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MountainbikeSo kommt die Wanderlust nicht unter die Räder

Bild: Thinkstock Kollektion

Wenn Fussgänger und Radfahrer aufeinandertreffen, fallen oft böse Worte. Auf den neuen Bike-Trails sind nun die Biker unter sich.

von Andrea Freiermuth

Samuel Hubschmid hat nichts von einem Rowdy. Die sanfte Stimme des soziokulturellen Animators verrät, dass er eigentlich ein «lieber Kerl» ist. Übt der 34-jährige Berner sein Hobby aus, könnte man aber einen anderen Eindruck erhalten. In seiner Freizeit rast der Vater eines fünfjährigen Sohnes gern wie ein «Wilder» mit dem Mountainbike den Berg hinunter.

Biker sind der Wanderschreck schlechthin. Tauchen sie auf dem gelb beschilderten Streckennetz auf, kommt es oft zu Anfeindungen: «Weg da! Wanderwege sind zum Wandern da!» Mit dem Artikel 43 des Strassenverkehrsgesetzes (StVG) wähnen sich entrüstete Fussgänger im Recht. Dort heisst es: «Wege, die sich für den Verkehr mit Motorfahrzeugen oder Fahrrädern nicht eignen oder offensichtlich nicht dafür bestimmt sind, wie Fuss- und Wanderwege, dürfen mit solchen Fahrzeugen nicht befahren werden.»

Bloss: Für Mountainbikes sind praktisch alle Wege geeignet, sind sie doch extra für nichtasphaltierte Strassen konzipiert. Und gerade die lenkerbreiten Pfade, die über Stock und Stein führen, sind für Liebhaber der Bergvelos besonders attraktiv. Sie verlangen Geschick und haben dadurch einen viel grösseren Reiz als eine zwei Meter breite und plane Forststrasse.

Gemeinsame Nutzung ist möglich

Während sich Wanderer und Biker gern über die Interpretation des StVG-Artikels streiten, haben sich die betroffenen Organisationen längst an einen Tisch gesetzt und eine gemeinsame Position formuliert: «Eine gemeinsame Nutzung von Weginfrastrukturen durch Wanderer und Mountainbiker ist oft möglich», heisst es im sogenannten Koexistenzpapier, das von Schweizer Wanderwege, SchweizMobil, Swiss Cycling und der Beratungsstelle für Unfallverhütung gezeichnet ist. Wanderer werden darin zu Toleranz aufgerufen, Mountainbiker zu Rücksicht – sie sollen sich gegenüber Fussgängern rechtzeitig bemerkbar machen, das Tempo reduzieren und ihnen den Vortritt lassen.

Bruno Hirschi, der 2010 als Vertreter von SchweizMobil an der Ausarbeitung des Papiers beteiligt war, sagt: «Eigentlich braucht es bloss ein bisschen gesunden Menschenverstand. Leider gibt es aber immer einige – auf beiden Seiten –, die sich schlecht benehmen.» Die zu erziehen sei schwierig. Hirschi kennt beide Seiten: Der 38-Jährige ist in seiner Freizeit nicht nur mit dem Mountainbike, sondern oft auch in den Wanderschuhen unterwegs.

Biker als Wirtschaftsfaktor

Samuel Hubschmid absolviert waghalsige Zehn-Meter-Sprünge und stürzt sich mit 50 Sachen ins Tal. «Noodlez», wie er in der Bikerszene genannt wird, setzt sich als Präsident von Trailnet für ein friedliches Nebeneinander ein. Der Verein vermittelt zwischen Bikern und Behörden und kümmert sich unter anderem um den Unterhalt der Freeride-Strecken am Gurten in Bern und im Jura bei Biel. Das sind speziell angelegte Abfahrtspisten mit Hindernissen und Steilwandkurven. Hier können Biker mit offenen Bremsen runterrasseln, ohne jemanden zu gefährden – ausser vielleicht sich selber.

Nicht nur in Ballungsräumen, auch in Tourismusgebieten gibt es immer mehr Pisten für Biker. Das rührt daher, dass man sie als Wirtschaftsfaktor entdeckt hat, der das Sommergeschäft ankurbelt – was auch in Anbetracht des Klimawandels immer wichtiger wird. Immerhin fahren bereits sechs Prozent der Schweizer Mountainbike. Damit belegt Biken gemäss der Studie «Sport Schweiz 2008» Platz zehn der beliebtesten Sportarten – direkt hinter Fussball.

Zudem verfügen Mountainbiker im Schnitt über ein höheres Einkommen als Wanderer und benutzen die Bergbahnen öfter: mit der Bahn rauf, mit dem Bike runter – und das mehrmals am Tag. Darum beteiligen sich in Bern und Biel auch die beiden Standseilbahnen an der Finanzierung der Freeride-Strecken.

Biker ist aber nicht gleich Biker. Es gibt jene, die vorzugsweise mit der Bahn hochfahren und auf präparierten Pisten hinunterrasen; und solche, die die Höhenmeter selber bewältigen und am liebsten auf einsamen Pfaden unterwegs sind – in der Szene spricht man von Freeridern und Tourenfahrern. Erstere suchen Nervenkitzel und Temporausch, Letztere Naturerlebnis und Entspannung – und damit eigentlich dasselbe wie Wanderer. In Tourismusregionen will man heute allen gerecht werden.

Problemzonen erkennen

Besonders aktiv sind die Touristiker im Kanton Graubünden, wo das markierte Routennetz rund 4000 Bike-Kilometer umfasst. Acht Regionen haben ihre Bergbahnen für Bikes geöffnet, und Stationen wie Davos-Klosters, Flims und Lenzerheide bieten das volle Programm mit Freeride-Strecken und Bike-Parks.

Darco Cazin berät Ferienregionen bei der Entwicklung von Mountainbike-Konzepten. Er soll Problemzonen auf den Wanderwegen erkennen und durch geeignete Massnahmen eliminieren: «Die meisten Konflikte gibt es auf breiten Wegen im Talboden», weiss Cazin. «Hier gehen Wanderer nebeneinander, und Biker nähern sich in relativ hohem Tempo. Darum muss man die beiden Gruppen unter Umständen über einen separaten Weg führen.» Diese Massnahme wird aber nur angewendet, wenn sich keine andere Lösung anbietet. Kleine Pfade hingegen seien meist problemlos: «Hier können Biker sowieso nicht schnell fahren, und die Gefahr eines Zusammenstosses ist gering», so Cazin.

Zuweilen macht den Wandernden aber nicht nur ihre Sicherheit Sorgen, sondern auch die durch Biker verursachte Belastung der Natur. Es ist unbestritten, dass Mountainbikes zur Erosion des Bodens und zur Störung des Wilds beitragen. Aber auch Wanderschuhe hinterlassen Spuren, und auch eine Schar schnatternder Wandervögel kann die Tiere aufscheuchen.

Aus demselben Holz geschnitzt

Und wie steht es mit den Freeridern, die ganz unökologisch mit der Bahn hochfahren und auch noch eine speziell für sie angelegte Piste benötigen? Downhiller wie Samuel Hubschmid schneiden nicht zwingend schlechter ab als Tourenfahrer: «Freerider belasten die Natur bloss lokal. Die naturliebenden Tourenfahrer hingegen dringen oft in entlegene Gebiete vor – wie die Wanderer auch», sagt Cazin.

Dort trifft man wenige Menschen – und je rarer die Begegnungen, desto eher würden die Leute ins Gespräch kommen. «Und dann merken Wanderer wie Biker schnell, dass sie eigentlich aus dem gleichen Holz geschnitzt sind.»

Davos-Klosters: Paradies für Liebhaber von Singletrails

Die Region Davos-Klosters will die Nummer eins unter den Schweizer Bike-Destinationen werden. Sie wirbt mit einem beschilderten Streckennetz von 380 Kilometern, 80 Prozent davon führen über Singletrails. Die «Singletrail Map Davos-Klosters» enthält sogar 600 Kilometer eingezeichnete Bike-Trails. Zum Saisonauftakt am 2. Juli wird eine neue Freeride-Strecke eröffnet. Sie führt auf 5 Kilometern und 600 Höhenmetern über Steilwand­kurven, Sprünge und allerlei Hindernisse. Das Fachmagazin «Ride» vergleicht die Strecke in Klosters bereits mit der A-Line in Whistler (Kanada), einer der ­bekanntesten Mountainbike-Pisten überhaupt. Zudem wird in Davos im Verlauf des Sommers ein neuer Bike-Park mit Kurven, Hindernissen und Wellen eröffnet. Gäste, die in der Region übernachten, können die Bergbahnen im Sommer gratis benutzen. Die Einzelfahrt für Bikes kostet 5 Franken, die Tageskarte 10 Franken. Tagesgäste zahlen 50 Franken (inklusive Bike-Transport), Jugendliche 35 Franken. Die «Bahntour» (siehe Karte) führt über 85 Kilometer und 10'000 Höhenmeter. Dabei muss man bloss 1300 Höhen­meter aus eigener Kraft bewältigen und fährt keinen der acht Trails zweimal. www.bike-davos.ch

Portes du Soleil: Die Destination der Superlative

Die Ferienregion Portes du Soleil am Genfersee setzt im Sommer schon seit den achtziger Jahren aufs Mountainbike. Darum gibt es nirgends in Europa eine Region, die Bikern mehr bietet: Es stehen 24 Liftanlagen, 50 ausgebaute Pisten und rund 1000 Kilometer offene Wanderwege zur Verfügung. Zudem existieren alle erdenklichen Extras wie Northshores (siehe unten: «Glossar: Die Welt der Biker»), eine Kids-Zone und Jumpparks mit Luftkissen. Da findet jeder Fahrer eine Piste, die seinem Niveau entspricht. Die Abfahrtsstrecken sind analog zu Skipisten blau, rot und schwarz markiert. Beeindruckend ist das Angebot auch, weil es sich bei Portes du Soleil um eine binationale Kooperation von 12 Gemeinden handelt. Die Orte sind mit einem 80 Kilometer langen Bike-Trail verbunden, der 6000 Meter Gefälle und 1000 Meter Anstieg umfasst – und so in einem Tag zu bewältigen ist. Allerdings kann man auch locker einen ganzen Tag in einem der drei Hauptorte Châtel, Les Gets und Avoriaz verbringen, da es an diesen Stationen ein besonders grosses Angebot an Pisten gibt. Der Tagespass für die ganze Region kostet 30 Franken, Jugendliche bezahlen 26 Franken, Kinder 20 Franken. Es gibt auch Mehrtagespässe. Die Chancen, dass Portes du Soleil die Millionen­marke in diesem Jahr knackt, stehen gut. Denn 2010 wurden die Liftanlagen mehr als 800'000-mal von Bikern benutzt, das sind 30 Prozent mehr als noch im Jahr zuvor – Zuwachsraten, von denen man im Winterhalbjahr nur träumen kann. www.portesdusoleil.com

Flims-Laax: Erste Wahl bei instabiler Wetterlage

Die Gegend rund um Flims bietet insgesamt 330 Kilometer markierte Mountainbike-­Routen. Ein besonderes Highlight ist die Ruinaultatour rund um die imposante Rheinschlucht. Wer sie ganz befahren will, braucht allerdings eine gute Kondition: Sie führt über 85 Kilometer und 3670 Höhen­meter. Die Region Flims-Laax zeichnet sich unter anderem durch das relativ grosse Angebot an präparierten Pisten und speziell für Biker kreierten Anlagen aus – wie etwa dem Swatch Bikepark Flims (mit Sprungschanze und einem 13 mal 9 Meter grossen Luftkissen), zwei Freeride-Strecken (beide 7 Kilometer lang) und einem Pumptrack. Einzigartig ist die Indoor-Freestyle-Halle auf rund 1000 Quadratmetern, die vor allem bei schlechter Witterung lockt. Die beiden Bergbahnen Flims–Naraus und Laax–Crap Sogn Gion transportieren Bikes, die Tageskarte kostet 37 Franken. Für den Nagens-Shuttle beträgt der Preis pro Fahrt 8 Franken. Für 15 Franken gibts auf Anfrage auch einen Rückholservice ab Illanz und Reichenau. www.flims.com

Mittelland: Das Biker-Dreieck Bern-Biel-Zürich

Wer Mountainbike fahren will, muss nicht zwingend in die Berge reisen. Auch das Mittelland bietet viele Möglichkeiten für rasante Abfahrten. In Bern, Biel und Zürich etwa gibt es speziell für Freerider angelegte Pfade. Der GurtenTrail und der BielTrail sind vor allem bei Bikern beliebt, die schwere Räder mit viel Federweg fahren. Denn hier muss man die Höhenmeter nicht selber erklimmen, sondern kann mit der Bahn auf den Berg hinauf­fahren. Die Üetlibergbahn in Zürich hingegen transportiert keine Bikes.

Wer sich nicht scheut, selber in die Höhe zu strampeln, findet auch entlang der Jurakette unzählige schöne Naturpfade, die über Stock und Stein führen. Schweizweit bekannt ist der Trail bei Remigen AG. Er beginnt bei der Antenne auf dem Geissberg und ist bis auf wenige Stellen auch für Anfänger geeignet.

www.trailnet.ch: Verein, der sich für die Anliegen der Biker einsetzt und die Trails und Dirtparks in der Region Bern instand hält. Auf der Site finden sich weitere Infos zum GurtenTrail, BielTrail und Dirtpark Hinterkappelen.

www.traildevils.ch: Biker-Community mit rund 180'00 Mitgliedern und einer Datenbank, die rund 450 Trails im In- und Ausland beschreibt. Auf der Website finden sich unter anderem weitere Informationen zum Geissberg-Trail.

www.mountainbikeland.ch: Die Mountainbike-Abteilung von Schweiz­Mobil dokumentiert 3 nationale, 14 regionale und 83 lokale Routen – alle ausgeschildert. Via Homepage lassen sich Kartenmaterial und Höhenprofile ausdrucken. Meist auch für wenig geübte Fahrer geeignet.

Jungfrauregion: Für Wettkämpfer und Ästheten

Die Bikearena lockt mit einer gewalti­gen Kulisse und 160 Kilometern markierten Routen. Obwohl die Jungfrauregion den Bike-Tourismus früh entdeckt hat, ist sie nicht zur Topdestination geworden. Das liegt zum einen am anspruchsvollen Gelände, zum anderen daran, dass man es hier noch nicht geschafft hat, einen Tagespass für Biker anzubieten. Wer seine Leistung gern misst, ist jedoch in der Bikearena mit den Top-Ten-Bike-Routen gut bedient. Diese zehn Strecken mit insgesamt 9000 Höhenmetern können in einem beliebigen Zeitraum und ohne Zeit­messung zurückgelegt werden. Wer das schafft, erhält Gold und ein Diplom. Die Kontrollkarten gibts im Touristen­büro in Grindelwald, die Kontrolle erledigen die Bergrestaurants. www.myjungfrau.ch

Glossar: Die Welt der Biker

Freeride
Eine Abfahrtspiste mit Hinder­nissen und Steilwandkurven. Weniger geübte Fahrer sollten sie auch rollend bewältigen können. Biker, die diese Pisten fahren, nennen sich Freerider.

Downhill
Die härtere Version der Freeride-Strecke. Nicht mehr jede Stelle ist hier ohne Sprung zu bewäl­tigen. Wer sie fahren kann, darf sich Downhiller nennen.

SingleTrails
Lenkerbreite Naturpfade, die das Herz der Tourenbiker höherschlagen lassen. Ihr Reiz ist, dass sie oft über Stock und Stein führen und daher etwas technisches Geschick erfordern.

PumpTrack
Ein präparierter Rundkurs, der über Wellen führt – und zwar so, dass Könner nie in die Pedale treten müssen. Denn sie schaffen es allein mit Schwung und Gewichtsverlagerung über den nächsten Hügel.

Dirtjumps
Erdhügel, die als Sprungschanze dienen. Wer etwas auf sich hält, führt in der Luft einen Trick vor.

Northshore
Diese Trails sehen aus wie waagrecht gelegte Leitern. Je enger und kurviger sie sind, desto grösser ist die Herausforderung. Benannt sind sie nach den kanadischen North Shore Mountains.

Federweg
Das ist für einmal kein Trail, sondern die Distanz, die die ­Federgabel bei maximaler ­Belastung zurücklegen kann. ­Dabei gilt: Je schwieriger der Trail, desto mehr Federweg ist nötig – bei Downhill-Bikes sind das über 180 Millimeter.

Veröffentlicht am 2011 M05 02