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Medienkünstler Martin Scharfe«Eine Coiffeuse holte Platon hervor»

«Eine Coiffeuse holte Platon hervor»
Bild: Getty Images

Der deutsche Medienkünstler Martin Scharfe filmt Menschen beim Vorlesen ihres Lieblingsbuchs. Dabei hört und sieht er viel Unerwartetes.

von Claudia Imfeld

Früher befürchtete ich, das Lesen würde irgendwann aus unserer Gesellschaft verschwinden. Aber ich habe meine Meinung revidiert. Seit ich für mein Projekt «VolksLesen» Menschen filme, die Stellen aus ihren Lieblingstexten vortragen, weiss ich: Es gibt sie überall, die Leute, die Bücher lieben. Ich habe Feuerwehrleute, Politiker und Hebammen erzählen lassen, Philharmoniker, Obdachlose und Hell­seher, Kinder und Senioren. Sie alle lesen – und zwar nicht nur Urlaubskrimis, sondern richtig tolle Bücher.

Kamera läuft: Martin Scharfe zeichnet Menschen auf, die aus ihrem liebsten Buch vorlesen.
Quelle: Christian Schnur

Rund 800 Personen in Deutschland, Österreich und der Schweiz haben sich in den letzten vier Jahren vor meine kleine ­Videokamera gesetzt. Wer glaubt, Bundestagsabgeordnete läsen besser als Bettler, der irrt. Die allerwenigsten sind geübt im Vorlesen. Manche beginnen etwas scheu, aber ihre Stimme wird fester, je länger sie lesen. Manche kämpfen sich regelrecht durch die Zeilen. Sie lesen nicht, um vor einer Kamera zu sitzen, sondern weil ihnen das Buch am Herzen liegt und sie es anderen näherbringen wollen.

Keine Fischer an der Angel

Aufgeregt sind die Leute oft. Aber das Buch gibt ihnen Halt. Nur ein-, zweimal hat mich jemand gebeten, nochmals anfangen zu dürfen, weil er sich grob verlesen hatte. Nach vollbrachter Tat sind alle glücklich, dass sie es gewagt haben. Die Sequenzen von ein paar Minuten stelle ich auf www.volkslesen.tv. Wer nach einer neuen Lektüre sucht, kann sich dort inspirieren lassen.

Für mein Kunstprojekt besuche ich verschiedene Städte. Für mich sind die Bewohner und ihre Bücher die wahren Sehenswürdigkeiten. Von Oktober bis Dezember bin ich in Zürich. Hier unterstützen die Stadt und die Ernst-Göhner-Stiftung meine Aktion finanziell. Wenn ich an einen neuen Ort komme, habe ich immer erst etwas Angst, dass niemand mitmacht. Manche Leute melden sich, nachdem sie über die Medien von meiner Aktion erfahren haben. Oft ergibt sich aus einem ersten Kontakt ein zweiter. Ich versuche, jeweils vier Vertreter einer Gruppe zu finden. In Zürich rief ich auf der Suche nach Bademeistern beim Sportamt an. Aus­serdem möchte ich in der Finanzhochburg mehr über die Lesevorlieben von Bankern erfahren. Leute auf der Strasse spreche ich selten an. Dazu braucht es Hornhaut auf der Seele.

Natürlich fehlen mir viele Berufsgruppen. Fischer hätte ich gerne. Mein Versuch auf der Ostsee-Insel Rügen scheiterte aber kläglich: Ich stand am Hafen, besuchte das Fischereimuseum und fragte beim ört­lichen Fischerverein nach. Überall erhielt ich die Antwort: «Fischer vor der Kamera? Da finden Sie nie vier.» Sie hatten recht. Ich stellte mich auch schon mit etwas schlotternden Knien vor ein Vereinslokal der Hells Angels. Vergebens. Es kam keiner. Meine aktuellen Traumkandidaten sind Fussballer, die Grasshoppers möglichst.

Lesen ist etwas Individuelles. Meine Aufnahmen sind nicht repräsentativ, aber sie zeigen: Männer wählen ebenso Liebesgedichte wie Frauen und Frauen ebenso Fachtexte wie Männer. Auch das Klischee, die Oberschicht bevorzuge Voltaire und Schiller und alle Nichtakademiker läsen Schundliteratur, stimmt nicht. Ein Kellner las vor meiner Kamera aus Hesse, eine Hebamme aus Brecht, und eine Coiffeuse holte Platon hervor, als ich ihr vom Projekt erzählte. Aber natürlich überrascht nicht jede Bücherwahl gleich. Gregor Gysi etwa, Bundestagsabgeordneter der Linken, entschied sich für Goethes Faust.

Etwa ein Drittel der Leute weiss sofort, welches Buch und welche Stelle sie vortragen wollen. Die anderen benötigen länger. Manche rufen kurz vor dem Termin an und sagen, sie bräuchten mehr Zeit. Ich rate, mit einem Glas Rotwein vors Bücherregal zu stehen und dann zu entscheiden.

Videos als Zeitmaschine

Manche Bücher haben einen regionalen Bezug. Gedichte sind eher selten. Die Menschenrechtserklärung wurde schon vorgetragen, ein Rezept. Beton-Experten dozierten zu ihrem Fachthema, ein Koch über die Essgewohnheiten von Philosophen. Sehr spannend war auch Elfriede Brüning, eine über 100-jährige DDR-Schriftstellerin. Sie war Augenzeugin der Bücherverbrennung und las Autoren, deren Werke 1933 in Deutschland zerstört wurden.

Spitzenreiter unter den Autoren sind Astrid Lindgren und Franz Kafka. Die Geschichten Lindgrens lesen Kinder, Eltern und Grosseltern. Warum Kafka so oft vorkommt, weiss ich nicht. Aber ich mag ihn auch. Vor Jahren zitierte ich in Zürich in einer spontanen Lesung in einem Restaurant aus seinem Werk «Das Schloss». Daraus entstand später die Idee für «VolksLesen».

Etwas haben alle Vorlesenden gemeinsam. Sie sind mit sich im Reinen. Sonst setzt man sich nicht vor eine Kamera. Für mich ist das ein Luxus: Ich habe nur mit angenehmen Menschen zu tun, trinke mit vielen einen Kaffee. Mein Ziel ist es, das Projekt möglichst lange machen zu können. Dann würde aus der Website mit den Videos eine Zeitmaschine. Man könnte sich 2020 ansehen, was für Kleider die Leute 2010 trugen, welche Bücher beliebt waren. Als Nächstes möchte ich meine Kamera in London aufstellen.

Veröffentlicht am 2012 M10 08