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HeizenergieDie Milliarde besser nutzen

In Schweizer Wohnungen werden gigantische Mengen Energie verheizt. Im Wortsinn. Denn mit einem kleinen Dreh am Temperaturregler und einigen anderen Massnahmen liesse sich bereits eine Milliarde Franken sparen. Und mit energetischen Sanierungen nochmals 1,5 Milliarden.
Bild: Daniel Röttele

In Schweizer Wohnungen werden gigantische Mengen Energie verheizt. Im Wortsinn. Denn mit einem kleinen Dreh am Temperaturregler und einigen anderen Massnahmen liesse sich bereits eine Milliarde Franken sparen. Und mit energetischen Sanierungen nochmals 1,5 Milliarden.

von Armin Braunwalder

Die Szenerie stammt aus dem Repertoire der Werbebroschüren: schöne Männer, attraktive Frauen, sorglos drapiert in urbane Wohnlandschaften, T-Shirt, Sommerhemd, den Longdrink in der Hand. Und draussen rieselt der Schnee.

Hawaiilaune mitten im kalten Winter – eine verbreitete Lebensweise hierzulande. Hunderttausende überheizen ihre Wohnung, verpuffen Energie, erzeugen klimaschädigendes CO2 – und verschenken viel Geld. Denn hochgerechnet erreichen die Zahlen gigantische Dimensionen. Im Jahr 2007 lieferten Öl-, Gas- und Elektroheizungen in Wohnbauten rund 44 Milliarden Kilowattstunden Wärmeenergie. In Heizöl sind das 4,4 Milliarden Liter. Würde man die Menge in Eisenbahnwaggons füllen, entstünde ein Güterzug von 1800 Kilometern Länge – der Distanz zwischen Zürich und Minsk. Rund fünf Milliarden Franken hat Hausbesitzer und Mieter das Heizen mit Öl, Gas und Strom 2007 gekostet.

Ein lohnendes Ziel

Doch schon minimale Verhaltensänderungen könnten den Verbrauch deutlich reduzieren. Ohne Komfortverlust. «Wenn Mieter und Eigentümer ein paar einfache Massnahmen konsequent umsetzen», sagt Jürg Nipkow, Gebäudeexperte bei der Schweizerischen Agentur für Energieeffizienz, «liegen je nach Verbrauchsniveau Einsparungen bis zu 20 Prozent drin.» Das wäre rund eine Milliarde Franken pro Jahr – oder 130 Franken pro Kopf der Bevölkerung.

Eine Milliarde Franken sparen ist ein schönes Ziel. Und selbst wenn es das Hawaii-Feeling in Frage stellt, heisst das nicht, dass wir wieder wie zu Urgrossvaters Zeiten in langen Unterhosen und gestrickten Pullovern am Tisch sitzen müssen. Raumtemperaturen von 24 Grad sind in Wohnzimmern eindeutig zu hoch. Mit jedem Grad, um das man die Temperatur senkt, verringert sich der Energieaufwand um sechs Prozent. Auch beim Lüften wird unnötig Energie verpufft. Statt über Kippfenster konstant ein Zuviel an Wärme aus überheizten Räumen abzuführen, sollte man richtig lüften: quer durch die Wohnung und drei- bis viermal pro Tag für fünf bis zehn Minuten. Und nachts kann man die Rollläden schliessen, damit nicht unnötig Wärme über die – geschlossenen – Fenster verlorengeht.

Ein hilfreiches Mittel, die Wohnung wohlzutemperieren, sind Thermostatventile. Sie ermöglichen es, jeden Wohnbereich bedarfsgerecht zu beheizen. Empfohlen werden:

  • für Wohnzimmer und Bad 20 bis 22 Grad;
  • für Schlafzimmer 17 bis 20 Grad;
  • für Dielen und Flur 17 Grad.


Allein schon richtig eingestellte Thermostatventile, berechnet Energie Schweiz, können den Verbrauch um bis 20 Prozent senken. Für Eigentümer lohnt es sich also, Ventile einzubauen: Die Investition zahlt sich je nach Energiepreisen schon nach ein bis zwei Jahren aus. In Mehrfamilienhäusern ermöglichen die Ventile den Mietern, selbst Energie zu sparen. In jenen Kantonen, die eine individuelle Abrechnung der Heizkosten vorschreiben, sind solche Thermostaten ohnehin unumgänglich.

Schliesslich sollten Hausbesitzer und Vermieter ihre Heizungsanlagen regelmässig von Fachleuten überprüfen lassen, am besten zu Beginn der Heizperiode. Die optimale Einstellung der Heizkurve und eine maximale Temperaturabsenkung während der Nacht können die Heizkosten um fünf bis zehn Prozent reduzieren. Üblich ist die Nachtabsenkung der Heizwassertemperatur um rund fünf Grad. Moderne Anlagen lassen sich programmieren – etwa Absenkung ab 22 Uhr, Aufheizen ab sechs Uhr –, so dass niemand mehr zu nachtschlafender Stunde aufstehen muss, um für behagliche Wärme beim Frühstück zu sorgen.

Eine Milliarde Franken sparen ist also machbar – und eine Steigerung auf 2,5 Milliarden ebenso, vorausgesetzt, es bleibt nicht nur bei individuellen Verhaltensänderungen. Denn unser Energieaufwand geht nicht einzig zulasten der Beheizung von Stube, Bad und Küche. Viel Heizenergie entweicht auch über schlecht isolierte Fassaden, Kellerdecken, Estrichböden und undichte Fenster.

Mit energetischen Sanierungen können die Verluste in der Regel halbiert werden, und auch der CO2-Ausstoss sinkt. 2007 wurden durch das Heizen und die Aufbereitung von Warmwasser in der Schweiz elf Millionen Tonnen CO2 in die Umwelt geblasen – fast 30 Prozent des gesamten CO2-Ausstosses. Und noch immer werden die meisten der 3,6 Millionen Schweizer Wohnungen mit Öl, Gas oder CO2-belastetem Strom statt mit Fernwärme, Holz oder Sonnenkollektoren beheizt.

Mit Geld Tempo machen

Bei der gegenwärtigen Sanierungsrate von Wohngebäuden dauert es aber rund 100 Jahre, bis die grossen Löcher im Schweizer Gebäudepark gestopft sind. Darum wollen Bund und Kantone diesen Prozess ab 2010 mit Fördermitteln von rund 130 Millionen Franken pro Jahr beschleunigen. Bis diese Anstrengungen Früchte tragen, können wir das Sparpotential noch nicht ausschöpfen – und müssen uns mit der einen Milliarde begnügen. Mit der Milliarde, die wir einsparen können, wenn wir den Verlockungen von Hawaii zu Hause entsagen.

Veröffentlicht am 2009 M11 06