Strahlend blauer Himmel, aber kein Flugzeug, keine Kondensstreifen weit und breit. Wie ein Spuk mutete es an, als ein ferner isländischer Vulkan sechs Apriltage lang Europas Flugbetrieb lahmlegte. Der Spuk könnte sich wiederholen, anderswo – und noch viel schlimmer. Der Eyjafjalla hat uns daran erinnert, dass der Mensch an vielen Orten auf der Welt geradezu über Teufels Küche wohnt. Zum Beispiel bei Neapel, wo rund drei Millionen Menschen im Auswurfbereich des Vesuvs leben. Im Jahr 79 nach Christus hat er Pompeji und Herculaneum unter Asche begraben. Heute hätte ein erneuter und durchaus möglicher Ausbruch noch viel verheerendere Folgen.

18. Mai 1980: Ein Berg explodiert

Zu einem der schlimmsten Ausbrüche in der jüngeren Vergangenheit kam es vor 30 Jahren beim Mount St. Helens – gerade einmal 150 Kilometer von der amerikanischen Grossstadt Seattle entfernt. «Nur» rund 40 000 Jahre hatte der jüngste und schönste Vulkan des Kaskadengebirges an der US-Westküste gebraucht, um Schicht für Schicht seine prächtige Gestalt zu bilden, die ihm den schmeichelhaften Vergleich mit Japans verehrtem Fujiyama einbrachte. Bis zu jenem katastrophalen Mai 1980. Seit März hatte es Warnzeichen gegeben. Die Nordflanke hatte sich aufgebläht, zuletzt um mehrere Meter täglich.

Am 18. Mai 1980 um 8.32 Uhr gerät der Mount St. Helens auf einen Schlag aus den Fugen. Ein Beben der Stärke 5,1 erschüttert den grollenden Berg und sprengt donnernd die gesamte noch schneebedeckte Nordflanke weg. Ein glühend heisser Schuttstrom wird losgetreten, ein Riesenstück des Vulkans rast als Zerstörung bringende Lawine mit Geschwindigkeiten von bis zu 200 Kilometern pro Stunde ins Tal. Fast drei Milliarden Kubikmeter Material kommen in Bewegung – zum Vergleich: Auf «bloss» 140 Millionen Kubikmeter schätzt man den Auswurf des Vulkans Eyjafjalla.

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Rund um den Mount St. Helens geht die Welt unter: Der überhitzte Kochtopf hat seinen Deckel verloren, und die überquellende, schäumende Fontäne aus Magma, Geröll und Wasser formt sich zu einem gefürchteten Lahar, einer rasenden Schlammlawine. Sie füllt innerhalb von kürzester Zeit ein ganzes Tal. Eine Fläche von 60 Quadratkilometern wird wenig später bis zu 46 Meter hoch mit dem Auswurf zugedeckt sein. Die Wasserabflüsse sind verstopft, Grundwasserreservoirs so stark erhitzt, dass sie explodieren und neue Krater aufreissen.

Zwischen 11 Uhr und 12.15 Uhr spuckt der Mount St. Helens bis zu 13 000 Tonnen Material aus – pro Sekunde. Feingemahlenes Gestein steigt mit Gasen als Aschewolke in den Himmel. Eineinhalb Millionen Tonnen Schwefeldioxid gehen in die Atmosphäre. Sie werden Schwefelsäure bilden und weithin als saurer Regen niedergehen. Eine Fläche von 550 Quadratkilometern wird vom Auswurf zugedeckt.

Natur erholt sich in Jahrhunderten

Nur wenige Stunden dauert das Drama am Mount St. Helens. Entstellt präsentiert sich anschliessend das Juwel der Kaskadenkette. 400 Meter kürzer wurde der Berg, und in seinem einst perfekten Kegel klafft ein riesiger halbrunder Krater. 57 Menschen haben beim Ausbruch ihr Leben verloren. Heute, 30 Jahre später, grünt es schon wieder auf den Flanken, sogar einige Amphibien sind zurückgekehrt. Aber erst in ein paar hundert Jahren wird alles wieder so vielfältig sein wie vorher – aber nur, wenn die Schlote ruhig bleiben.

Seit Menschengedenken hatte es nie zuvor auf dem nordamerikanischen Kontinent einen solchen Ausbruch gegeben.Aber der Zeitraum, den das Menschengedenken umfasst, ist nach geologischen Massstäben lächerlich kurz. Tatsächlich gestalten Vulkane tagtäglich unsere Erde um, ohne dass wir viel davon bemerken. An unzähligen Orten auf unserem Planeten tritt unaufhörlich heisser Auswurf an die Oberfläche. An manchen heissen Stellen warten riesige, mit Magma gefüllte Kavernen geradezu darauf, sich endlich zu entladen. An anderen Orten ist die Füllung erst im Gange.

Vom Druck mehr und mehr befreit, steigen kochende Teile der heissen Materie über riesige Schlote nach oben. Sie füllen Hohlräume und können dort langsam zu Granit erstarren. Findet die Magma den Weg an die Oberfläche, strömt sie als Lavastrom weg und wird zu Bimsstein – oder zu Staub und Gesteinsglas, wenn sie auf Wasser trifft.

Die Erdkruste ist äusserst fragil

Nur wenige Kilometer trennen uns von den brodelnden Massen im Untergrund. Die feste Erdkruste, auf der wir leben, die Litho- oder Steinsphäre, misst nur rund 50 Kilometer, unter den Ozeanen kann sie sogar noch dünner sein. Wie zerbrechlich die Erdkruste ist, zeigt ein Vergleich: Wäre die Erde ein Pfirsich, entspräche die Haut etwa der Dicke der Erdkruste.

Zudem ist die Lithosphäre in Platten aufgebrochen, die sich aufeinander zu- oder voneinander wegbewegen. Sie schwimmen eigentlich, denn die darunterliegende Erdmantelschicht verhält sich unter Druck und Hitze wie ein zäher Brei. Auf dieser Astheno- oder «kraftlosen» Sphäre bewegen sich die Kontinentalplatten, sehr langsam nach menschlichen, aber schnell nach geologischen Massstäben.

Wo Platten sich auseinanderbewegen oder aufeinanderstossen, befinden sich die meisten Vulkane. In den Ozeanen quellen aus Spalten stetig Riesenmengen von Magma und erstarren zu Basalt: Die Platten werden gegen den Rand der Kontinente verschoben. Schiebt sich eine schwerere Platte unter eine leichtere, werden Sedimente und Gesteine in der Tiefe zu Magma aufgeschmolzen.

Besonders aktiv ist der Untergrund im Pazifischen Feuerring. Dieser verläuft von Chile über Peru bis Nordalaska und im Westen von Japan bis Südostasien und zu den Pazifischen Inseln. In dieser Region befinden sich rund 40 Prozent aller weltweit aktiven Vulkane. Hier ereigneten sich auch die grössten Ausbrüche. 1883 etwa der indonesische Vulkan Krakatau, dessen Rumoren bis nach Australien hörbar war. Oder der ebenfalls in Indonesien gelegene Tambora, der 1815 ausbrach. Tamboras Rauchsäulen drangen in die Stratosphäre, schweflige Aerosole schluckten das Sonnenlicht. 1816 wurde zum Jahr ohne Sommer. Hungersnöte plagten die Menschen – sogar in der Schweiz.

Oder im Juni 1991: der Ausbruch des Pinatubo auf den Philippinen. Nur 50 Kilometer von Manila entfernt explodiert der lange Zeit unauffällige, bewaldete Berg. Er wird innert Stunden zum Höllenschlund. 32 Kilometer hoch steigt die Rauchsäule mit Millionen Tonnen von Schwefeldioxid und verdunkelt den Himmel. Die globalen Temperaturen sinken in den folgenden Jahren um bis zu 0,7 Grad. Die Region Luzon liegt unter einer Aschedecke.

Wo Pinatubos Vulkankappe war, befindet sich heute ein See: Der Krater, die Caldera, hat sich mit Wasser gefüllt. Riesige Calderen andernorts künden heute noch von katastrophalen Ausbrüchen, die alles, wovon bisher die Rede war, in den Schatten stellen. Es sind die Überreste von Supervulkanen, die in grauer Vorzeit das gesamte Leben auf dem Globus gefährdeten. Unter den Calderen im Yellowstone-Nationalpark, im kalifornischen Long Valley, unter dem Toba in Südsumatra und Taupo in Neuseeland verstecken sich noch immer solche schlafenden Riesen, die eine unvorstellbare Wucht entwickeln können. Mindestens vier solche Ereignisse fanden in den letzten zwei Millionen Jahren statt.

Die Frage ist, wann es passiert

Wie über einem gigantischen Gasbrenner wird die Platte unter dem Yellowstone-Park aufgeheizt. Als dieser «Hotspot» vor 640'000 Jahren letztmals explodierte, bedeckte wohl wochenlang fallender grauer Ascheregen Tausende von Quadratkilometern in ganz Amerika, in unmittelbarer Umgebung bis zu 400 Meter hoch. Ungeheure Mengen von Gas jagten in Richtung Stratosphäre und müssen das globale Klima dramatisch verändert und grosse Löcher in die Ozonschicht gerissen haben. Vulkanische Winter bedrohten alles Leben.

Dass sich solches irgendwann wiederholen wird, gilt unter Vulkanologen als gesichert – auch wenn bis dahin noch Zehntausende von Jahren vergehen können. Verglichen mit solchen Superkatastrophen aber ist der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjalla nicht mehr als ein kleines Räuspern aus der Hölle.


Vesuv, Italien
Der Vesuv begrub im Jahr 79 n. Chr. Pompeji und Herculaneum sowie 5000 Menschen unter seiner Asche. Dennoch ist die Gegend bei Neapel heute so dicht besiedelt wie keine andere mit aktivem Vulkan.

Kilauea, Hawaii
Der Kilauea ist der jüngste von fünf Vulkanen, denen die Insel Hawaii ihre Existenz verdankt. Er spuckt seit 1983 ununterbrochen Lava und gilt als einer der aktiv­sten Schlote der Welt. In ihm soll die Göttin Pele wohnen.

Pinatubo, Philippinen
Zur Katastrophe geriet für die Philippinen 1991 der Ausbruch des bis dahin ruhigen Pina­tubo. Riesige Gebiete wurden mit ­weisser Asche bedeckt, sein ­Auswurf in die Atmosphäre führte zu einer globalen Abkühlung.

Berg Unzen, Japan
Der in der Nähe von Naga­saki ­gelegene Unzen gilt als gefährlichster Vulkan Japans. Bei einem Ausbruch im Jahr 1792 kamen 15'000 Menschen ums Leben. 1991 verschüttete eine Lawine 43 Journalisten und Vulkanologen.

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Quelle: Henrik Thorburn