BeobachterNatur: Laut UNO zählt die Erde seit Ende Oktober sieben Milliarden Menschen. Für Ende des Jahrhunderts rechnen die Prognostiker gar mit zehn Milliarden. Die meisten Kommentatoren sehen dieser Entwicklung mit Sorgen entgegen und warnen vor der «Bevölkerungsbombe». Sie nicht – wieso?
Fred Pearce
: Die Erdbevölkerung wird zwar zunächst noch weiterwachsen und um 2050 rund neun Milliarden erreichen. Aber danach gehen die Zahlen schneller zurück als die UNO prognostiziert. Wichtigster Grund ist die rasch sinkende Familiengrösse. Frauen haben heute global gemittelt 2,5 Kinder, noch halb so viel wie ihre Grossmütter ein halbes Jahrhundert zuvor. In der Hälfte der Welt beträgt die Fruchtbarkeitsrate bereits weniger als nötig wäre, um die Bevölkerung konstant zu halten. Dazu gehören Europa, Nordamerika, grosse Teile Ostasiens mit Japan und China, selbst Südindien und Iran. Die Zahl der Menschen wächst nur noch wegen dem Baby-Boom im 20. Jahrhundert. Mitte des Jahrhunderts wird die Weltbevölkerung die Spitze erreichen und dann zurückgehen. China wird diesen Übergang in ein bis zwei Jahrzehnten erreichen. Diese Entwicklung ist positiv.

BeobachterNatur: In Afrika allerdings wird die Bevölkerung laut UNO massiv anwachsen, von heute einer auf rund 3,5 Milliarden bis 2100. Der Übergang zu einer konstanten Bevölkerung ist weit entfernt. Das beunruhigt Sie nicht?
Fred Pearce: Ich möchte diese Dynamik in Afrika nicht verharmlosen. Die Fruchtbarkeit ist dort vielerorts immer noch zu hoch. Aber sie fällt bereits jetzt und sie wird fallen, wenn die Menschen in die Städte ziehen. Die Menschen in den Städten haben weniger Kinder, weil sie zur wirtschaftlichen Belastung werden. Auf dem Land hingegen sind auch Kinder wichtige Arbeitskräfte. Wir sind also dabei, die Bevölkerungsbombe zu entschärfen. Dies dank einer modernen Empfängnisverhütung, zu der alle Menschen Zugang haben sollten. Es braucht dazu keinen Druck oder Zwangsmassnahmen, es reicht, wenn die Leute selbst entscheiden können.

BeobachterNatur: Sie kritisierten die UNO, weil sie die Dynamik schrumpfender Bevölkerungen missachte. Mit dem Ergebnis, dass die Organisation unrealistische Wachstumsprognosen vorlege. Welches Interesse sollte die Organisation daran haben, zu hohe Bevölkerungszahlen zu verbreiten?
Fred Pearce: Die UNO-Behörden sind vorsichtig und unsicher. Sie änderten ihre Prognosen und erhöhten die globalen Fruchtbarkeitsraten, die zu erreichen sind, von 1,85 auf 2,1. Ich nehme an, der Grund liegt bei Afrika: Die UNO glaubt nicht, dass auch die Länder Afrikas die gleiche Entwicklung durchmachen werden wie der Rest der Welt. Ich denke, dieser Pessimissmus ist nicht gerechtfertigt.

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BeobachterNatur: Wieso hält die UNO denn daran fest?
Fred Pearce: Ein Teil ist sicher politisch motiviert. Die UN-Experten wollen nicht den Eindruck erwecken, das Bevölkerungsproblem sei gelöst und man müsse nichts mehr tun. Ich hingegen bin überzeugt, dass die «reproduktive Revolution» (der Rückgang der Fruchtbarkeitsraten) auch in Afrika stattfinden wird und sich kleine Familien durchsetzen.

BeobachterNatur: Haben die UNO-Experten eine versteckte Agenda? Rechnen sie mit den pessimistischsten Prognosen, um mehr Unterstützung zu erhalten?
Fred Pearce: Die Fakten sind nicht versteckt. Jeder kann die Änderungen der Fruchtbarkeitsraten verfolgen. Aber es entsteht schon der Eindruck, es werde schwarz gemalt. Wenn ich mit Familienplanern der UNO spreche und frage, wieso sie ihre bisherigen Erfolge nicht stärker hervorheben, sagen sie mir: Dies würde ihre Finanzierung verkleinern.

BeobachterNatur: Gehen wir von einer maximalen Weltbevölkerung von neun Milliarden aus. Gibt es genügend Ressourcen und Lebensmittel auf der Erde, um in Zukunft so viele Menschen zu ernähren?
Fred Pearce: Es wird vermutlich nicht möglich sein, allen Menschen unseren westlichen Lebensstil zu ermöglichen. Während wir die Bevölkerungsbombe entschärfen, ist es uns nicht gelungen, den Verbrauch zu drosseln. Die «Verbrauchsbombe» bedroht uns stärker. Obwohl wir wissen, was dagegen zu tun wäre: Wir kennen erneuerbare Energien und könnten uns von der Kohlenstoff-Energie verabschieden. Wir wären auch in der Lage, Nahrungsmittel für neun Milliarden Menschen zu produzieren – tatsächlich wachsen bereits heute genug Rohstoffe, aber zuviel wird verschwendet, weggeworfen und ungerecht verteilt. Wir müssen die Ressourcen besser nutzen, dies ist die Herausforderung.

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BeobachterNatur: Auch wenn die Bevölkerungsexplosion in Afrika etwas geringer ausfallen wird als von der UNO prognostiziert: Fürchten Sie keine negativen Auswirkungen auf die grandiose Natur des Kontinents?
Fred Pearce: Im Vergleich mit Asien ist Afrika nicht dicht besiedelt. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Umweltprobleme in den bevölkerungsreichsten Staaten grösser sind als in anderen. Der Kontinent hat reichlich Ressourcen und eine fantastische Natur. Die wirklichen Probleme liegen bei den Regierungen, nicht bei den natürlichen Grenzen. Die landwirtschaftlichen Erträge sind sehr tief und die Regierungen sind unfähig. Afrika hat ein wirklich schlechtes halbes Jahrhundert hinter sich.

BeobachterNatur: Um die Bevölkerungszahl konstant zu halten, muss die Fruchtbarkeitsrate weltweit auf einen Wert von mindestens 2,3 gedrückt werden. Global beträgt der Durchschnittswert zurzeit 2,5 (Industrieländer 1,7, Entwicklungsländer 4,2). Was sind die wichtigsten Massnahmen, um dieses Ziel zu erreichen?
Fred Pearce: Am wichtigsten ist es, das Wissen und die Initiative der Frauen so zu stärken, dass sie ihre Kinderwünsche und Fruchtbarkeit besser kontrollieren können. Dazu braucht es eine verbesserte Ausbildung der Mädchen. Sie sollten sich einfach über Familienplanung informieren können.

BeobachterNatur: Sind die Frauen bereit, auf grosse Familien zu verzichten?
Fred Pearce: Erfahrungen zeigen eine hohe Bereitschaft der Frauen, die Kinderzahl zu reduzieren. Es braucht nicht viel Überzeugungsarbeit. Familien mit fünf oder sechs Kindern sind nur dann erstrebenswert, wenn die Kindersterblichkeit hoch und die nachfolgende Generation nicht gesichert ist. Zum ersten Mal in der Geschichte wachsen die meisten Kinder ins Erwachsenenalter. Darum verkleinern sich die Familien.

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