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Atommüll-Tiefenlager«Welche Technik hält schon eine Million Jahre?»

«Welche Technik hält schon eine Million Jahre?»
Wolfgang Kromp, 67, ist Leiter des Instituts für Risiko­forschung an der Universität Wien. Der promovierte Materialphysiker wird von Umweltschützern als «Anti-Atom-Pionier» bezeichnet – wogegen er nichts hat. Bild: Nathalie Bissig

Nichts kann garantieren, dass aus einem Atommüll-Tiefenlager keine Radioaktivität in die Umwelt gelangt, sagt der Wiener Risikoforscher Wolfgang Kromp. Er fordert kleinere, dezentrale Lager.

von Thomas Angeli und Otto Hostettler

Wo soll ein geologisches Tiefenlager für hochradioaktive Abfälle zu liegen kommen, bei Benken im Zürcher Weinland, an der Lägern oder am Bözberg? Dass von betroffenen Gemeinden Widerstand zu erwarten ist, weiss man. Die Angst vor Unfällen und Lecks in der unterirdischen Anlage im Opalinuston lässt die Emotionen hochgehen.

Das Modell eines einzigen, zentralen Lagers für die hochradioaktiven Abfälle galt bisher als unbestritten. Nun stellt es der österreichische Risikoforscher Wolfgang Kromp in Frage. Der Leiter des Instituts für Risikoforschung an der Uni Wien fordert ein Lagerungskonzept, bei dem der grösste anzunehmende Unfall für die Menschheit noch beherrschbar wäre – bei einem zentralen Lager sei das nicht der Fall.

Beobachter: Herr Kromp, die für die Entsorgung zuständige Nagra sagt, ein geologisches Tiefenlager für hochradioaktive Abfälle im Opalinuston sei «technisch machbar». Wie sehen Sie das?
Wolfgang Kromp: Mit den Theorien über die sicheren Gesteinsarten ist es wie mit der Mode. Die wechselt auch immer mal wieder. Die Schweiz will ein Endlager im Opalinuston, die Schweden bleiben beim Granit, die Deutschen setzen auf Salz. Wo einer zu bohren beginnt und jemand Geld investiert hat, wird dies früher oder später als die technische Lösung betrachtet. Und irgendwann kommt man dann darauf, dass es eben doch nicht geht. Vor über 20 Jahren sah man in Deutschland das Salzgestein als Ort für ein Endlager. Schliesslich fand man heraus, dass Wasser durch einen Salzstock durchlaufen kann. In der Asse ist das Lager auch tatsächlich abgesoffen. Jetzt haben sie den Scherbenhaufen.

Beobachter: Als Beweis, dass der Opalinuston sicher ist, präsentiert die Nagra gern eine 180 Millionen Jahre alte versteinerte Schnecke…
Kromp: Solchen Versteinerungen sieht man nicht an, wie oft sie im Lauf der Jahrmillionen nass wurden. Es mag Gebiete auf der Erde geben, die die kommenden Millionen Jahre relativ unbeschadet überstehen. Aber wir können nicht sagen, wo sich diese befinden. Aus der Vergangenheit jedenfalls lässt sich nicht auf eine ferne Zukunft schliessen. Über kurze Zeiträume mag das gehen, aber über geologische Zeiträume hinweg ist das fahrlässig. Die Erdkruste ist in Bewegung, in Zehntausenden, ja Hunderttausenden von Jahren können sich etwa Wasserwege verschieben. Plutonium oder andere radioaktive Substanzen, die bis zu diesem Zeitpunkt schön konzentriert in Behältern aufbewahrt waren, breiten sich dann plötzlich über viele Quadratkilometer aus. Das ist nie mehr rückholbar. Kurz: Ich bin der Meinung, dass die Tiefenlagerung eine Fehlentwicklung ist.

Beobachter: Und was ist Ihrer Ansicht nach die Alternative?
Kromp:
Ein Lager muss so beschaffen sein, dass es für alle Zeiten überwachbar und reparierbar ist und die Abfälle rückholbar sind. Im Ernstfall kann Wasser eindringen, ein Vulkan ausbrechen oder die Lagerstätte von einem der in Hunderttausenden Jahren zahlreich wiederkehrenden Gletscher ausgeschürft werden. Dann wäre der Opalinuston mit seinen schönen versteinerten Schnecken im Rhein – oder sonst irgendwo. Und wer wird in Zehntausenden von Jahren noch wissen, wo genau diese wahnwitzigen Vorfahren ihren Abfall vergraben haben? Mir ist das unheimlich. Ich möchte, dass diese Lager in Oberflächennähe bleiben. Da kann der Mensch eingreifen.

Beobachter: Das wäre in einem Tiefenlager auch möglich.
Kromp:
Wenn das Tiefenlager – und das ist für jedes Tiefenlager früher oder später zwingend vorgesehen – einmal zubetoniert ist, bleibt es zu. Glauben Sie wirklich, dass in einem Ernstfall irgendjemand das grausliche Ding ausgräbt, um zu sehen, wo das Problem liegt? Das wäre dann ohnehin viel zu spät. Die radioaktiven Stoffe hätten sich längst ausgebreitet.

Beobachter: Hochradioaktive Abfälle an einem oberirdischen Ort gelagert – da dürfen wir gar nicht daran denken, was passieren könnte.
Kromp:
Etwas Fels und Beton sollten schon noch dazwischen sein. Aber ich möchte das Lager sicher nicht in 500 oder 1000 Meter Tiefe bauen. Da wäre langfristig gesehen jede Art von Inspektion extrem schwierig. Wenn man ein solches Lager zugänglich halten will, muss man sicherstellen, dass kein Wasser dazukommt. Aber in Benken etwa müssen Sie zwei Wasserhorizonte durchstossen. Und wo ist der Nachweis, dass es eine Technik gibt, die einen verfüllten Zuführungsschacht für Jahrmillionen dicht hält?

Beobachter: Sie plädieren für ein dezentrales Lagerungskonzept. Wie stellen Sie sich das konkret vor?
Kromp:
Meiner Meinung nach braucht man für eine begrenzte Anzahl Menschen jeweils auch ein Lager für atomaren Abfall. Es geht darum, die optimale Grösse zu finden.

Beobachter: Soll denn jede Gemeinde ein eigenes Atommülllager betreiben?
Kromp:
Das kann ich nicht beurteilen. Ich sage nur: Wir müssen über Risikoaufteilung nachdenken, statt einen Ort für ein einziges riesiges Tiefenlager zu suchen, den man prinzipiell nicht finden kann. Insbesondere wäre langzeitige Überwachung zu etablieren, ähnlich wie wir solche seit Anbeginn der Menschheit für unsere Krankheiten, Kriminellen und anderes leisten mussten und werden müssen.

Beobachter: Weshalb soll ein dezentrales Oberflächenlager sicherer sein als ein zentrales Tiefenlager?
Kromp:
Ich sage nicht, dass man die Dezentralität zu weit treiben darf. Ich rechne damit, dass irgendwann etwas passiert, sowohl bei einem zentralen wie auch bei einem dezentralen Konzept. Wenn in den Yucca Mountains, wo die Amerikaner ihren gesamten Atommüll an einem Ort lagern wollen, etwas schiefläuft, kann das eine Katastrophe mit globalen Dimensionen sein. Die Grösse von dezentralen Lagern muss sich deshalb danach richten, ob der schlimmstmögliche Unfall für Mensch und Umwelt einer begrenzten Region noch verkraftbar wäre.

Beobachter: Also jeweils für zwei oder drei Atomkraftwerke ein temporäres Lager?
Kromp:
Ja, oder von mir aus bei jedem Atomkraftwerk ein Lager. Im Gegensatz zu den derzeit üblichen Zwischenlagerhallen müsste man ein solches Lager schon in einiger Tiefe oder in einem Berg einbunkern, damit es auch vor Anschlägen gut geschützt ist. Wie das genau ginge, darüber müssen sich die Techniker Gedanken machen.

Beobachter: Wird Ihnen eigentlich manchmal vorgeworfen, dass solche Ideen bloss Wunschdenken eines Atomkraftgegners sind?
Kromp:
Ja freilich. Das Wunschdenken eines Wahnsinnigen. (Lacht) Aber Sie müssen einmal über die Alternative nachdenken. Ich sage ja nicht, dass mein Vorschlag ideal ist. Es gibt hier gar keine ideale Lösung – unter schlechten Lösungen gilt es, die am wenigsten riskante zu wählen. Ein wichtiger Teil der Lösung ist, möglichst rasch aufzuhören, Stoffe zu erzeugen, die uns noch Jahrmillionen beschäftigen werden.

Beobachter: Aber solange keine Lösung für die Abfälle gefunden ist, haben doch die AKW-Gegner ein ideales Pfand in der Hand.
Kromp:
Ich finde nicht, dass dies ein gutes Pfand ist, ich denke an meine Nachkommen und deren Zeitgenossen. Recht zu haben ist vielleicht ganz schön, aber ob ich nun für oder gegen Atomkraft bin oder ob es mir egal ist: Das Zeugs ist nun einmal da, und wir sind ratlos. Ein Teil dieser Strahlung wird irgendwann freigesetzt werden, sei es durch ein Erdbeben, sei es durch eine militärische Aktion – durch irgendwas. Wenn wir 100 Lager haben, wird vielleicht alle 10'000 Jahre etwas passieren. Wenn wir 1000 Lager haben, häufiger. Aber: Je kleiner die Lager sind, desto verkraftbarer wird dieses Ereignis sein – und auch die Menschheit daran erinnern, dass hier weiter respektive besser aufgepasst werden muss.

Beobachter: Ihr Konzept beruht darauf, dass der Mensch grundsätzlich keine bösen Absichten hegt, also etwa keine Terroristen ein dezentrales Lager stürmen. Das scheint uns ziemlich naiv.
Kromp:
Es wird böse Absichten geben, da mache ich mir keine Illusionen. Ich glaube jedoch, dass man den Müll so konditionieren kann, dass man ihn nicht einfach in der Hosentasche wegtragen kann. Ein Brennelement wiegt immerhin gut 200 Kilogramm. Da gibt es an der Erdoberfläche wesentlich einfacher handhabbare und lohnendere Mittel.

Veröffentlicht am 2009 M07 03