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Klaus Ewald im InterviewWie die Landschaft eintönig wurde

Wenn der Mensch seine Bedürfnisse nicht zurückschraubt, wird die Schweizer Landschaft noch eintöniger, als wir sie schon gemacht haben, warnt Experte Klaus Ewald.

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Landschaften, so weit das Auge reicht. An den Wänden in Klaus Ewalds Wohnzimmer sind es vorwiegend italienische: Bilder des Malers Johann Jakob Frey aus dem 19. Jahrhundert. Der Blick aus dem Fenster zeigt sanfte Hügel, Felder und Wälder: die Moränenlandschaft des Gerzensees zwischen Bern und Thun – ein Ort wie geschaffen für einen Landschaftsforscher.

Beobachter: Schön haben Sie es hier, Herr Ewald. Sehen Sie das als Fachmann auch so?
Klaus Ewald: Der See ist tatsächlich mehr oder weniger naturnah geblieben. Aber die Moränenhügel sind letztlich bloss noch kahle Flächen.

Beobachter: Immerhin sehen Sie Felder, Bäume, Wälder
Ewald: Schon, aber die Felder sind reine Monokulturen. Und die Waldränder sehen richtig geschleckt aus. Es sind keine ausufernden Übergänge, wie man sie früher noch hatte, sondern nur noch sauber definierte Nutzungen: hier Landwirtschaft, da Wald. Früher gingen Wald und Weideland fliessend ineinander über, weil die Bauern auch den Wald als Weidegebiet nutzten. Was ich hier sehe, ist eine ziemlich ausgeräumte Landschaft.

Beobachter: Und was sollte man Ihrer Meinung nach dagegen tun?
Ewald: Natur und Landschaft können nur vor der endgültigen Zerstörung gerettet werden, wenn wir einsehen, dass es Gebiete geben muss, in denen die Natur ganz klar Priorität hat. Sonst wird die Landschaft in der Schweiz noch eintöniger, als sie in den vergangenen Jahrzehnten durch den Menschen gemacht wurde. Wenn ich heute etwa Luftbilder der Schweiz anschaue, dann sehen die Landschaften überall im Mittelland etwa gleich aus. Noch auf den Luftbildern aus den fünfziger Jahren konnte man genau erkennen, ob man im Bernbiet oder in Schaffhausen ist. Da gab es ganz bestimmte Charakteristika, die die Verbundenheit mit der Scholle belegen. Und meist konnte man sogar erkennen, ob es sich um ein katholisches oder reformiertes Gebiet handelt.

Beobachter: Und woran sieht man das?
Ewald: In reformierten Gebieten strebte man schon früh nach einer «sauberen» Landschaft und merzte alles aus, was als «ungelenk» galt, etwa Hecken oder nicht rechtwinklige Parzellen. In katholischen Gegenden hingegen liess man eher einmal fünf gerade sein. Da gab es dann verwinkelte Parzellen und Hecken und ungenutzte Flächen. Aber spätestens mit der Anbauschlacht im Zweiten Weltkrieg, dem «Plan Wahlen», kam die Meinung auf, dass man jeden freien Flecken nutzen müsse.

Beobachter: Und davon kam man nicht mehr weg?
Ewald: Es wurde noch wesentlich schlimmer! Man packte richtiggehend den Landschaftshobel aus. Als in den sechziger Jahren etwa die ersten grossen Baumaschinen in die Schweiz importiert wurden, wurden diese im Winter, wenn nicht gebaut wurde, auf den Feldern eingesetzt – um diese zu planieren.

Beobachter: Nun hat sich die Landschaft ja immer verändert: Der Mensch rodete Wald, legte Äcker an, entwässerte Sümpfe…
Ewald: Genau, aber das alles geschah nicht innerhalb einer Woche, sondern dauerte unter Umständen hundert Jahre!

Beobachter: Möchten Sie denn am liebsten das Rad der Zeit zurückdrehen?
Ewald: Nein, natürlich nicht. Aber man hat in den vergangenen Jahrzehnten bei Fragen, die die Landschaft betreffen, immer viel zu schnell gehandelt, etwa beim Strassen- oder Siedlungsbau oder bei Einzonungen. Dazu hat man in der Landwirtschaft auf Teufel komm raus melioriert. Damit hat man über Jahrhunderte gewachsene Landschaftsstrukturen und ein kulturhistorisches Erbe zerstört. Und letztlich geht auch ein Stück Heimat verloren, wenn überall alles gleich aussieht.

Klaus Ewald, 69, ist emeritierter Professor für Natur- und Landschaftsschutz an der ETH Zürich. Gemeinsam mit dem Wissenschaftsjournalisten Gregor Klaus hat er 2009 mit dem Buch «Die ausgewechselte Landschaft» eine umfassende Übersicht und Analyse über den Zustand der Landschaft in der Schweiz verfasst. Das Buch erscheint demnächst in der zweiten Auflage.

Ökosysteme in Bedrängnis

Was die Lebensräume für uns leisten (PDF 3,9 mb)

Veröffentlicht am 02. Juli 2010