgeschichte recherchierten – im Wald (siehe Artikel zum Thema). Vor 25 Jahren wurde dessen Tod beschworen. Heute wissen wir: Unsere Wälder sind nicht gestorben. Sie sind im Gegenteil sogar gewachsen. Und ein Augenschein vor Ort zeigt, dass sie immer wilder werden. Oder wie der Ökologe Harald Bugmann sagt: «In den letzten 100 Jahren ging es dem Wald nie so gut wie heute.» Die «Waldsterben-Hysterie» war übertrieben. Aber sie wirkte auch positiv. Unser Blick für Umweltrisiken wurde geschärft, und Massnahmen wurden ergriffen. Zu Recht, denn der Wald leidet unter Stress: unter Klimaextremen und sauren Böden. Die Diagnose war falsch, die Therapie richtig.

Überrascht wurde auch Andrea Haefely. Eine Routinerecherche wurde zum Krimi, als sie an ihrer Reportage über die Melander-Fischfarm im sankt-gallischen Oberriet arbeitete. Für den Blick ins Innere der über 30 Millionen Franken teuren Fischzucht des deutschen Industriellen Hans Raab hatte sich eine Mehrheit der BeobachterNatur-Leserinnen und -Leser in einer Onlineabstimmung entschieden.
Kaum hatte Haefely die Anlage besucht, um für die «Wunschreportage» zu recherchieren, stand sie im Auge des Sturms: Zwischen dem Patron, den Behörden und der Tierschutzorganisation «Fair-Fish» entbrannte ein Streit über die Tötungsmethoden auf der Farm, der sich von Tag zu Tag zuspitzte. Raab liess die Fische herunterkühlen und in einer mit Eis gefüllten Trommel entschleimen, bevor er sie tötete – eine in der EU gängige Praxis, die aber in der revidierten Schweizer Tierschutzverordnung nicht erwähnt und deshalb nicht erlaubt ist. Der mit verbalen Ausrutschern gespickte Fischkrieg endete in einem Showdown: Raab beschloss, alle Fische zu töten und die Firma zu schliessen.

Verordnungen sind verbindlich. Auch für Pioniere wie Hans Raab, der seine Welse in Thermalwasser und mit Biofutter aufzog – ohne den üblichen Zusatz von Antibiotika. Trotzdem hinterlässt der Eklat einen üblen Nachgeschmack. Warum handelten die Behörden so spät? Reichte es, Raab bloss auf die Tierschutzverordnung hinzuweisen und erst dann aktiv zu werden, als der Druck der Medien zu gross wurde? Und: Wie sinnvoll ist eine Verordnung, deren Tötungsbestimmungen bei kleinen Fischen funktionieren, deren Anwendbarkeit aber bei grösseren Tieren wie Welsen wissenschaftlich nicht geklärt ist?

Anzeige

Andrea Haefely ist eine der letzten Journalistinnen, die von Hans Raab empfangen wurden. Lesen Sie ihren Beitrag (siehe Artikel zum Thema) – keine «Wunschreportage», sondern die Chronik des Untergangs einer Firma, deren streitbarer Patron das Gute erzwingen wollte, aber am Ende an seinem Stolz und an überforderten Behörden scheiterte.