Bild: Hendrik Jonas

SchlusspunktTschuldigung!

Neulich hatte ich folgenden Traum: Ich war Politiker, sah aus wie ­Christophe Darbellay und erzählte im Fernsehen einen schlüpfrigen Witz nach dem anderen.

von Christoph Schilling

Neulich hatte ich folgenden Traum: Ich war Politiker, sah aus wie ­Christophe Darbellay und erzählte im Fernsehen einen schlüpfrigen Witz nach dem anderen. Nach jedem Witz streute ich mir Asche aufs Haupt, geisselte und entschuldigte mich sofort. Vor lauter ­Entschuldigen kam ich kaum mehr zum Atmen. Schweissgebadet wachte ich schliesslich auf.

Auch in der wirklichen Welt entschuldigt man sich am laufenden Band. Nicht nur CVP-Präsident Darbellay hat es kürzlich getan. Auch Christoph Blocher, Pascal Couchepin, Oskar Freysinger, Stanley O’Neil und sogar das Jodelchörli Urnäsch am Säntis.

Das Jodelchörli für einen derben Spruch im Fernsehen. Unterste Schublade. Darbellay für seinen Vorschlag, jüdische Friedhöfe zu verbieten. Auch unterste Schublade. Couchepin für seinen Mengele-Mörgele-«Versprecher». Stanley O’Neil, der Ex-Chef von Merrill Lynch, für die acht Milliarden Dollar Verlust wegen Fehl­spekulationen der Bank. Oskar Freysinger, Walliser SVP-Nationalrat mit Hang zu ­libidinöser Lyrik für seinen Reim: «Dornwittchens klitzekleines Fu***/ist wohl zu eng für Bortoluzzi.» Das kam nicht überall gut an. Der Mann mit dem Rossschwanz entschuldigte sich: «Sollte mein Votum Gefühle verletzt haben, bedaure ich dies und entschuldige mich dafür in aller Form.» Die Sache war erledigt.

Öffentliches Entschuldigen ist so etwas wie Beichten ohne Busse. Für Reue bleibt gar keine Zeit – in einem solchen ­Affenzahn jagt die eine Entschuldigung die nächste.

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Keiner brachte es so magistral wie Blocher

Und ausgerechnet der Mann, der diesem Entschuldigungsquatsch lange getrotzt hatte, hat die Generalentschuldigung ­perfektioniert. Bei seinem Abgang als
Bundesrat sagte Blocher: «Dass ich oft ­etwas Widerstandskraft gezeigt habe, war notwendig. Wenn der eine oder andere ­dadurch hätte verletzt sein sollen, dann bitte ich ihn um Entschuldigung.» Mehr Entschuldigung geht gar nicht.

Bundesräte, Politiker und Banker sind Vorbilder. Machen Sie es also wie Dar­bellay, Blocher, Couchepin, O’Neil und Freysinger. Wenn Sie den nächsten Bussen­zettel bekommen, retournieren Sie ihn ­umgehend. Tun Sie dies mit dem Vermerk: Sollte mein Fahrstil Ihre Gefühle verletzt haben, Herr Polizist, bedaure ich dies und entschuldige mich dafür in aller Form.» Und die Sache ist erledigt.

Wenn Sie ein unangenehmer Vorgesetzter sind, ein richtig harter Knochen, und nichts lieber tun, als Ihre Mitarbeiter zu quälen, dann erleichtern Sie Ihre Seele vor der Pensionierung. Stehen Sie vor Ihre Leute hin und erkären Sie: «Dass ich oft ­etwas Widerstandskraft gezeigt habe, war notwendig. Wenn der eine oder andere ­dadurch hätte verletzt sein sollen, dann bitte ich ihn um Entschuldigung.» Und Sie werden sehen: Die Leute werden Sie mögen. Und die Sache ist erledigt.

Wenn Sie als Angestellter mal eben acht Milliarden Dollar veruntreut und im Kasino verspielt haben sollten: Gehen Sie zum Chef, knipsen den Hundeblick an, beichten und flüstern: sorry! Und die Sache ist erledigt.

Wenn Sie sich entschuldigen, achten Sie darauf, nicht etwas zu sagen, wofür Sie sich hinterher erneut entschuldigen müssten. Damit nicht die Entschuldigung für die Entschuldigung fällig wird. Sonst kommen Sie zu gar nichts mehr.

Wie bitte, Sie haben überhaupt nichts, wofür Sie sich entschuldigen könnten? ­Damit sind Sie ziemlich allein. Sie tun mir wirklich leid.

Veröffentlicht am March 10, 2016