BeobachterNatur: Wie geht es dem Panda, dem Wappentier des WWF?
Hans-Peter Fricker: 1961, bei der Gründung des WWF, stand der Grosse Panda kurz vor der Ausrottung. Heute leben in China wieder 1600 Pandas in freier Wildbahn, in einem Gebiet von der Grösse Belgiens, das wir unter Schutz stellen konnten.

BeobachterNatur: Zwei Drittel aller Tierarten sind vom Aussterben bedroht. Hat der WWF etwas falsch gemacht?
Fricker: Nein, aber es gibt noch viel zu tun. Auf der roten Liste stehen noch viel zu viele Arten. Der «Living Planet Index», den wir seit 1970 erheben, zeigt aber auch, dass der Biodiversitätsverlust heute weniger schnell verläuft als früher. Gewisse Arten haben sich sogar zahlenmässig erholt, etwa die Elefanten in Tansania.

BeobachterNatur: Was hat der WWF Schweiz erreicht?
Fricker: Im Bereich Artenschutz ist uns beispielsweise die Wiederansiedelung der Biber oder des Bartgeiers gelungen; auch die Rückkehr des Lachses steht kurz bevor; ein erstes Exemplar wurde jüngst im Unterrhein gesichtet. Im Gewässerschutz, einem unserer Hauptanliegen, haben wir erreicht, dass zahlreiche Flüsse revitalisiert wurden, dass sie wieder naturnaher sind. In und an Flüssen lebt die Hälfte unserer Tier– und Pflanzenarten. Wir haben uns aber auch von Anfang an in den internationalen Projekten des WWF-Netzwerks engagiert, für den Schutz bedrohter Tiere in Afrika und Asien oder den Schutz der Regenwälder. Der grössere Teil unserer Gelder, 55 Prozent, fliesst jedoch in nationale Programme. Das erwartet auch die Schweizer Bevölkerung, die uns mit Spenden unterstützt.

BeobachterNatur: Andererseits bleiben viele wichtige Anliegen auf der Strecke. Warum kümmert sich der WWF in der Schweiz nicht um Moore, Landschaftsschutz und Landwirtschaft?
Fricker: Dass wir in diesem Bereich weniger sichtbar sind, heisst nicht, dass wir diesbezüglich weniger machen. Wir engagieren uns etwa in der Agrarallianz, und unser Widerstand gegen die Erhöhung der Grimselstaumauer hat direkt mit dem Moorschutz zu tun.

BeobachterNatur: Wie viel Politik verträgt der Naturschutz?
Fricker: Umweltschutz ist ohne Umweltpolitik gar nicht möglich. Deshalb arbeiten wir auf kantonaler, nationaler und internationaler Ebene mit den Behörden zusammen. Im Klimaschutz setzen wir uns beispielsweise auf kantonaler Ebene dafür ein, dass sich Schweizer Energieproduzenten nicht mehr an ausländischen Kohlekraftwerken beteiligen; auf nationaler Ebene machen wir mit der Klimainitiative Druck auf die Revision des C02-Gesetzes, und auf internationaler Ebene kämpfen wir dafür, dass das für den Klimaschutz zentrale Kyoto-Protokoll ausgebaut und weitergeführt wird.

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BeobachterNatur: Gleichzeitig kooperiert der WWF mit der Wirtschaft, macht gemeinsame Sache mit Grosskonzernen wie Coca Cola oder Migros.
Fricker: Wenn es uns gelingt, grosse Unternehmen dazu zu bringen, ihre Produkte ökologischer herzustellen, erreichen wir extrem viel, denn über Ökologie wird massgeblich in der Wirtschaft bestimmt. Der Hebeleffekt strategischer Kooperationen ist enorm. Die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, keine gefährdeten Fische mehr zu kaufen, ist eine aufwändige Arbeit mit viel Streuverlust: So erreichen Sie nie alle Konsumenten. Doch wenn Sie dafür sorgen, dass der amerikanische Detailhandelsriese Walmart und Unternehmen wie Migros und Coop auf MSC-zertifizierten Fisch, also Fisch aus nachhaltiger Fischerei, umstellen, verändern Sie den Markt, lenken die Entwicklung in die richtigen Bahnen. Noch ein Beispiel: Wenn sie die Post dazu bringen, den C02-Ausstoss innert dreier Jahre um zehn Prozent zu reduzieren, wirkt sich das auf den Fussabdruck der Schweiz aus.

BeobachterNatur: Was, wenn sich ein Unternehmen, mit dem der WWF am Runden Tisch sitzt, als Umweltsünder entpuppt?
Fricker: Wir behalten uns in allen Zusammenarbeitsverträgen immer das «right to criticize» vor, das Recht, Kritik zu üben. Es wird nicht jemand automatisch heilig gesprochen, weil er sich in gewissen Bereichen vorbildlich verhält. Wenn jemand sündigt, muss er darauf aufmerksam gemacht und zur Rechenschaft gezogen werden.

BeobachterNatur: Haben Sie Unternehmen auch schon zur Rechenschaft gezogen?
Fricker: Natürlich. Wenn Grossverteiler, die als ökologisch gelten wollen, Aktionen mit höchst problematischen Billigflügen durchführen, reden wir ihnen ins Gewissen.

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BeobachterNatur: Hat das dann auch Konsequenzen?
Fricker: In den meisten Fallen ja.

BeobachterNatur: Sie selber sind FDP-Mitglied. Steht damit nicht die Unabhängigkeit des WWF zur Debatte?
Fricker: Ich bin ja nur ein einfaches Parteimitglied, und in sehr vielen Punkten sind der WWF und die FDP ganz anderer Meinung, beispielsweise in der Frage, ob es neue Atomkraftwerke brauche. Unabhängigkeit ist für eine Organisation wie den WWF zentral, und wir achten beispielsweise auch darauf, dass keine Vertreter von Firmen im Stiftungsrat sitzen, mit denen wir Partnerschaften unterhalten.

BeobachterNatur: Man würde annehmen, WWF-Mitarbeiter seien eher bei den Grünen anzusiedeln…
Fricker: Der WWF macht keine Parteipolitik. Uns liegt die Ökologie am Herzen, und die hat mit links und rechts nichts zu tun. Die Annahme, wer grün sei, sei auch links, ist doch Unsinn. Es gibt viele umweltbewusste Leute bei den bürgerlichen Parteien und auch in der Wirtschaft – sonst kämen keine Kooperationen zustande.

BeobachterNatur: Wie wirtschaftlich arbeitet der WWF selber?
Fricker: Wenn wir von der Wirtschaft verlangen, effizienter zu werden und weniger Ressourcen zu verbrauchen, müssen wir uns selber auch daran halten. Wir wollen deshalb unsere Selbstkontrolle künftig noch verstärken und werden unser Evaluierungssystem verbessern.

BeobachterNatur: Der WWF setzt neuerdings auf Konsumthemen und Klimaschutz. Wo bleibt da der klassische Artenschutz?
Fricker: Wir lassen den Artenschutz ja nicht fallen. Die Fussabdruck-Themen – Ressourcenverbrauch und Klimawandel – verstehen wir als Ergänzung zur Biodiversität. Falls die Erderwärmung weiter voranschreitet und in eine Klimakatastrophe mündet, hilft Artenschutz allein auch nicht weiter.

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BeobachterNatur: In Kampagnen operiert der WWF weiter mit Tieren. Weil sich auch unpopuläre Themen so besser verkaufen lassen?
Fricker: Kampagnen müssen nachvollziehbar, eindringlich und emotional sein. Von daher ist ein Eisbär in einer Klimakampagne wirkungsvoller als eine abstrakte Botschaft zum Thema. An ihm lässt sich die Dramatik des Abschmelzens des arktischen Eises exemplarisch aufzeigen.

BeobachterNatur: Wie will der WWF den ökologischen Fussabdruck verkleinern?
Fricker: Wir verbrauchen heute die Ressourcen von 1,5 Planeten, in der Schweiz sogar von 2,8 Planeten. Wenn wir unseren Verbrauch nicht reduzieren, riskieren wir, dass die kommenden Generationen nicht mehr die gleiche Lebensqualität haben werden. Wir wollen aber nicht verbieten, sondern aufklären und Anreize schaffen. Sich einschränken bedeutet nicht, auf ein angenehmes Leben zu verzichten und in einer kalten Höhle zu leben. Im Gegenteil, Minergie- und Mingergie-P-Häuser sind sehr komfortabel. Und man gewinnt sogar noch etwas dazu: ein gutes Gefühl.

BeobachterNatur: Wie ökologisch leben Sie selber?
Fricker: Ich heize nicht über 20 Grad, habe keine Geräte im Stand-by-Modus. Fleisch kommt bei mir maximal dreimal pro Woche auf den Teller, ich besitze kein Auto und fliege selten. Mein Fussabdruck schwankt zwischen 1,8 und 2,2 Planeten. Wer in der Schweiz lebt, kommt fast nicht unter den Wert 2 – das ist leider eine Tatsache.

BeobachterNatur: Neuerdings spricht man vom «Age of Less», von einem Wertewandel Richtung mehr Bescheidenheit, weg von gedankenlosem Konsum und Hedonismus.
Fricker: Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Grundsätzlich sind ja immer alle für Naturschutz. Nur leider ist unsere derzeitige Kultur nicht auf langfristiges Denken ausgerichtet. Solange es billiger ist, nach Berlin zu fliegen als dafür in den Zug zu steigen, ist es schwierig, Menschen für ökologisches Verhalten zu gewinnen. Anderseits ist der Absatz von Bioprodukten in der Schweiz trotz Finanzkrise allein letztes Jahr um sieben Prozent gestiegen. Die Entwicklung geht also in die richtige Richtung.

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