Franz Baumgartner: Wir werden profitieren

Franz Baumgartner ist Dozent für erneuerbare Energie an der ZHAW in Winterthur.

Zwei Drittel der Endenergie der Schweiz decken Öl und Gas. Laut Bundesamt für Energie zahlen die Endverbraucher jährlich etwa 20 Milliarden Franken für die Beschaffung von fossilen Energieträgern aus dem Ausland. Das entspricht in etwa den Bundesausgaben für Verkehr, Bildung und Forschung, Landwirtschaft und Landesverteidigung.

Natürlich fliesst im Gegenzug ein grosser Teil des Geldes ins Ausland, um unter anderem afrikanisches Erdöl und russisches Erdgas zu sichern. Etwa zehn Milliarden Franken zahlen die Endkunden für Elektrizität in der Schweiz. Damit entfallen etwa zwei Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) auf den Strom.

Von 1990 bis 2010 wurde das BIP um 40 Prozent gesteigert, der Endenergieverbrauch ist gleichzeitig aber nur um zehn Prozent gewachsen. Diese Entkoppelung von Energiehunger und Steigerung des Wohlstands macht Mut, die Effizienzsteigerung noch aggressiver anzugehen und gleichzeitig die Treibhausgas­emission und die Risiken der nuklearen Energiequellen zu minimieren. Dafür braucht es deutlich mehr erneuerbare ­Energie in der Schweiz.

Der in den letzten zwei Jahrzehnten zaghafte Zubau von Strom aus erneuerbaren Quellen, weniger als ein Promille jährlich, reicht dazu nicht aus. Da sollten wir uns Deutschland zum Vorbild nehmen. Die grösste euro­päische Wirtschaftsnation hat im selben Zeitraum demonstriert, dass jährlich ein mehr als zehnfaches Wachstum der erneuerbaren Stromerzeugung möglich ist. Zumal die Schweizer Elektrizitätswirtschaft durch Import- und Exportgewinne mit elektrischem Strom jedes Jahr um etwa 1,5 Milliarden Franken reicher wird. Das ist ein Vielfaches mehr als das Fördervolumen des Bundes für erneuerbare Energien.

In der Schweiz beträgt das Potential der Solarstromanlagen, die auf bestehenden Gebäudedächern installiert werden können, etwa einen Fünftel des heutigen Stromverbrauchs. Damit sollte die Substitution von etwa der ­Hälfte der heutigen Stromproduktion aus Kernkraftwerken gelingen. Genauso sieht das auch das Energieszenario des Bundesrats vom Frühjahr 2012 vor.

Diese Zielvorgabe deckt sich mit jener von Swissolar, dem Branchenverband der Solarindus­trie, und jener der Agentur für Erneuerbare Energie und Energieeffizienz. Allerdings bleibt ein gravierender Unterschied bezüglich des Zielzeitpunkts: Swissolar sieht ihn bei etwa 2025 und der Bundesrat bei 2050.

Wenn wir aber schnell genug die Energiewende schaffen, ersparen wir uns das CO2-behaftete Gaskraftwerksintermezzo. Zudem bleibt dann die Wertschöpfung grösstenteils in der Schweiz. In Deutschland generiert die Installation von Photovoltaikanlagen aktuell etwa einen Drittel des Umsatzes des gesamten Elektro­installationsgewerbes. Mit dieser Stromerzeugung bleiben auch die Jobs in der Region. So beflügeln die erneuerbaren Energien die Volkswirtschaft und die Umwelt.

Silvio Borner: Der Wohlstand wird sinken

Silvio Borner ist emeritierter Wirtschaftsprofessor und Buchautor.

Das wahlpolitische Ränkespiel zum Ausstieg aus der Kern­energie war eine billige Proklamation. Die Machbarkeit der Energiewende ist bis heute eine Frage des Glaubens und nicht das Ergebnis vorurteilsfreier energie- und volkswirtschaftlicher Analysen. Trotzdem steht Frau Bundesrätin Leuthard nach wie vor mit viel «Herzblut», aber wenig Sachverstand dahinter. Dies ist eine verantwortungslose Anmassung von politischer Macht und von ­technisch-ökonomischem Wissen. Ein Marsch­halt bei der Planung neuer Atomkraftwerke hätte vollauf genügt, um in aller Ruhe alle Alternativen vorurteilslos zu prüfen. Erste ­unabhängige Beurteilungen kommen zum Schluss, dass die Grundlagen des bundesrätlichen Entscheids ungenügend, ja ­geradezu tendenziös sind. Dies ist brisant, weil die grossspurig angekün­digte Wende nur mit einschneidenden planwirtschaftlichen Eingriffen um­gesetzt werden könnte. Dabei wird es bei ­jeder einzelnen Abstimmung nicht mehr um Glaubensbekenntnisse, sondern um handfeste Kosten-Nutzen-Abwägungen und Verteilungsfragen ­gehen.

Auf der Nachfrageseite bedingt die Energiewende die radikale Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Elektrizitätsverbrauch – Letzterer soll ab 2020 sogar absolut zurückgehen! Dies ist völlig unrealistisch. Man müsste deshalb die Stromnachfrage durch massive Preiserhöhungen, durch extrem strenge Effizienz­auflagen oder gewaltsam durch Rationierung senken. All dies ­hätte hohe Kosten für die Wirtschaft und beträchtliche Nachteile für die Haushalte zur Folge. Die zwangsweise eingesparten Kilowattstunden kämen deshalb sehr teuer zu stehen. Auf der An­gebotsseite ist ein massiver Ausbau der Wasserkraft sowie neuer erneuerbarer Energien geplant. Weil dies niemals ausreicht, muss die Versorgungslücke mit Gaskraftwerken oder mit Importen geschlossen werden. Gegen beide Lösungen werden sich ökonomische und ökologische Widerstände ergeben, die ernst zu nehmen sind.

Die billigste Variante wäre, die bestehenden Kernkraftwerke länger laufen zu lassen, möglichst wenig in die Förderung von Energieeffizienz und Alternativenergien zu investieren und die Lücke durch Importe zu schliessen.

Die teuerste Lösung wäre sicher die Erzwingung einer drastischen Reduktion des Strom­verbrauchs, weil dies zur Abwanderung der Industrie und zu Wohlstandsverlusten der Haushalte führen würde. Langfristig sind die Kosten des Verbots der Kern­technologie jedoch noch höher zu ver­anschlagen als die Gelder zur Förderung von Wind- und Sonnenenergie.

Die Elektrizitätsversorgung des Jahres 2050 kann aus heutiger Sicht nur durch Offenhaltung aller Optionen gesichert werden. Heute zu verbieten, was in 30 Jahren als Innovation zum Durchbruch kommen könnte, ist eine absolute Dummheit.

Die Meinungen der Autoren müssen sich nicht mit derjenigen der Redaktion decken.

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