Der Klimawandel wird die Konflikte ums Wasser verschärfen. «Trockene Alpenregionen wie hier im Wallis bei Crans-Montana sind besonders gefährdet», sagt Bruno Schädler, 62. Der Hydrologe von der Uni Bern steht am Eingang des engen Bovèrèche-Tals auf 1900 Metern Höhe. Ein Wanderweg führt ins Tal hinein, auf der angrenzenden Weide stehen wie zur Bestätigung von Schädlers Worten gelbe Schneekanonen. «Die Seilbahnen brauchen im Winter Wasser, um schneesichere Pisten für die Touristen zu garantieren.» Im Sommer sind es Schwimmbäder und der Golfplatz, die Wasser abziehen.

Etwa 15'000 Menschen leben auf dem gut ausgebauten Plateau, in der Hochsaison sind es mit den Touristen 50'000. Bisher werde das Wasser gratis abgegeben, die meisten Häuser hätten nicht einmal Wasserzähler, berichtet Schädler. Mit dem unübersichtlichen Verbrauch, der teilweise auf alten Wasserrechten der Gemeinden beruht, muss aber Schluss sein.

wächst die Bevölkerung der Tourismusregion Crans-Montana in der Hochsaison: Zu den 15'000 Einheimischen kommen 35'000 Gäste hinzu. Sie erhöhen den Wasserverbrauch in einer der trockensten Regionen der Schweiz. In Montana fallen 950, in Sierre nur 650 Liter Niederschläge pro Quadratmeter und Jahr; das Schweizer Mittel beträgt etwa 1500 Liter.

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Ein Grund dafür: Der wichtigste Wasserspeicher schmilzt. Der Plaine-Morte-Gletscher im Wildstrubelgebiet oberhalb von Crans-Montana verliert an Masse und wird, wenn nicht ganz verschwinden, so doch dramatisch zurückgehen. Die Plaine Morte, verborgen hinter kahlen Karsthängen, gehört mit einer Fläche von etwas über acht Quadratkilometern und einem Volumen von rund einem halben Kubikkilometer zu den mittelgrossen Gletschern. Der Gletscher speist auch den Lac de Tseuzier, einen Stausee auf rund 1800 Metern Höhe. Hier gewinnt die Electricité de la Lienne Strom; seit 1958 hat sie von den Gemeinden Icogne, Ayent, St-Léonard und Sion die Konzession zur Nutzung des Wassers.

Die möglichen Folgen des Klimawandels machen den Menschen hier Angst. «Die Leute fragen sich, ob ihre Quellen versiegen, wenn der Gletscher nicht mehr da ist», sagt Schädler. Das könnte künftig im Spätsommer und im Herbst der Fall sein, wenn der Wasserbedarf hoch ist und kein Schmelzwasser nachfliesst. Heute entstehen Engpässe vor allem im Winter. Die Gemeinden kaufen dann Wasser vom Kraftwerk zurück.

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Etwas weiter unten im Tal steht eine Wetterstation am Hang. Sie ist Teil eines Messnetzes, das ein Team der Uni Bern diesen Frühling und Sommer im Rahmen des Projekts Montanaqua installiert hat. Untersucht wird die Region Crans-Montana – bis zum Gletscher auf 2700 Metern und hinunter bis nach Sierre im Rhonetal –, eine Fläche von gut 100 Quadratkilometern. In teilweise unwegsamem Gelände erfassen die Forscher Niederschläge und Verdunstung, Wasserzu- und -abflüsse sowie den Verbrauch. «Wir wollen eine umfassende Wasserbilanz erstellen», erklärt Bruno Schädler, der Co-Leiter des zwölfköpfigen Teams ist.

Die Verhältnisse im untersuchten Gebiet sind kompliziert. Die Niederschlagsmengen in den verschiedenen Höhenlagen sind sehr unterschiedlich. Im oberen Teil besteht der Boden aus Karst, in den das Oberflächenwasser abfliesst. Erst weiter unten kommt es wieder aus dem Boden. «Der Karst kompliziert die Bestandsaufnahme und vor allem die Analyse des Gletschers», erklärt Schädler. «Wir wissen heute nicht, wohin genau das Schmelzwasser des Gletschers fliesst.» Es gibt erste Hinweise, dass ein Teil davon unterirdisch in den Tseuzier-Stausee abfliesst, ein anderer Teil Richtung Simmental im Kanton Bern.

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Abflüsse und Zukunft des Gletschers sowie der Stausee sind die kontroversen Punkte, mit denen sich die Studie, die Ende 2012 vorliegen wird, befasst. Zwar muss die Kraftwerkkonzession erst 2037 erneuert werden, die Gemeinden wollen aber baldmöglichst über ihren künftigen Wasserbedarf Bescheid wissen.

Ein weiterer Konfliktpunkt ist die Bewässerung: Sie verbrauche mehr Wasser als Haushalte und Gewerbe zusammen, so die Einschätzung von Bruno Schädler. Ihr Verbrauch dürfte sogar höher sein als derjenige der Beschneiungsanlagen. Das Projekt Montanaqua soll zu all diesen Bereichen Zahlen liefern. Liegen diese Daten erst einmal vor, kann über Nutzungsrechte und einen angemessenen Wasserpreis verhandelt werden. «Wir planen Workshops mit allen Akteuren», sagt Bruno Schädler.

Bahnt sich ein Kampf ums Wasser an? Der Hydrologe ist zu höflich, um von Kampf zu reden. Aber er verneint die Frage nicht.

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Auf einer Fläche von 100 Quadratkilometern werden Verfügbarkeit und Verbrauch von Wasser analysiert.

Infografik: Beobachter/DR

Quelle: Sebastian Magnani