Am Anfang war es eine simple, aber alarmierende Beobachtung der Berufsfischer am Thunersee: Weit über die Hälfte der Felchen hatten deformierte Geschlechtsteile. Das war im Sommer 2000. Seither haben zahlreiche Forscher das weltweit einmalige Phänomen untersucht - und die Ursache trotzdem nicht herausgefunden. Herausgestellt hat sich einzig, dass der ursprüngliche Verdacht nicht mehr haltbar ist: Die 4600 Tonnen Munition, die während Jahrzehnten von der Armee in den Thunersee gekippt wurden und noch immer dort liegen, sind kaum schuld an den deformierten Felchen.

Mit einem neuen, wesentlich genaueren Messgerät untersuchte der Kanton Bern im letzten Jahr intensiv seine Seen auf Sprengstoffrückstände. Die Resultate sind erstaunlich, wie aus einer Publikation des Berner Gewässerschutzamts hervorgeht: Nicht nur im Brienzer- und im Thunersee fand man Sprengstoffspuren, sondern auch im Bielersee. Die Werte liegen zwar nur bei einigen Nanogramm pro Liter, sind aber bis zu zehn Mal höher als im Thunersee.

Im Bielersee allerdings sei nie Armeemunition versenkt worden, beteuert man im Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS). Sprich: Die Sprengstoffrückstände wurden durch Zuflüsse hineingeschwemmt - die Herkunft ist unklar. Und: Im Bielersee gibt es - anders als im Thunersee - kaum Felchen mit deformierten Geschlechtsteilen.

Eine «Jahrhundertverschmutzung»
«Sprengstoff ist also wahrscheinlich nicht die Ursache für die Veränderungen an den Felchen im Thunersee», sagt Helmut Segner, Leiter des Zentrums für Fisch- und Wildtiermedizin der Universität Bern. Segner untersucht für ein grossangelegtes Forschungsprogramm des Nationalfonds die Auswirkungen von hormonaktiven Stoffen auf Felchen. Doch auch hier gibt Segner Entwarnung: «Wir haben bisher keinen Hinweis auf eine Belastung der Felchen mit hormonaktiven Stoffen gefunden.»

Mögliche Rätselslösung: der Neat-Bau bei Frutigen. Über die Auswirkungen der Bauchemikalien, die neben den Sprengstoffrückständen jahrelang ins Abwasser und in den Thunersee flossen, weiss man bis heute wenig. Erst als der Tunnel fertig war, veröffentlichte der Kanton Bern eine «ökotoxikologische Risikoabschätzung» über die einstige Grossbaustelle. Das behördliche Fazit: «keine Beeinträchtigung der Wasserqualität durch Sprengmittel».

Doch für den Tunnelbau wurden nicht nur während Jahren monatlich bis zu 150 Tonnen flüssiger Sprengstoff verwendet, wovon etwa acht Prozent im Baustellenabwasser landeten. Zum Einsatz kamen auch tonnenweise verschiedenste Bauchemikalien. So wurden allein zwischen 2001 und 2004 über zehn Tonnen eines chemischen Betonverflüssigers verbraucht. Der Chemiker und pensionierte VBS-Angestellte Hans Stucki, der sich jahrelang mit der Munition im Thunersee beschäftigte, spricht von einer «Jahrhundertverschmutzung». Stucki: «Die Folgen des Neat-Chemiecocktails für den Thunersee wurden bisher ungenügend untersucht.»

Tatsächlich: Als für das nationale Forschungsprogramm Felchen in Neat-Abwasser hätten aufgezogen werden sollen, wurde der Versuch vorzeitig abgebrochen - die Fische verendeten im Versuchsbecken. Inzwischen werden Felchen in Wasser gehalten, dem verschiedene Stoffe beigemischt wurden, wie sie im Neat-Abwasser vorkommen. Die Resultate stehen noch aus.