Moritz Leuenberger, 62, legt seine Jacke ab und füllt die Lungen mit der süssen, schweren Luft. Den Ort für das Gespräch hat er selbst vorgeschlagen: die Masoala-Halle im Zürcher Zoo. Ein symbolträchtiger Ort künstlich geschaffener Natur – und wohl ebenso zwiespältig wie unser Verhältnis zur Umwelt.

Orientierung: «Als Städter habe ich ein etwas romantisch schwär­merisches Verhältnis zur Natur.»

Quelle: Ursula Meisser

BeobachterNatur: Warum gerade die Masoala-Halle für dieses Treffen?
Moritz Leuenberger: Ich habe diese Halle 2003 eröffnet und über unser Verhältnis zur Natur gesprochen. Mit der Halle sind Projekte zum Schutz des Regenwaldes in Madagaskar verbunden. Die Bedrohung der Regenwälder ist eine Hauptursache des Klimawandels.

BeobachterNatur: Hier wird Natur reinszeniert, zugleich opfern wir immer mehr Lebensraum der Zivilisation.
Leuenberger: Die eigenen Interessen sind uns allen halt näher. Gleichzeitig bedauern wir die Folgen und spenden Geld, um unser Gewissen zu beruhigen. Aber ein Stück Regenwald in einer Halle zu besichtigen ist besser, als wenn alle nach Madagaskar jetten würden.

BeobachterNatur: Was heisst Natur für Sie?
Leuenberger: Als Städter habe ich ein etwas romantisch schwärmerisches Verhältnis zur Natur. Wenn ich in den Bergen bin oder am Meer, bin ich überwältigt. Ich suche die Begegnung mit den wilden Seiten der Natur.

BeobachterNatur: Sind Sie mit Ihrem Naturverständnis auch schon aufgelaufen?
Leuenberger: Durch die Arbeit lernte ich dazu. Ich weiss inzwischen: In städtischen Verhältnissen nimmt man Wolf und Luchs eher locker. In den betroffenen Gebieten aber muss ich mich hüten, auch nur ansatzweise etwas Lustiges über Wölfe und Luchse zu sagen.

Auf Nebenpfaden führt uns die Zoo-Begleiterin durch den künstlichen Dschungel. Verschlungene Wege, auf und ab, dann und wann eine Lichtung. Auf Umwegen zum Ziel – wie in der Politik. Im Rückblick auf 13 Jahre sieht Leuenberger zwei wesentliche Veränderungen in der Umweltpolitik. Erstens hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Umweltprobleme grenzüberschreitend sind und oft nur mit globalen Massnahmen angegangen werden können. Zweitens hat eine Verwissenschaftlichung stattgefunden: Früher hätten im damaligen Fachamt missionarische Glaubensprämissen gegolten, erklärt er, heute werde das Bundesamt für Umwelt nach wissenschaftlichen Kriterien geleitet. Es habe also eine Entideologisierung stattgefunden. In den Parteien dagegen sei eine gegenläufige Entwicklung festzustellen. Früher habe jede Partei ihren grünen Flügel gehabt, auch die SVP und die FDP. Heute gebe es einen links-grünen Block, der Umweltanliegen vertrete, und jene Parteien, die Umweltpolitik vor allem als Bedrohung der Wirtschaft interpretierten.

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BeobachterNatur: Wie macht ein Umweltminister heute erfolgreich Umweltpolitik?
Leuenberger: Wir gleisen Vorlagen nach wissenschaftlichen Erkenntnissen auf. Deshalb bringen wir umfassende Programme wie die Aktionspläne Feinstaub, Energieeffizienz, erneuerbare Energie und das Verkehrssicherheitsprogramm Via sicura in den politischen Prozess ein. So werden die Vorschläge nachvollziehbar, und die Akzeptanz der Einzelmassnahmen steigt. Dass die Vorlagen öffentlich dann ideologisch diskutiert werden, hat mit der Lobbyarbeit der Verbände zu tun.

BeobachterNatur: Ist der Handlungsspielraum des Umweltministers heute grösser als früher?
Leuenberger: Ja. Die klimapolitischen Grundsatzentscheide des Bundesrats sind unter dem Druck globaler wissenschaftlicher Erkenntnisse zustande gekommen. In der letzten Legislaturperiode, in der die parteipolitischen Auseinandersetzungen noch härter waren als heute, sind die Weichen für ein Post-Kioto-Gesetz gestellt worden. Dieses regelt den Klimaschutz in der Schweiz nach 2012, wenn das Kioto-Protokoll ausgelaufen ist. Ohne die breite Debatte über die Klimaerwärmung und die Erkenntnis, dass sie vom Menschen verursacht ist, wären die Entscheide anders ausgefallen.

BeobachterNatur: Die Angst um den Arbeitsplatz steigt. Leidet nun der Umweltschutz?
Leuenberger: Das wäre fatal. Ich habe am Klimagipfel der Uno im Dezember davor gewarnt und die Finanzkrise mit der Klimakrise verglichen. In beiden Fällen war man masslos, in beiden Fällen hat man zu lange gewartet, in beiden Fällen muss der Staat intervenieren. Investitionen in den Umweltschutz und in erneuerbare Energien können die Wirtschaft ankurbeln. Diese Chance müssen wir nutzen.

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Leuenberger posiert im Unterholz zwischen Blattwerk und Farnen, springt über Steine und turnt über Seilbrücken. Politik als Hochseilakt, aber auch als Kunst, Brücken zu bauen. In seiner Ära kamen die leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe (LSVA) und die Neat-Finanzierung zustande, das bilaterale Verkehrsabkommen mit der EU, das Feinstaubprogramm, die CO2-Gesetzgebung und die Aktionspläne für erneuerbare Energien und Energieeffizienz. Es habe viele Kompromisse gebraucht, erzählt Leuenberger auf dem Trampelpfad im Dickicht, aber dank diesen habe die Schweiz heute eine CO2-Abgabe auf Öl und den Klimarappen auf Treibstoff, wichtige Instrumente, um die Kioto-Ziele zu erreichen. Als bedeutsamen, wenn auch weniger auffälligen Schritt sieht er den Umbau seines Departements in ein Nachhaltigkeitsdepartement, das Infrastruktur-, Umwelt- und Raumplanungsämter zusammenfasst. Konflikte um Ziele und Strategien werden an einem Ort ausgetragen, und Lösungen müssen nicht mehr über Departementsgräben hinweg errungen werden.

BeobachterNatur: Gibt es Ziele, die Sie nicht erreicht haben?
Leuenberger: Die CO2-Reduktion beim Privatverkehr. Das Mobilitätsverhalten wird entscheidend gesteuert durch die gigantische, weltweit mächtige Automobilindustrie. Sie feuert über tiefenpsychologische Werbemittel den Urdrang nach Mobilität an. Der Staat ist nur noch ausführendes Organ, das die Infrastruktur unter die Räder bauen muss.

BeobachterNatur: Das böse Auto als grösster Übeltäter?
Leuenberger: Alarmierend ist für mich das indische 2500-Dollar-Auto von Tata, das auf den Markt kommen soll. Wie viele Menschen werden mit diesen Billigstautos fahren? Die Staaten kommen noch mehr in Zugzwang, damit alle Leute ihr vermeintliches Menschenrecht aufs Autofahren ausleben können.

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BeobachterNatur: Der Staat fördert die Mobilität auch selbst, indem er die Verkehrssysteme ausbaut.
Leuenberger: Ja, schon. Je einfacher Mobilität wird, desto mehr Verkehr gibt es. Das schaukelt sich hoch. Aber der Staat muss den Mobilitätsdrang nachhaltig kanalisieren. Die Staaten können gemeinsam mit Emissionsvorschriften die Autoindustrie unter Druck setzen, dass sie bessere Fahrzeuge entwickelt. Hier tobt ein Machtkampf zwischen Wirtschaftsinteressen und Umweltinteressen – und zwar weltweit.

BeobachterNatur: Warum reagiert die Autoindustrie nicht?
Leuenberger: Das ist mir schleierhaft, denn mit Innovation könnten sich die Firmen Wettbewerbsvorteile sichern. In Japan ist die Hybridtechnologie weit fortgeschritten. Was mich erschüttert, ist die Passivität der westlichen Autoindustrie. Sie reagiert in der technologischen Entwicklung nur auf Druck und Zwang.

Balanceakt: Moritz Leuenberger findet trittsicher durch jeden Dschungel.

Quelle: Ursula Meisser
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BeobachterNatur: Wie gehen Sie mit Niederlagen um?
Leuenberger: Politik besteht darin, eine Vision zu haben und zu wissen, dass man sie nie zu 100 Prozent erreicht. Man arbeitet darauf hin, das ist mit Kompromissen verbunden. Die Hauptsache ist, dass der Kompromiss ein Fortschritt ist gegenüber dem Bestehenden. Kofi Annan hat das Bild des Sisyphus verwendet: Viele Steine seien während seiner Amtszeit wieder vom Berg heruntergerollt, aber einige seien oben geblieben. So geht es auch mir.

BeobachterNatur: Mit einem schärferen Raumplanungs-gesetz wollen Sie die Zersiedelung bremsen. Können Sie dieses Ziel erreichen?
Leuenberger: Es ist wie immer in der Politik: Man kann nur einen Teil der eigenen Überzeugung verwirklichen. Zwar hat der Bundesrat nicht alle meine Ideen übernommen, etwa die Abschöpfung des Mehrwerts, der entsteht, wenn Bauland eingezont wird. Aber eine Verbesserung ist besser als gar nichts.

BeobachterNatur: Sie wollen Milliarden in den Aggloverkehr pumpen. So fördern Sie die Zersiedelung.
Leuenberger: Wir können und wollen doch die Entwicklung nicht einfrieren. Der Mensch bewegt sich; das macht ihn aus. Wir unterstützen nur Projekte, die keine Zersiedelung zur Folge haben, und wir fördern den öffentlichen Verkehr statt den privaten.

BeobachterNatur: Aber Sie wollen auch Autobahnen ausbauen.
Leuenberger: Es braucht auch Strassen. Das ist keine ideologische Frage. Um Geld für den Aggloverkehr zu bekommen, muss man mit mehr und besseren Strassen auch den Rand- und Bergregionen etwas bieten.

BeobachterNatur: Sie werden der Umweltminister sein, in dessen Ära am meisten Infrastruktur gebaut wurde.
Leuenberger: Das ist wohl so. Aber bauen heisst nicht per se, dass es gegen die Umwelt geht. Die Neat trägt wesentlich zur Nachhaltigkeit bei.

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BeobachterNatur: Möchten Sie in der Welt aufwachsen, wie wir sie hinterlassen?
Leuenberger: Sagen wir es umgekehrt: Ich möchte die Welt so hinterlassen, dass künftige Generationen Freude haben, in ihr aufzuwachsen. Das ist, glaube ich, ein Bedürfnis aller Menschen: Wer einen Olivenbaum pflanzt, kann die Oliven nicht mehr ernten, aber seine Kinder werden das können.

Was er in der politischen Arbeit am liebsten habe, sei die Kombination von langfristigem Denken und konkreter Umsetzung, sagt Leuenberger. Er sei weder ein träumender Philosoph, noch sei er jemand, der nur Abstände zwischen den Lastwagen messe, wenn sie im Stau stehen. «Es ist das Faszinierende an der Politik, dass es beides braucht: die weite Sicht und konkretes Gestalten», sagt er, während er sich an einen Stamm lehnt und für die Fotografin Gestik und Mimik variiert. In seiner Jugend wollte er Schauspieler werden, und in vielen sei-ner Reden hat er auf Parallelen zwischen Theater und Politik aufmerksam gemacht. Inszenierung ist zwangsläufig ein Teil der Argumentation.

BeobachterNatur: Was widerstrebt Ihnen am meisten?
Leuenberger: Wenn die politische Diskussion nur symbolisiert und personalisiert stattfindet. Wenn nur gefragt wird, wo ich meine Manschettenknöpfe kaufe oder wie schwer ich gerade bin. Oder die ewige Frage, was ich persönlich für die Umwelt tue. Das persönliche Verhalten eines Politikers kann relevant sein, aber die Glaubwürdigkeit seiner Politik allein davon abhängig zu machen, sehe ich als gefährlich an. Man muss systemisch an die Arbeit gehen, politisch, rational. Ich will und darf kein Moralapostel sein, sondern ich will Regeln aufstellen, die für alle gelten, auch für mich. Dass man eine Patenschaft für Eisbär Knut als wesentliche klimapolitische Leistung hinstellt, ist mir zu billiger Symbolismus.

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BeobachterNatur: Sie haben auch schon für Fotografen an Auspuffen geschnuppert und sind in Gummistiefeln durchs Hochwasser gewatet.
Leuenberger: Beim Hochwasser im August 2005 war es wichtig, Solidarität zu demonstrieren, und dies tat ich. Es ist nun mal eine Tatsache, dass heute komplexe Inhalte über Personen und Symbolik transportiert werden. Ich wäre ein schlechter Politiker, wenn ich nicht auch auf diesem Klavier spielen würde. Aber in meinem Innersten stört es mich, weil ich an eine Gesellschaft glaube, die durch Vernunft gestaltet wird.

Besucher sind aufs Fotoshooting aufmerksam geworden. Statt Vögel und Flughunde ausfindig zu machen, spähen sie herüber, fotografieren, winken. Leuenberger lacht, grüsst zurück. Es stört den Umweltminister mit dem Flair für Ironie offenbar nicht, dass sein Bild bald zusammen mit Chamäleons und Affen als Trophäe einer Masoala-Fotosafari herumgezeigt werden könnte. Vielleicht gehört auch diese Art von Bürgerkontakt zur politischen Kommunikation. Auch wenn die Umweltproblematik immer komplexer werde, sagt Leuenberger, fürchte er nicht, dass sie nicht mehr vermittelbar sei. Vor allem nicht in der Schweiz, denn hier sei das Bewusstsein für komplexe Probleme grösser als anderswo, weil die Menschen es gewohnt seien, mehrmals pro Jahr an die Urne zu gehen.

BeobachterNatur: Klimapolitik ist heute global. Was kann die Schweiz bewirken?
Leuenberger: Sie bewirkt relativ viel. Weil sie sich engagiert, gute Leute und hohe Glaubwürdigkeit hat. Mein Vorschlag einer weltweiten CO2-Abgabe ist 2006 an der Weltklimakonferenz in Nairobi sehr gut angekommen. Die Uno-Generalversammlung hat ihn dankbar aufgenommen und vertieft ihn jetzt. So gestaltet die Schweiz überproportional mit. Nicht unterschätzen dürfen wir die per-sönliche Ebene: Man kennt das Gegenüber, hat Vertrauen. Deswegen spielt Konstanz in der Regierung eine grosse Rolle.

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BeobachterNatur: Sind Demokratien mit ihren kurzen Handlungshorizonten überhaupt fähig, langfristige Probleme zu meistern?
Leuenberger: Ich glaube daran. Unsere Politik ist ja sehr konstant. Man sieht das schon an der Aufregung, wenn einmal ein Bundesrat nicht mehr gewählt wird. In andern Ländern werden Regierungen in kurzer Zeit mehrmals ausgetauscht. Als Umwelt-, Verkehrs- und Energieminister hatte ich in 13 Jahren in unseren vier Nachbarländern fünf bis sechs Minister in jedem Bereich gegenüber, das sind 60 bis 70 Amtsträger. Unser Regierungssystem ist dagegen langfristig angelegt – und davon hat unser Land sehr profitiert.

Eine Gruppe Rote Varis veranstaltet ein grosses Gebrüll. Die Zoo-Begleiterin erklärt, dass die Primaten aus Madagaskar so kommunizieren, die Bindungen und die Hackordnung in der Horde festigen und ihr Revier markieren. Moritz Leuenberger kennt das aus dem Parlament. Und im Bundesrat sei es vier Jahre lang auch so gewesen, sagte er verschmitzt – aber das wäre wohl nicht fürs Interview gedacht gewesen.

Dschungel-Interview: Gespräch weitab von Schreibtisch und Sitzungsroutine.

Quelle: Ursula Meisser
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