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Outdoor-TestDo it yourself am Lagerfeuer

...plus ein gespaltener Ast... Bild: Matthew Worden

Ein Sackmesser reicht Felix Immler, um sich im Wald einen Hausrat zu basteln. Erste Lektion: Besteck und Grill.

von Denise Jeitziner

Allzu hungrig sollte man nicht sein, wenn man sich mit Felix Immler aufmacht zum Mittagessen im Wald. Der Rucksack des Taschenmesserexperten wiegt zwar schwer wegen der Annehmlichkeiten darin; Esswaren, Besteck und Teller hat Immler dabei, ein Feuerzeug und sogar Sitzpolster. Tief im Wald will er aber vorerst nichts davon wissen. Löffel, Grill und Teller – alles werden wir heute selber herstellen. Die Natur und das Sackmesser müssen reichen, der Rucksack sei nur Plan B. «Doch es geht nicht um Überlebenstraining. Ich will es mir einfach gemütlich machen in der Natur, mit möglichst wenig Werkzeug.» Bushcraft nennt sich das Outdoor-Erlebnis für handwerklich Begabte.

Anzündwürfel? Es geht auch anders!

«Jetzt besorgen wir erst einmal trockenes Holz für unser Feuer», sagt der 40-Jährige und stapft voraus. Sein Blick wandert ständig ins Unterholz. «Schau, dort drüben neben dem Baum ist die perfekte Schnur», sagt er freudig. Oder: «Das hier ist dein Löffel, und das unser Grill.» Ich sehe eine Haselstaude, einen dickeren Ast und ein paar gerade, dünne Äste, die er an den Wegrand legt.

Später wühlen wir uns bei einer Lichtung durch einen Haufen Holz auf der Suche nach weisser Birke, die ich mit dem Messer erst schälen soll wie eine Kartoffel, um dann von der Rinde die äusserste Schicht so vorsichtig abzuziehen wie die Schutzfolie von einem neuen Handy. Die Schnipsel sind Ersatz für die Anzündwürfel, die ich ebenfalls in Immlers Rucksack vermute. Noch ein paar dickere Äste unter den Arm geklemmt, und es geht zurück zur Feuerstelle. «Würdest du bitte den Grill tragen?», sagt er und reicht mir die am Wegrand bereitgelegten Äste.

«Wer schnitzt, der sitzt!»

«Ich bin zwar nicht völlig talentfrei, aber ein Schnitz-Johnny war ich nie», sagt Felix Immler später, während er mit dem Sackmesser flink an einem Ast – seiner Gabel – hantiert und ich mit meinem stockend an meinem Löffel, der noch lange keiner ist. «Immer weg vom Körper schnitzen», ermahnt er mich. Und: «Wer schnitzt, der sitzt!» Die Box mit dem Verbandsmaterial steht zur Sicherheit bereit.

Felix Immler ist eigentlich Sozialarbeiter und Naturpädagoge und arbeitete lange in einem Kinderheim – bis sein Buch «Werken mit dem Taschenmesser» erschien, das er nebenher geschrieben hatte. Es wurde mit bislang 30'000 verkauften Exemplaren zum Bestseller. Soeben hat er sein zweites Buch, «Outdoor mit dem Taschenmesser», herausgebracht, und seine Schnitzanleitungen auf Youtube werden tausendfach angeklickt. «Vor allem auf Kinder und Jugendliche übt das Sackmesser eine grosse Anziehungskraft aus», sagt er.

Nur gerade drei Mal hat Immler den Rücken der Taschenmessersäge über den Zündstahl ziehen müssen, bis die Birkenrinde Feuer gefangen hat. Inzwischen geben sich auch die letzten Holzstücke in der Feuerstelle der Glut hin. Zwei Stunden sind vergangen, die Mittagszeit naht, und wir hängen gerade erst einen Topf über das Feuer. Immerhin können wir schon mal den Grill belegen. Wir haben die einfache Variante gewählt: links und rechts der Glut je ein flacher Stein und quer darüber dicht an dicht eine Handvoll dünnere grüne Äste. «Die halten locker eine Wurst oder ein Plätzli lang durch», versichert Felix Immler und verwandelt einen dickeren Ast durch einen Knick in eine Grillzange. Clever.

Felix Imler
Quelle: Matthew Worden

Fazit

Voraussetzungen
Wer selbständig die Klinge des Messers ausklappen kann, ist fit zum Schnitzen.

Abenteuer

Wenn aus Ästen Nützliches entsteht, fühlt man sich wie der Fernsehheld MacGyver.

Ausdauer

Wer schnitzt, braucht Geduld und Musse.

Nervenkitzel

Bushcraft ist kein Survival. Doch auch spontane Kreativität kann spannend sein.

Variationen

Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Könner basteln aus Waldreben eine Hängematte.

Freude am Werken im Vordergrund

Warum wir nun noch ein selbstgemachtes Messer brauchen – ein Ast als Griff, ein flacher Steinsplitter als Klinge –, ist mir dagegen eher rätselhaft. Immerhin haben wir ein superscharfes Sackmesser dabei. «Bei Bushcraft geht es um die Freude am Werken in der Natur. Darum muss man sich auch nicht immer fragen, ob etwas ökonomisch sinnvoll ist», erklärt Immler und jubelt, als unser Naturmesser Zuchetti, Lauch und sogar Karotten für die Gemüsesuppe mühelos zerkleinert.

Längst wäre Mittagszeit, das Wasser über dem Feuer köchelt, mein Löffel nimmt Form an, mundgerecht ist er aber noch nicht. Nun müssten wir noch Teller aus Rinde basteln, aber Felix Immler hat Erbarmen und öffnet seinen Rucksack, holt Bambusteller heraus und Besteck für sich. Ich esse meine Gemüsesuppe mit einem zu dicken Löffel aus Holz. Selten hat ein Mittagessen so gut geschmeckt.

Veröffentlicht am 2015 M05 06