Lucio Lott steht auf einer Galerie, gut zehn Meter über dem Boden. Hinter ihm glänzen stählerne Tanks und Röhren, vor ihm glitzern 300'000 Quadratmeter verspiegelte Sonnenkollektoren. Das riesige Solarfeld steht zwischen Reben, Steineichen und Olivenbäumen in der Nähe von Calasparra, einem verschlafenen Städtchen im Hinterland der spanischen Provinz Murcia. Die Anlage ist das Neuste, was die Solartechnik zu bieten hat.

Elektroingenieur Lott zeigt auf die Spiegel, die sich laufend nach der Sonne ausrichten. Sie lenken das einfallende Licht auf die Absorberröhre, in der Wasser zirkuliert. «Das konzentrierte Licht erwärmt das Wasser und bildet Wasserdampf», sagt Lott. Dieser Dampf strömt durch Leitungen zur Turbine, die den Stromgenerator antreibt. Der abgekühlte Wasserdampf fliesst zurück in die Stahlröhren. «Das Prinzip ist unschlagbar einfach: Sonne, Dampf, Strom», fasst Lott zusammen. Im klaren Licht der glühenden Abendsonne funkeln 376'320 Spiegel. Sie liefern Strom für etwa 12'000 Haushalte.

Schweizer Firmen investieren in Spanien

Solarthermie ist dort das optimale Verfahren, wo die Sonne regelmässig und stark scheint. Das ist in Südspanien mit 3000 Sonnenstunden im Jahr der Fall. Dies und die staatliche Vergütung für Solarstrom, zurzeit 29 Cent pro Kilowattstunde (kWh), gab den Ausschlag zum Bau der Anlage «Puerto Errado 2» (PE 2). Die weltweit grösste auf sogenannten Fresnel-Spiegeln basierende Anlage gehört einem Verbund von Schweizer Energieunternehmen und einer deutschen Solarfirma, die sich in der Gesellschaft Tubo Sol PE2 zusammengeschlossen haben. Elektra Baselland (EBL) ist Hauptaktionär, und auch die anderen Schweizer Energieunternehmen sind beteiligt. «Wir haben uns 2008 entschieden, in die zukunftsträchtige Solarthermie und in Windenergie zu investieren», sagt EBL-Sprecher Tobias Andrist.

Anzeige

Chef vor Ort ist Juan Ricardo Rothe. Beim Besuch Ende März herrscht Hochbetrieb, die Anlage durchläuft letzte Tests und wird auf Alltagsbetrieb eingestellt. «Alles läuft nach Plan, wir produzieren bereits seit Januar Strom», sagt Ingenieur Rothe, der von der EBL für diesen Job angeheuert wurde. Der Manager erläutert die Vorzüge des 160 Millionen Euro teuren Werks: «Wir haben uns für ein simples System entschieden, das robust und einfach im Unterhalt ist.» Zwölf Waschroboter gleiten jede Nacht über die Spiegelflächen und befreien sie von Staub.

Tüfteln an Temperatur und Druck

Die planen Fresnel-Spiegel, die dank feinen Erhebungen alle Sonnenstrahlen bündeln, wirken wie eine einzige grosse Fläche. Sie leiten die Strahlung auf die Absorberrohre und erhitzen das Wasser darin auf 270 Grad, bei einem Druck von bis zu 70 Bar. «Höhere Temperaturen und grösserer Druck würden den Wirkungsgrad erhöhen, aber wir müssen erst Erfahrungen mit dem System sammeln», sagt Rothe. Mit einer Leis­tung von 30 Megawatt liefert die Anlage 50 Gigawattstunden Strom pro Jahr. Nachts stehen die Generatoren still. Und ziehen Wolken auf, geht die Leistung schnell zurück. Dampfspeicher erlauben eine Überbrückung bewölkter Phasen während 15 Minuten.

Anzeige

Die Anlage ist ein Pionierwerk. Rothe und seine Arbeitgeber verstehen sich als Schrittmacher für erneuerbare Energien. 30 Millionen Euro oder knapp 20 Prozent der Kosten sind in die Projektentwicklung geflossen. «Es braucht solche Investi­tio-nen, um die Technologien zur Förderung erneuerbarer Energien voranzubringen», sagt Rothe.

Durchs andalusische Hinterland führt der Weg zu einem weiteren Pionierprojekt. Entlang der Landstrassen stehen Windkraftanlagen, mal vereinzelt, mal in Parks mit 50 bis 100 Turbinen. In der Prärielandschaft stören die langsam drehenden Rotoren keinen. Ideale Bedingungen für diese Form der Energiegewinnung. Windturbinen decken übers Jahr gerechnet 16 Prozent des spanischen Strombedarfs, an Spitzentagen bis zu 60 Prozent. Solarenergie steuert vier Prozent bei, drei Viertel davon aus photovoltaischer, ein Viertel aus solarthermischer Produktion. 20 Prozent Strom aus erneuerbaren Quellen – das ist 100-mal mehr als in der Schweiz. Den Boom ausgelöst hat eine Einspeisevergütung, die Betreibern während 25 Jahren einen kos­tendeckenden Abnahmepreis garantiert.

Anzeige

Von der Förderung profitiert auch das solarthermische Kraftwerk Andasol 3. Ein deutsches Konsortium hat die Anlage finanziert, betrieben wird sie von der spanischen Gesellschaft Opemasol. Auf 1100 Metern über Meer, in der ­Nähe des Dörfchens La Calahorra an den Südhängen der Sierra Nevada, fangen gekrümmte Parabolspiegel das Sonnenlicht ein. Schon von weitem sieht man sie leuchten.

Aber erst, wenn man vor den Parabolspiegeln steht, werden die gewaltigen Dimensionen der Anlage deutlich. 7296 Reflektoren sind in langen Reihen angeordnet. Bei einem Durchmesser von sechs Metern ergibt das eine Gesamtspiegel­fläche von etwa 500'000 Quadratmetern. Die Betreiber des Parabolrinnenkraftwerks rechnen damit, dank einer Leistung von 50 Mega­watt 50'000 Haushalte mit Strom versorgen zu können. Zum Vergleich: Das AKW Mühleberg leistet 373 Megawatt.

Anzeige

Oliver Vorbrugg ist Bauleiter von Andasol 3. Auch sein Betrieb absolviert in diesen Märztagen die letzten Tests und muss zeigen, ob die anvisierte Strommenge produziert werden kann. «Es sieht gut aus», so Vorbrugg entspannt. Dank zwei Wärmespeichern mit heisser Salzlösung kann sein Werk pausenlos Strom liefern. Die Speicher lagern Sonnenwärme ein, mit der nachts die Turbinen angetrieben werden. Sie lösen ein Problem, mit dem Solar- und Windkraftwerke zu kämpfen haben: Sie gleichen die unregelmässige Produk­tion aus. «Wir liefern kontinuierlich eine konstante Strommenge», betont Vorbrugg.

Eine alte Idee wiederentdeckt

Die Wärmespeicherung beansprucht vier Prozent des generierten Stroms. Ein vertretbarer Aufwand, so Vorbrugg. Auch die Reinigung der Parabolspiegel brauche mehr Energie und Wasser als bei den Fresnel-Kollektoren, bleibe aber im vertretbaren Rahmen. Ein weiterer Unterschied: Anstelle von Wasser zirkuliert in den Absorberröhren von Andasol 3 ein synthetisches Öl, das auf 395 Grad erhitzt wird. Die hohe Betriebstemperatur ermöglicht einen besseren Wirkungsgrad.

Anzeige

«Parabolrinnenkraftwerke sind heute ausgereift und sicher», sagt Vorbrugg. Dahinter steckt eine 100-jährige Geschichte. 1913 stellte der US-Tüftler Frank Shuman südlich von Kairo die ersten Parabolspiegel auf und betrieb eine Turbine. Später ging das Interesse an der Technik verloren und keimte erst in den 1970er Jahren in den USA wieder auf. In Spanien erhält die Technologie neuen Schub. Manager Vorbrugg gibt sich trotz Finanzkrise optimistisch: «In den nächsten Jahren wird der Anteil der Solarthermie erheblich steigen.»