Am 23. August 2005 schlägt einmal mehr der «Aare­teufel» zu. Ein Dauerregen lässt den Pegel des Flusses anschwellen, in Brienz zerstört ein Zufluss einen Dorfteil, das Berner Mattequartier steht metertief unter Wasser. Auch die Seen treten über die Ufer, vor allem Brienzer-, Thuner- und Bielersee. Die Schäden sind beträchtlich. Besonders genau beobachtet man die Situation aber am randvollen Hagneckkanal im Berner Seeland. Der Kanal ist das Kernstück der berühmten Juragewässerkorrektion: Seit 130 Jahren leitet er das Aare­wasser von Aarberg in den Bielersee. Jetzt sind seine acht Kilometer langen Dämme altersschwach; sie könnten aufgrund des Wasserstands bersten. Das ganze Seeland wäre im Nu überflutet.

Die Dämme halten, noch einmal geht alles gut. Doch als der Pegel sinkt, werden lange Risse sichtbar. Beim Einschnitt durch den Hügelzug am Bielersee drohen zudem die Steilwände zu kollabieren. Es ist unverkennbar: Der Hag­neckkanal stösst an seine Grenzen. Er muss dringend ­saniert werden.

Acht Jahre später, Anfang Juni 2013. Geräuschlos strömt das blaugrüne Aarewasser durch den Kanal in Richtung Bielersee. Mücken tanzen. Nachtigallen tremolieren im Weidengebüsch. Dann stört eine Hupe das Idyll. Lastwagen donnern im Höllentempo die Dammwege entlang. Staub wirbelt auf, verwehrt minutenlang die Sicht. Weiter vorne arbeiten Bagger am Deich und verschieben tonnenweise Erde und Kies. Arbeiter, die orange Helme tragen, hantieren mit Baumaterial.

«Wir sind mitten in der Sanierung», sagt Bernhard Schudel vom Amt für Wasser und Abfall im Kanton Bern. «Jetzt, wo endlich schönes Wetter herrscht, müssen wir Vollgas geben.»

Einst verging hier im Seeland kaum ein Jahrzehnt ohne Flut. Armut, Hunger und Krankheiten prägten das Leben der Menschen. In manchen Jahren wütete sogar die Malaria in der versumpften Ebene.

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Ursache war die Aare, die bei Regen stark anschwellen konnte und Unmengen von Geröll und Sand mit sich riss. Dieser Schutt blieb dann auf dem Plateau zwischen Murten, Biel und Solothurn liegen, der Fluss staute sich selber auf. Zudem blockierte das Geröll den Abfluss des Bielersees: Der Pegel stieg und stieg.

Visionen für eine Korrektur der Aare gab es viele. Doch erst 1867, nach einem 150 Jahre währenden Streit, gelang es den Kantonen und dem Bund, sich auf einen Plan zu einigen: die Juragewässerkorrektion.

«Die Dimension des Projekts überstieg alles bisher in der Schweiz Dagewesene», sagt Daniel Vischer, emeritierter Professor für Wasserbau, der bei der zweiten Juragewässerkorrektion in den 1970er Jahren mitgewirkt hat. Denn man hatte nichts Geringeres vor, als die Aare umzuleiten, die Flüsschen Broye und Zihl zu begradigen, die Pegel von Bieler-, Neuen­burger- und Murtensee um 2,5 Meter zu senken und die 100 Kilometer lange Ebene entlang der Seen zu entsumpfen.

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«Genial war vor allem die Idee, die Aare in den Bielersee umzuleiten», sagt Vischer. So konnte der See als Auffangbecken für die Wassermassen und für den Schutt genutzt werden.

Wie aus alten Dokumenten hervorgeht, bauten 300 Arbeiter den Hagneckkanal nur mit Pickel und Schaufel. Das schwierigste Stück war der Durchstich durch den Hügelzug bei Hagneck. Hier musste über eine Strecke von 900 Metern ein 34 Meter hoher Hügel abgetragen werden.

1878 war das Jahr der Einweihung. Im alten Aareflussbett fliesst seither ein harmloses Bächlein. Aber das Seeland entwickelte sich rasant vom Sumpf zum Gemüse­garten: Ein Viertel des Schweizer Gemüses stammt heute aus dieser Region.

Die Geschichte der Juragewässerkorrektion ist damit allerdings noch nicht zu Ende erzählt. Denn 1910 kam es erneut zur Flut. «Zum einen waren nach der Entsumpfung weite Teile der Ebene um etwa einen Meter abgesackt», sagt Daniel Vischer. «Zum anderen konnte man den Wasserstand nicht richtig regeln – das Wehr in Biel erwies sich als mangelhaft.» Drei Kantone verlangten daher die sofortige Sprengung des Baus. Die Antwort der Berner war deutlich: «Nume nid gsprängt!»

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Abhilfe schuf später ein neues Wehr in Port bei Biel. Seither entscheidet sich an dessen Reglern, wie hoch die Pegel stehen. Bei Hochwasser ist das seit je ein Politikum. Denn bleibt das Wehr geschlossen, steigen die Seen über die Ufer. Wird es geöffnet, bekommen die Flussanrainer in den Kantonen Solothurn und Aargau nasse Füsse. Die Bedienung des Wehrs durch die Berner ist daher genau geregelt (siehe nachfolgendes Interview).

Zu weiteren Korrekturen am Entwässerungssystem kam es in den sechziger und siebziger Jahren. Daniel Vischer, heute 80, war als Projektleiter des Kraftwerks Flumenthal bei Solothurn indirekt beteiligt. «Viele Kanäle und auch die Aare hat man weiter ausgebaggert und befestigt.» Vischer erinnert sich noch gut, wie ein riesiger Bagger aus den USA zum Einsatz kam. Das Ungetüm, 45 Meter lang und 615 Tonnen schwer, war ein Novum für die Schweiz.

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Am 23. August 1973 traf man sich im Hotel Krone in Aarberg zum zweiten Einweihungsfest. Seither hat sich das System bewährt – bis zum Jahr 2005, als die Risse im Hagneckkanal zum Vorschau kamen.

«Wir mussten rasch handeln», sagt Bernhard Schudel, der Leiter des Sanierungsprojekts. «Denn wären die alten Dämme einmal überspült worden, wären sie sofort geborsten.»

Seit zwei Jahren arbeiten die Bagger jetzt schon am alt­ehrwürdigen Kanal. Zum einen verbreitern und erhöhen sie die Dämme. Zum anderen tragen sie im Bereich des Seerückens die Steilwände ab, damit kein Material mehr abrutschen kann. Das Restaurant Brücke in Hag­neck, das hart an der Kante steht, muss regelmässig kontrolliert werden.

Gigantische Lastwagen mit riesigen Rädern kurven derzeit auf halber Kanalstrecke auf einem ehemaligen Acker umher. Die Luft flirrt in der Hitze, der Staub der Baustelle setzt sich an den Kleidern fest. Zwischen den Sandpisten blühen Dornenbüsche. Hier, in einem sechs Hektar grossen Dreieck zwischen Kanal, Feld und Wäldchen, modellieren die Arbeiter ein neues Feuchtgebiet, eingefasst von einem Deich.

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In zwei Jahren schon soll an dieser Stelle ein Teil des Aarewassers hindurchfliessen und Fischen und anderen Tieren eine neue Heimat bieten. «Damit machen wir ökologische Defizite wett», sagt Bernhard Schudel. «Als der Hag­neckkanal gebaut wurde, dachte man noch nicht an den Naturschutz.» →

Das 40 Millionen Franken teure Sanierungsprojekt gab ab 2007 viel zu reden. «Ein Jahr lang führten wir nur Gespräche», erinnert sich Bernhard Schudel. Denn die Bauern wollten zuerst nicht akzeptieren, dass sie Land abgeben mussten – für den Bau der breiteren Dämme, aber auch für den Naturschutz. «Ohne diese Aufwertungen hätten die Behörden das Projekt gar nicht bewil­ligt.» Doch die Bilder der Dammrisse verfehlten ihre Wirkung nicht. «Alle Landeigentümer verkauften ihr Land schliesslich freiwillig», sagt Schudel. «Niemand musste enteignet werden.»

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Profitieren werden in Zukunft alle: die Bauern, deren Salatfelder und Gewächshäuser bald wieder besser vor Hochwasser geschützt sind. Die Dorfbewohner, die auch bei langen Regenperioden wieder gut schlafen können. Und auch die Fische, Kröten und Vögel, die im Gebiet Epsemoos eine neue Heimat finden.

Sechs Hektar Land für den «Aareteufel», so viel dürfe sein, ist man sich heute einig. Denn für den Menschen mag die Aare manchmal Hörner tragen. Für die Natur ist sie ein Segen.

Die Aare werde auch in Zukunft über die Ufer treten, sagt Gian Reto Bezzola.

BeobachterNatur: >Herr Bezzola, trotz Gewässerkorrektur kommt es an der Aare regelmässig zu Hochwasser. Was läuft schief?
Gian Reto Bezzola: Grössere Schäden gab es unterhalb des Bielersees nur 2007. Dank der Juragewässerkorrektion werden die Hochwasser heute stark gedämpft. Aber bei einem ex­tremen Ereignis sind die Seen, die als Rück­haltebecken dienen, einfach voll. In der Natur gibt es nie 100 Prozent Sicherheit.

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BeobachterNatur: Am Wehr in Port entscheidet sich, ob der Bielersee über die Ufer tritt oder die Aare in den Kantonen Solothurn und Aargau. Wie wird der Abfluss geregelt?
Bezzola: Der Schleusenwart hat exakt nach einem Reglement zu handeln, das 1983 vom Bundesrat genehmigt wurde. Darin ist auch verankert, wie der Abfluss der Aare bei Murgenthal vor Olten begrenzt werden soll. Dabei berücksichtigt man auch den Wassereinfluss der unregulierten Emme unterhalb von Solothurn.

BeobachterNatur: Was, wenn so viel Wasser kommt, dass die sogenannte Murgenthaler Bedingung nicht eingehalten werden kann?
Bezzola: Das war 2007 der Fall, als die Emme extrem viel Wasser brachte. Dann kann man nur begrenzt Einfluss nehmen. Entscheidend ist, dass man darauf vorbereitet ist, mit ­Gefahrenkarten, Notfallplänen und Vorhersagen, um die Betroffenen recht­zeitig warnen und Schäden begrenzen zu können.

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BeobachterNatur: Nach dem Hochwasser 2007 wurde das Reglement angepasst. Warum erst dann?
Bezzola: Im Jahr 2007 machte niemand Fehler, und auch das Reglement hat sich grundsätzlich bewährt. Aber es stammt von 1983. ­Damals hatte man noch nicht dieselben ­Informationen wie heute. So haben wir heute Abflussprognosen und verläss­lichere Wettervorhersagen. Hinzu kommt, dass das Reglement 2007 erstmals den Härtetest bestehen musste.

BeobachterNatur: Was hat man geändert?
Bezzola: Der direkte Austausch zwischen den beteiligten Kantonen und dem Bund wurde ­verbessert. Neu hält man in Notsituationen Telefonkonferenzen ab, um die Lage gemeinsam zu beurteilen und über all­fällige Abweichungen bei der Regulierung des Wassers zu entscheiden. So kann man nun zum Beispiel entscheiden, den Bielersee kurzfristig abzusenken, um mehr Rückhaltevolumen zu schaffen.

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BeobachterNatur: Könnte man die Seen präventiv absenken?
Bezzola: Wettervorhersagen reichen etwa fünf Tage in die Zukunft. Einen Seepegel kann man in diesem Zeitraum nur begrenzt senken.

BeobachterNatur: Was, wenn man die Seen im Sommer

BeobachterNatur: dauerhaft absenken würde?
Bezzola: Ein solcher Eingriff würde – vor allem bei einer starken Absenkung – mehr Schaden als Nutzen bringen. Bei der Seeregulierung gilt es eine Vielzahl von Interessen zu berücksichtigen: Ökologie, Landwirtschaft, Schifffahrt, Wasserkraft oder Tourismus.

BeobachterNatur: Hat man mancherorts zu nah am Ufer gebaut?
Bezzola: Während des Booms in den Nachkriegsjahren war die Hochwasserprävention kein grosses Thema. Lange wiegte man sich in ­Sicherheit, weil im 20. Jahrhundert wenige grosse und überregionale Hochwasser auftraten. Diese «Ereignislücke» prägte ganze Generationen.

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BeobachterNatur: Könnte man verhindern, dass die Aare je wieder über die Ufer tritt?
Bezzola: Extreme technische Massnahmen wie das Ausbaggern oder Eindämmen der ganzen Aare wären sehr teuer und aus ökologischer Sicht problematisch. Früher dachte man noch, man könne mit Technik alles lösen. In der Schweiz streben wir aber heute ein Niveau an Sicherheit an, das ökologisch vertretbar, ökonomisch verhältnismässig und sozial verträglich ist.

Gian Reto Bezzola ist Chef der Sektion Risikomanagement und stellvertretender Chef der Abteilung Gefahren­prävention im Bundesamt für Umwelt.

Quelle: André Schild
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