Seit sich die Bestände der Kormorane in der Schweiz erholen, ist bei den Fischern und den Vogelschützern Feuer im Dach. Lange waren die Fisch fressenden Vögel in der Schweiz ausgestorben, doch jetzt ist der Brutbestand wieder auf sieben Kolonien mit insgesamt rund 400 Paaren angewachsen. Daneben besuchen jeden Winter rund 5000 bis 6000 Kormorane unser Land. Die Vogelschützer freuts, die Fischer störts: Auf allen Kanälen laufen die Hobbyangler und Berufsfischer gegen die «schwarze Pest» Sturm, weil ihnen die archaisch anmutenden Vögel ihrer Meinung nach die Beute streitig machen, aber auch die Bestände einiger seltener Fische dezimieren.

Vor fünf Jahren noch konnten sich die beiden Parteien nach langen Verhandlungen auf einen Kompromiss einigen. Zusammen mit dem Bundesamt für Umwelt (Bafu) erarbeiteten sie eine Neufassung des sogenannten Kormoranplans. Gemäss diesem sollten die Kormorane an Flüssen eingedämmt, an grossen Seen hingegen weitgehend toleriert werden. Im Winter können die Fischfresser auch abgeschossen werden. Doch nun eskaliert der Streit, und der Kormoranplan droht zur Makulatur zu verkommen.

Kantone wollen Eier zerstören

Stein des Anstosses ist die Kormoran-Kolonie im Natur- und Vogelschutzgebiet Fanel am Neuenburgersee. 2009 brüteten hier 259 Brutpaare, was einem neuen Höchstwert entsprach. Dieses Jahr sind es nur noch 124 Paare. Trotzdem haben nun die Kantone Waadt, Neuenburg und Freiburg dem Druck der Fischer nachgegeben: Sie wollen die Kolonie dezimieren. Zum einen sollen die Eier mit Öl bestrichen werden, damit sie absterben, zum anderen will man die letztjährigen Nester entfernen und abschreckende Zäune errichten.

Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) gab dem Ansinnen bereits statt, und allfälligen Rekursen gegen seine Bewilligung entzog es sogar die aufschiebende Wirkung. Diese wurde jedoch nach einem Rekurs der Vereinigung Helvetia Nostra und des Schweizer Vogelschutzes SVS beim Bundesverwaltungsgericht wieder teilweise aufgehoben. Später legten dann fünf Naturschutzorganisationen auch gegen die Bewilligung des Bafu generell Rekurs ein.

«Das Fanel hat als Schutzgebiet internationale Bedeutung», begründet François Turrian, stellvertretender Geschäftsführer des SVS, den Schritt. «Es beherbergt die grösste Konzentration an Wasser- und Riedvögeln in der Schweiz und eine grosse Anzahl geschützter Arten». Zudem stimme es nicht, dass der Kormoran untragbare Schäden verursache. «Die von den Berufsfischern genannten Schäden von 5000 Franken pro Jahr werden auch von anderen Tieren verursacht oder stammen von den gefiederten Wintergästen. Ein Eingriff in die Kormorankolonie würde also die Situation für die Berufsfischer nicht verbessern», schreibt der SVS in einem Communiqué. Zudem führe die Zerstörung der Nester und Eier und das Aufstellen von Zäunen zu einer gravierenden Störung während der Brutzeit.

Noch ist der Rechtsstreit nicht ausgefochten. Das Bundesverwaltungsgericht gab zwar grünes Licht für das Entfernen der Nester und den Bau eines Zauns, doch die Eier dürfen bis zum definitiven Entscheid nicht zerstört werden. Die Kantone haben entschieden, mit allen Massnahmen bis im Herbst zuzuwarten.

Bereits ist jedoch klar, dass der nationale Kormoranplan nun ausgerechnet von den Kantonen und vom Bafu ausgehebelt wird. Die Konflikte zwischen den Fischern und Vogelschützern werden daher in Zukunft wohl nur noch auf Gerichtsebene ausgefochten.