BeobachterNatur: Wie ist das Klima in Kopenhagen? Sicherheitskräfte rechnen offenbar mit Ausschreitungen.
Thomas Kolly: In der Stadt herrscht vorweihnächtliche Stimmung, auf den Plätzen weisen zahlreiche Stände und Attraktionen auf die Klimakonferenz hin. Im Konferenzgelände, das ausserhalb des Zentrums im Süden liegt, gelten strikte Sicherheitsvorschriften mit Gepäckkontrollen am Eingang. Im Konferenzzentrum ist die Stimmung konzentriert. Noch ist alles ruhig. Es ist aber nicht auszuschliessen, dass die Umweltorganisationen Protestaktionen starten. Natürlich hoffe ich, dass die Kundgebungen friedlich verlaufen.

BeobachterNatur: Die Vorzeichen stehen günstiger als auch schon: Indien und China wollen konkrete Zugeständnisse machen, die beiden Länder haben bereits offizielle Reduktionsziele bekannt gegeben. Hat dieses Einlenken der beiden grossen Schwellenländer den Gipfel gerettet?
Kolly: Die Ankündigung solcher nationaler Programme ist natürlich positiv zu werten. Diese Programme in einem internationalen Abkommen festzuschreiben wird allerdings die grosse Herausforderung sein. Die Schwellenländer sträuben sich dagegen, sich international einbinden zu lassen. Trotzdem bin ich zuversichtlich, dass in Kopenhagen ein verbindliches Abkommen zu Stande kommt.

BeobachterNatur: Neben 110 Staats- und Regierungschefs hat auch der amerikanische Präsident seine Teilnahme zugesichert. Obama wird bereits als Klima-Hoffnungsträger portiert. Sind diese Erwartungen berechtigt?
Kolly: Dass der amerikanische Präsident am Schlusstag anwesend sein will, ist ein hoffnungsvolles Zeichen - und macht die Abkehr von der Politik seines Vorgängers deutlich. Präsident Obama ist jedoch an die Entscheide des Kongresses gebunden und wird in Kopenhagen kaum Zusicherungen machen, bevor nicht der Kongress das Reduktionsziel verabschiedet hat.

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BeobachterNatur: Obamas Regierung will erstmals den Ausstoss von Treibhausgasen reduzieren. Notfalls könnte sie auch ohne Zustimmung des Kongresses Klimagesetze verabschieden, seit die Umweltbehörde EPA Kohlendioxid für gesundheitsschädlich erklärt hat. Wie ist dieses Signal zu deuten?
Kolly: Es zeigt den Willen der USA, in der internationalen Klimapolitik eine konstruktive Rolle einzunehmen. Für Kopenhagen ist dies ein gutes Signal. Trotzdem wird auch hier entscheidend sein, was der US-Kongress in der Klimafrage entscheidet.

BeobachterNatur: Wie gut stehen derzeit die Chancen dafür, dass eine Schlusserklärung verabschiedet wird, die alle Staaten zum Abschluss eines Nachfolgeabkommens zum Kyoto-Protokoll verpflichtet?
Kolly:
Ich bin immer noch zuversichtlich, dass in Kopenhagen ein Abkommen verabschiedet wird. Allerdings ist auch absehbar, dass noch viele Punkte offen bleiben werden, die nach Kopenhagen weiter verhandelt werden müssen. Doch unabhängig davon, ob hier ein Abkommen zustande kommt oder nicht, haben sich Industriestaaten wie die EU, Japan, Norwegen oder die Schweiz zu Treibhausgasreduktionen verpflichtet, die sie auch umsetzen werden.

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BeobachterNatur: Was braucht es, damit die Konferenz in Kopenhagen als Erfolg gelten kann?
Kolly: Es muss gelingen, die weltweite Klimaerwärmung zu bremsen, so dass sich die Temperaturen höchstens um 2 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit erhöhen. Und es müssen sich alle grossen Verursacher dazu verpflichten, ihren Treibhausgasausstoss zu senken. Ausserdem muss eine Finanzarchitektur geschaffen werden, um die Entwicklungsländer bei der Reduktion der Emissionen zu unterstützen. Wir müssen auch prüfen, wie die Rolle der Internationalen Organisationen und Finanzinstitutionen – Weltbank, Global Environment Facility und andere – bei der Verminderung des Klimaproblems gestärkt werden kann.

BeobachterNatur: Die Entwicklungsländer fordern, die reichen Staaten müssten die Emissionen erst reduzieren, weil nach Auffassung der Schwellenländer die Industrieländer die historische Verantwortung für den bisherigen Treibhausgasausstoss und die damit verbundene Klimaproblematik tragen. Es fehlt offenbar immer noch an politischem Willen, starke Klimaverpflichtungen einzugehen. Wo sehen Sie die Lösung?
Kolly:
Die Hauptverantwortung beim Klimawandel tragen tatsächlich die Industrieländer, darunter auch die Schweiz. Diese Länder sind auch bereit, ihre Verantwortung wahrzunehmen. Mit Ausnahme der USA haben sie das bereits mit der Übernahme von Emissionsreduktionszielen im Kyoto-Protokoll getan. Allerdings reichen die Anstrengungen der Industrienationen nicht aus, denn mehr als die Hälfte der Emissionen wird heute von den Schwellen- und Entwicklungsländern verursacht – und in diesen Ländern sind die Emissionen immer noch stark am Steigen.

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BeobachterNatur: Industrie- und Entwicklungsländer verfolgen offenbar unterschiedliche Ziele. Gibt es auch Gemeinsamkeiten?
Kolly: Die Positionen sind tatsächlich unterschiedlich: Die Schwellen- und Entwicklungsländer pochen auf ihr Recht, sich weiter zu entwickeln, die Armut zu überwinden. Die Industrieländer weisen darauf hin, dass ohne die Anstrengung aller Weltregionen das Klimaproblem nicht gelöst werden kann. Die Gemeinsamkeit besteht in der Einsicht, dass gehandelt werden muss, und dass die Lösung in der nachhaltigen Entwicklung liegt. Das heiss, die natürlichen Ressourcen dürfen nur bis zu einem Ausmass genutzt werden, welches das Ökosystem nicht aus dem Gleichgewicht bringt.

Thomas Kolly, Chef der Abteilung Internationales im Bundesamt für Umwelt (BAFU) und Leiter der Schweizer Verhandlungsdelegation

Quelle: www. colourbox.com
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BeobachterNatur: Heute werden für einzelne Länder irgendwelche Reduktionsziele verhandelt. Müsste man sich auf längere Sicht nicht auf eine einfache, transparente Formel einigen?
Kolly: Ein Modell, das beispielsweise den Pro-Kopf-Ausstoss festlegt und Kontingente handelbar macht, wäre ein erstrebenswertes Ziel. In der internationalen Klimapolitik wie in allen internationalen Verhandlungen mahlen die Mühlen aber langsam. Es braucht viel Zeit und Überzeugungsarbeit, bis sich neue Konzepte durchsetzen. An den Verhandlungen ist zwar klar, dass wir aktiv werden müssen, wenn wir eine Störung des Klimasystems verhindern wollen. Die Tatsache aber, dass die Massnahmen weitreichende Konsequenzen haben und fast alle Politik- und Lebensbereiche betreffen, machen die Verhandlungen so komplex und schwierig.

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BeobachterNatur: Wie stehen die Chancen, dass in Kopenhagen die von der Schweiz vorgeschlagene globale CO2-Abgabe angenommen respektive umgesetzt wird?
Kolly: Das Verursacherprinzip, das der globalen CO2-Abgabe zugrunde liegt, wurde sehr gut aufgenommen. Diese Schweizer Idee figuriert nach wie vor im Verhandlungspapier von Kopenhagen. Auch derjenige Teil unseres Vorschlags, der den Einsatz der Gelder thematisiert, hat Anklang gefunden. Mit finanziellen Mitteln soll einerseits Schaden verhindert und andererseits ein Versicherungssystem aufgebaut werden für den Fall, dass der Schaden nicht abgewendet werden kann.

BeobachterNatur: Die Schweiz ist vom Klimawandel stark betroffen. Der in der Schweiz gemessene Temperaturanstieg liegt über dem weltweiten Mittel, was sich insbesondere auf die Wasserressourcen auswirken wird: Vielerorts dürfte der Schnee ausbleiben, es wird weniger Wasser verfügbar sein, und die Gletscher verschwinden. Wir sind sozusagen darauf angewiesen, dass in Kopenhagen möglichst griffige und globale Klimaschutzmassnahmen beschlossen werden. Nur: Haben wir als kleines Nicht-EU-Land überhaupt eine Chance, gehört zu werden?
Kolly: Die Schweiz ist an den Klimaverhandlungen ein respektierter Partner. Wir präsidieren die Environment Integrity Group (EIG), der Mexiko, Südkorea, Liechtenstein und Monaco angehören. Die Schweiz sitzt daher auch während der entscheidenden Phasen am Verhandlungstisch. Dank seinem hohen Engagement gehört unser Land zu einer Gruppe von rund 35 Ländern, die zu informellen Vorverhandlungen auf hoher Ebene eingeladen werden. Bundesrat Leuenberger nahm zum Beispiel Mitte November auf Einladung der dänischen Regierung an einer Vorverhandlung in Kopenhagen teil.

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BeobachterNatur: In Kopenhagen verhandeln Hunderte von Diplomaten, Regierungsmitglieder und Nicht-Regierungsorganisationen. Wie wissen Sie, wann und wo Sie «andocken» müssen?
Kolly: Es ist tatsächlich ein komplexer Prozess. Um in den Verhandlungen eine Rolle spielen zu können, muss man neben der Materie den Verhandlungsprozess sowie die wichtigen Personen gut kennen. Über diese Kontakte, die wir über die Jahre aufgebaut haben, versuchen wir, die schweizerischen Positionen einzubringen. Zu unserer Delegation gehören auch Vertreterinnen und Vertreter der Wirtschaft, von Umwelt-, Entwicklungs- und Wirtschaftsorganisationen, die ihre eigenen Kontakt nützlich einsetzen. An frühmorgendlichen Sitzungen und während des Tages tauschen wir Informationen aus, um das weitere Vorgehen zu bestimmen. So gelingt es uns an den grossen Klimakonferenzen, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

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BeobachterNatur: Was erhoffen Sie sich vom Klimagipfel im kommenden Jahr in Mexico City?
Kolly: Wir müssen zuerst die Resultate von Kopenhagen abwarten. Mexico wird sicher auch dazu dienen, die Entscheidungen von Kopenhagen zu konkretisieren.