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Elke HeidenreichAn den Haaren herbeigezogen

Bild: Getty Images

Die bekannte Kritikerin Elke Heidenreich rät der Literaturnobelpreisträgerin zu einer neuen Frisur. Warum Herta Müller das getrost ignorieren kann.

von Gabriela Baumgartner

Welcher Teufel hat Sie denn da geritten, Elke Heidenreich? In einer Kolumne empfehlen Sie der Gewinnerin des Literaturnobelpreises, Herta Müller, einen neuen Haarschnitt: «Wie Angela Merkel muss auch sie durchgestylt werden und nun dringend mal eine neue Frisur kriegen...»

Mit Verlaub, Frau Heidenreich: Was Sie da von sich geben, ist Chabis. Um nicht zu sagen: total an den Haaren herbeigezogen. Erstens trägt Frau Müller eine zwar etwas gewöhnungsbedürftige Frisur, die aber dennoch ausgezeichnet zu ihrem Gesicht und Typ passt. Klar könnte sie das Ganze mit etwas längerem Deckhaar und einigen Fransen auf die Stirn aufpeppen. Aber das ist auf hohem Niveau gejammert.

Und zweitens würde jeder Laufbahnberater einem Klienten, der plötzlich im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit steht, dringend davon abraten, sein Äusseres so mir nichts, dir nichts zu verändern. Ob jemand bei einem Auftritt vor Publikum oder unter Mitmenschen gut ankommt, hängt ganz entscheidend davon ab, ob sich die Person wohl in ihrer Haut fühlt. Eigenständigkeit, Echtheit und Sicherheit – darauf kommt es heute an. Sich selber sein kann nur, wer sich nicht kostümieren muss. Das müssten Sie eigentlich wissen.

Babypuder und Starfrisör

Und Hand aufs Herz: Wie oft haben Sie sich schon anhören müssen, Sie sollen sich Babypuder auf die Haaransätze stäuben, um Ihrem dünnen Haar zu mehr Volumen zu verhelfen; Sie sollen wegen Ihres runden Gesichts das Nackenhaar kürzer und dafür das Deckhaar etwas länger tragen und mit Strähnen aufhellen? Und wie haben Sie auf solche ungefragten Ratschläge reagiert? Eben. Gar nicht. Sie sind sich selber geblieben, in jeder Situation. Gerade Sie sind der lebende Beweis dafür, dass Erfolg beim Publikum nicht davon abhängt, ob man bei Starfrisör Udo Walz in der Kundenkartei steht.

Drum raten wir Ihnen: Versuchen Sie sich Ende Jahr, wenn Ihre Onlinebüchersendung eingestellt wird, auf keinen Fall als Stylingratgeberin. Bleiben Sie bei dem, wofür wir Sie schätzen: beim Schreiben.

Ihre Gabriela Baumgartner

Veröffentlicht am 2009 M10 23