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LandschaftenMarketing im Namen der Natur

In der Schweiz entstehen laufend neue Schutzgebiete – bald machen sie bis zu 40 Prozent der Landesfläche aus. Die Labelflut ist gut fürs Image, besser geschützt sind die Regionen dadurch aber nicht.

Dieter Müller hat in den letzten Jahren hautnah erfahren, was es bedeutet, zwischen den Fronten zu stehen. Als Projektleiter des Parc Ela versucht er derzeit, die Menschen im bündnerischen Albulatal und Oberhalbstein von der Errichtung eines neuen Naturparks zu überzeugen. Im Spannungsfeld zwischen Naturschutz und Wirtschaft, zwischen Bund und Gemeinden keine einfache Aufgabe – auch wenn Müller zuversichtlich ist, dass das Betriebsgesuch bald beim Bund eingereicht werden kann.

Das Schlimmste aber: Dieter Müller muss immer wieder von neuem erklären, was ein Naturpark eigentlich ist. Er muss klarstellen, dass keinerlei neue Gesetze und Einschränkungen hinzukommen. Dass auch im Naturpark neue Skilifte, Kraftwerke oder gar abgelegene Hotelresorts mit 3000 Betten gebaut werden könnten. Und dass die Kraftwerke weiterhin Flüsse trockenlegen können, wie es an der Julia im Oberhalbstein schon jetzt jeden Winter geschieht.

«Viele wissen nicht, was ein Naturpark genau ist», sagt Müller. «Sie glauben, es handle sich bei diesem neu eingeführten Label um eine Art Nationalpark, in dem nichts mehr erlaubt ist.» Dabei stehe hinter einem Naturpark etwas anderes – nämlich die Idee, eine Region in Richtung Nachhaltigkeit zu entwickeln. Gemäss diesem Konzept seien Ökologie, Wirtschaft und Gesellschaft gleichberechtigt.

Die Naturschutzfläche bleibt gleich

Die Fragen, die man sich derzeit nicht nur in Mittelbünden stellt, lauten: Dient ein Naturpark dem Schutz der Natur, oder ist weiterhin alles erlaubt? Wann genau handelt eine Region nachhaltig – und wann nicht? In 22 Regionen existieren Naturparks oder Projekte, über ein Viertel der Schweizer Landschaft wird bald zum Park erklärt sein. Zugleich zeichnet auch die Unesco sogenannte Biosphären- und Weltnaturerbe-Gebiete aus, in denen die nachhaltige Entwicklung und die Bewahrung der Natur ebenfalls Hauptziele sind. Insgesamt könnten zukünftig bis zu 40 Prozent der Landesfläche unter einem solchen Label stehen (siehe nachfolgende Karte).

Die Krux dabei: All diese Regionen verfügen zwar über besonders wertvolle Landschaften und Naturgebiete – deren Schutz wird aber durch die neuen Labels nicht verbessert. Das zeigt sich auch statistisch: Obwohl die Gesamtfläche der Naturparks und Unesco-Gebiete rasant wächst, verharrt die Fläche der Schutzgebiete, in denen die Natur wirklich Vorrang hat, laut Berechnungen von Pro Natura bei gerade mal sechs Prozent der Landesfläche. Der Grund: In keinem Naturpark, in keiner Unesco-Biosphäre und in keinem Weltnaturerbe-Gebiet werden neue Schutzzonen ausgewiesen. Die Parkregionen stellen sich auf den Standpunkt, ihre wertvollsten Naturwerte seien bereits national oder kantonal geschützt. Somit müssen sie mit dem Schutz ihrer Naturperlen gar nichts zu tun haben, sofern sie das nicht wollen. Denn diese Flächen – egal ob Moore, Auen oder Trockenwiesen – werden bereits von den Kantonen betreut. Mit dem Label vermarktet man die Natur nur und rückt sie ins rechte Licht.

Bund und Kantone sind knauserig

Eine Problematik, die sich etwa im Entlebuch zeigt. Die Region steht sogar unter doppeltem Schutz: Der von den Gemeinden eingerichtete Naturpark ist zugleich eine Unesco-Biosphäre. Die ausgedehnten Moore sind die bedeutendsten Naturwerte; sie machen fast die Hälfte des ganzen Gebiets aus. Trotzdem haben sich die Betreiber des Naturparks beziehungsweise der Biosphäre bislang nicht gross mit ihnen befasst.

Florian Knaus, Mitarbeiter im Entlebucher Biosphärenmanagement, reicht den schwarzen Peter an das Bundesamt für Umwelt (Bafu) weiter: «Das Bafu hat den Moorschutz bewusst aus den Vereinbarungen gestrichen, weil das Kantonssache sei.» Und neben dem Bundesgeld stünden zu wenig eigene Mittel zur Verfügung. Also kümmert sich weiterhin nur der Kanton um die Moore. Und das mehr schlecht als recht – weil auch ihm das Geld fehlt: Gemäss einer Erfolgskontrolle des Bafu haben die Entlebucher Hochmoore in den letzten Jahren gar mehr gelitten als diejenigen in anderen Landesteilen – sie trocknen aus und verwalden. Knaus bestätigt: «Wir haben festgestellt, dass bei zwei Dritteln der Hochmoore Aufwertungen nötig sind.» Daher wolle das Biosphärenmanagement aktiver werden. «Es ist ein Aufwertungsprogramm in Planung, das aber grossteils fremdfinanziert werden müsste.» Die Renaturierung würde 3,5 Millionen Franken kosten. Ob das Geld zusammenkommt, ist unsicher.

Ähnlich ist die Situation bei den Flachmooren. Wegen Überdüngung werden sie auch im Entlebuch zunehmend artenärmer. Trotzdem kümmern sich die Verantwortlichen der Unesco-Biosphäre – im Gegensatz zum Kanton – kaum um die Problematik. Im Gegenteil: Man toleriert, dass die Moore künstlich beschneit und auch mit Pistenfahrzeugen befahren werden.

Erstaunlich wenig Einfluss haben die Naturparks und Unesco-Schutzgebiete auch auf den Schutz der Landschaft generell. Da auch hier keine neuen Gesetze gelten, ist die Raumplanung weiterhin Sache der Gemeinden und Kantone. Hinzu kommt, dass alle Regionen, in denen ein Naturpark eingerichtet werden soll, grösstenteils oder ganz im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN) aufgelistet sind. Grosse Projekte wie etwa Autobahnen wären auch ohne neues Parklabel eingeschränkt. Die übrige Bautätigkeit hingegen wird nicht tangiert – und auch die Labels bringen keine Einschränkung.

Den Worten müssen Taten folgen

Das Resultat im Entlebuch: Die Bautätigkeit ist im Parkgebiet etwa gleich gross wie ausserhalb. Freilich pflanzen Entlebucher Schüler jährlich einige Hecken, es läuft auch ein Vernetzungsprojekt. Zudem entwickelt das Entlebuch zurzeit einen regionalen Entwicklungsplan. Dieser ist besonders wichtig: «Von ihm hängt ab, ob die Nachhaltigkeit nur ein Lippenbekenntnis bleibt oder ob nach den Worten nun auch Taten folgen», urteilt Urs Tester von Pro Natura.

Kein Lippenbekenntnis ist die Sprechung von Bundesgeldern, mit denen das Bafu die Parks unterstützt. Der Naturpark Entlebuch soll jährlich 750'000 Franken erhalten, der Parc Ela 250'000 Franken. Es genügt allerdings nicht, Projekte für die Wirtschaft vorzuweisen; Parkregionen, die dieses Geld beanspruchen, müssen auch Projekte für die Gesellschaft und die Umwelt berücksichtigen. Mindestens ein Drittel der Bundesgelder fliesst deshalb tatsächlich in die Umwelt.

Insgesamt bezweifeln dennoch viele Landschafts- und Naturschützer, dass der neue «Labelsalat» viel bewegen wird. «Was draufsteht, steckt nicht unbedingt drin», so Christine Neff von der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz. Und Otto Sieber, Zentralsekretär von Pro Natura, findet: «Die ökologischen Richtlinien zur Einrichtung von Naturparks sind sicherlich sehr tief.» Das erkläre, warum so viele Regionen auf den Zug aufgesprungen seien. Trotzdem ist er ein Verfechter der neuen Naturparks: «Weil ich hoffe, dass sie auch noch neue Projekte für die Natur anstossen.»

Eine Charta allein bringt nichts

Im Parc Ela in Mittelbünden kommt die anhaltende Kritik an den neuen Parks inzwischen nicht mehr so gut an. «Man muss sich überlegen, wie es denn ohne Naturpark in 20 Jahren bei uns aussehen würde: Viele Menschen wären dann abgewandert, und diese wertvolle Kulturlandschaft würde verganden», argumentiert Projektleiter Dieter Müller. Dank Naturpark sei man in der Lage, die Landschaft besser zu pflegen.

Dass auch Hotels und neue Kraftwerke gebaut werden könnten oder wertvolle Moore verwildern, muss man wohl in Kauf nehmen. «In diesem Spannungsfeld werden wir uns immer befinden», so Müller. «Aber wir können der Bevölkerung zumindest aufzeigen, was wir an Naturwerten haben und dass man damit auch Profit erzielen kann.» Dann sei man eher bereit, die Natur für die Nachwelt zu erhalten.

Im Unesco-Weltnaturerbe «Schweizer Alpen Aletsch-Bietschhorn» jedenfalls ist die Euphorie bereits erlahmt. Die Walliser und Berner Gemeinden rund um den Aletschgletscher haben sich zwar in einer Charta zu Nachhaltigkeit verpflichtet, ansonsten tut sich aber nur noch wenig. «Das Weltnaturerbe bedeutet der lokalen Bevölkerung heute nicht mehr viel», bestätigt Laudo Albrecht, der im Stiftungsrat sitzt und das Pro-Natura-Zentrum Aletsch leitet. Das sei schade, denn das Gebiet könne mit weltberühmten Gebieten wie der Serengeti oder dem Yellowstone-Nationalpark verglichen werden.

Leider drohe nun neben der Charta auch der Managementplan zum Papiertiger zu verkommen: «Man hat zwar zahlreiche Projekte aufs Papier gebracht, nur werden sie nicht umgesetzt.» Und noch immer übt die Armee mit ihren Kampfjets im Tiefflug über dem Weltnaturerbe und beschiesst es sogar aus Flab-Kanonen. Auch Heliskiing ist gang und gäbe. Immerhin: Die Gletscher und die Bergwälder sind gut geschützt. Das wären sie allerdings auch ohne Unesco-Label. Denn 43 Prozent des Gebiets stehen längst unter nationalem oder kantonalem Schutz.

Naturparks boomen: Die Schweiz rückt ihre Landschaftsschätze ins beste Licht

Dank dem revidierten Natur- und Heimatschutzgesetz können Regionen seit Ende 2007 National-, Natur- und Naturerlebnisparks einrichten. Das offizielle Label erhalten sie vom Bund. Daneben kann die Unesco Biosphären- und Weltnaturerbe-Gebiete auszeichnen.

Klicken Sie auf die Karte, um sie vergrössert anzuzeigen.
Quelle: Tomas Wüthrich

Naturparks vermarkten ihre Produkte

«Hosenlupf», «Jura-Kette» oder «Matzendörferli»: So heissen Wurst- und Käsespezialitäten aus dem Solothurner Jura. Es sind die ersten Lebensmittel, die mit dem Prädikat «Schweizer Pärke» ausgezeichnet wurden. Sie stammen aus dem Naturpark Thal, der innerhalb kürzester Zeit 14 Produkte zertifizieren liess und damit Pionierarbeit geleistet hat. «Weitere Parks haben Interesse signalisiert», sagt Andreas Weissen, Geschäftsführer des «Netzwerks Schweizer Pärke».

Doch was bringt der Verkauf von Wurst und Käse der Natur? Das Bundesamt für Umwelt (Bafu), das die Richtlinien für das Label entwickelt hat, erhofft sich eine Wertschöpfung für die Region. «Die wichtigsten Rohstoffe werden im Park produziert und weiterverarbeitet. Das stärkt die Wirtschaft und trägt zur Erhaltung der Kulturlandschaft bei», sagt Simone Remund, Projektleiterin Parks beim Bafu. Eine «Bio-Pflicht» oder andere Vorschriften bei der Produktion gibt es allerdings nicht. «Bei diesem Label steht der Bezug zum Park im Vordergrund», so Remund. Immerhin: Die Produktion im Park sei naturnah und nachhaltig.

Auf Herkunft als Verkaufs­argument setzen längst auch die Grossverteiler. «Die Kunden wollen vor allem bei Frischprodukten wissen, woher diese stammen», sagt Noemi Mascarello, Mediensprecherin von Coop. Lokale Produkte geniessen in der globalisierten Welt offenbar Vertrauen. Aus dem Naturpark Thal haben es bisher sieben Lebensmittel ins Coop-Regal der Region Nordwestschweiz geschafft. Tatjana Stocker

Veröffentlicht am 01. April 2010