Die holländischen Gefängnisse sind mir am liebsten. Wer nichts Schlimmes verbrochen hat, wird nach spätestens vier Stunden wieder freigelassen. In Finnland wars hingegen richtig unangenehm, dort wollten sie mir nicht einmal etwas zu essen geben.

Mir ist es egal, ob ich verhaftet werde. Ich akzeptiere diese Konsequenz, wenn ich dafür die Menschen auf Umweltthemen aufmerksam machen kann. Ich bin keine Verrückte, keine Radikale, keine vermummte Krawallmacherin: Ich bin Liesbeth Deddens, 32 Jahre alt, studierte Kommunikationswissenschaftlerin, habe viele Jahre als Marketingmanagerin gearbeitet und inzwischen meine eigene Kommunikationsfirma gegründet.

Ich liebe die Berge und gehe gerne klettern. Deshalb bin ich vor zwei Jahren in die Schweiz gezogen. Aufgewachsen bin ich in einem Dorf in Holland. Schon als Kind spielte ich gerne in der Natur. Als Jugend­liche überlegte ich, was ich tun kann, um die Natur zu schützen. Ich meldete mich bei Greenpeace. Zwei Jahre lang verteilte ich Flyer. Doch das reichte mir nicht.

«Ich war verängstigt»

Greenpeace bot mir an, ihrem Action-Team beizutreten. Das fand ich spannend. Ein ganzes Jahr lang habe ich an Trainings teilgenommen, gelernt, wie man Banner am besten an Gebäuden anbringt oder mit Spraydosen lesbare Buchstaben schreiben kann. Vor allem aber bekam ich eine Einführung im Industrieklettern. Beim Besteigen hoher Gebäude hat man viel mehr Material dabei als beim Sportklettern – weil man aus Sicherheitsgründen das meiste in doppelter Ausführung mit sich trägt.

Dann kam meine erste grosse Aktion in Holland. Ich kettete mich an einen Kran, um so den Bau eines Kohlekraftwerks zu verhindern. Es folgte meine erste Verhaftung. Ich war verängstigt, zuvor war ich noch nie in einem Gefängnis gewesen. Das Gefühl, nicht einfach hinauslaufen zu können, war sehr eindrücklich. Ich träumte noch wochenlang davon. Gewöhnen werde ich mich daran wohl nie.

Doch ich vertraue Greenpeace, weiss, dass immer jemand da ist, um mich wieder herauszuholen. Vor dem Gefängnis warten Leute von Greenpeace mit Essen, einem Handy und Kleidung. Auch mein Freund ist immer da und bringt mich nach Hause.

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«Wir wollten nicht anonym bleiben»

Vor einigen Monaten suchte Greenpeace nach Teammitgliedern ohne Höhenangst. Ich meldete mich sofort. Erst bei ­einem Treffen wurden wir aufgeklärt, dass Greenpeace aus Protest gegen Ölbohrungen in der Arktis einen Wolkenkratzer in London erklimmen will. Wie jedes Mal wurden wir sehr genau über mögliche strafrechtliche Konsequenzen informiert. Es wäre absolut in Ordnung gewesen, aus dem Projekt auszusteigen, doch für mich war klar, dass ich mitmachen wollte.

Eine Woche lang bereiteten wir uns vor, verschafften uns auf der Aussichtsplattform einen Eindruck der Fassade und fertigten ein fünf Meter hohes Modell des Wolkenkratzers an. Das Spezielle an diesem Einsatz: Normalerweise seilt man sich irgendwo ab, hier aber sollten wir von unten bis ganz nach oben klettern. 310 Meter. Ebenfalls aussergewöhnlich: Wir gaben unseren Namen und unsere Nationalität schon im Voraus in einem Blog bekannt. Wir wollten nicht anonym bleiben, sondern zeigen, dass wir normale Menschen sind, die tun, woran sie glauben.

«Die Polizei folgte uns Etage für Etage»

An einem Donnerstag um zwei Uhr nachts startete die Aktion. Wie bei der Fernseh­serie «A-Team» fuhren wir vor und kletterten vom Dach des Vans auf ein Vordach des Hochhauses. Als ich nach oben schaute, war ich relativ ruhig. Nach etwa zehn Stunden wurde es erstmals problematisch. Wir – sechs Frauen – waren allmählich erschöpft, und da war ein kleiner Überhang, der uns das Leben schwer machte.

Da die Fassade des Hauses aus Glas besteht, konnten wir die Polizei im Gebäude­innern ständig sehen. Sie folgte uns Stockwerk für Stockwerk in die Höhe. Mit Lautsprechern warnten sie uns vor den Konsequenzen. Trotzdem versuchten sie nicht, uns von unserem Vorhaben abzubringen. Ihnen war klar, dass das viel zu gefährlich wäre. Wirklich kritisch war es aber nie.

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Nach 15 Stunden schafften wir es: Meine Kollegin brachte die Greenpeace-Flagge auf der Spitze des Hochhauses an. Danach kam, was kommen musste: die Verhaftung. Dieses Mal dauerte es fast einen Tag, bis wir wieder aus dem Gefängnis waren. Lange Stunden. Doch sie lohnten sich. Das Echo war riesig. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Ob wir mit unseren Aktionen wirklich etwas bewirken können? Bei Ölkonzernen wie Shell, der in der Antarktis bohrt, wohl kaum. Doch wenn unsere Einsätze auch nur einige Menschen dazu bewegen, dar­über nachzudenken, was wir der Umwelt antun, hat sich unsere Mühe gelohnt. Das ist mein Ziel. Dafür kämpfe ich.