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ForschungGott und die Physik

Relativitätstheorie: Die Lichtgeschwindigkeit ist im Vakuum stets konstant. Egal, wie schnell sich eine Lichtquelle relativ zum Beobachtenden bewegt, man misst immer 300'000 Kilometer pro Sekunde für die ­Geschwindigkeit des Lichts. Diese 1887 durch Michelson und Morley nach­gewiesene Tatsache hat drama­tische Konsequenzen. Albert Einstein revolutionierte 1905, als junger Beamter am Eidgenössischen Amt für geistiges Eigentum (Patentamt) in Bern, mit seinen kühnen Schlussfolgerungen da...
Relativitätstheorie: Die Lichtgeschwindigkeit ist im Vakuum stets konstant. Egal, wie schnell sich eine Lichtquelle relativ zum Beobachtenden bewegt, man misst immer 300'000 Kilometer pro Sekunde für die ­Geschwindigkeit des Lichts. Diese 1887 durch Michelson und Morley nach­gewiesene Tatsache hat drama­tische Konsequenzen. Albert Einstein revolutionierte 1905, als junger Beamter am Eidgenössischen Amt für geistiges Eigentum (Patentamt) in Bern, mit seinen kühnen Schlussfolgerungen daraus die Physik. Die absolute Konstanz der Lichtgeschwindigkeit macht Raum und Zeit zu ­relativen Grössen. Genauer: Der Gang einer Uhr und die Länge eines Massstabs, ja sogar die Masse eines Objekts hängen vom Bewegungszustand relativ zum Beobachter ab. Eine Uhr an Bord einer schnell fliegenden Rakete läuft langsamer als eine Uhr auf der Erde. Das würde man an Bord aber gar nicht merken. Erst bei der Rückkehr sähen die Astronauten, dass in­zwischen auf der Erde schon mehr Zeit vergangen wäre. Die Rakete müsste allerdings sehr viel schneller fliegen können, als es zurzeit technisch möglich ist. Aber prinzipiell gilt: je schneller die Bewegung relativ zum Beobachter, desto langsamer läuft die Zeit. Die Lichtgeschwindigkeit bildet die Grenze. Bei Lichtgeschwindigkeit bleibt die Zeit ganz ­stehen. Für ein ­Photon (Licht­partikel), das stets mit Lichtgeschwindigkeit fliegt, ist deshalb alle Zeit gegenwärtig. (Bild: Lucien Aigner, Corbis)

Im Makrokosmos und im Mikrokosmos stossen Forscher an die Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis. Der Schweizer Astrophysiker Bruno Binggeli über das Verhältnis von Geist und Materie.

von Andres Büchi

An den Grenzen der erfahrbaren Welt stellen sich Wissenschaftler Fragen nach dem Einfluss einer geistigen Kraft auf die Materie. Der Schweizer Astronom und Physiker Bruno Binggeli verweist auf die Relativitätstheorie und die Quantenphysik, die unser Weltbild dramatisch verändert haben. In einem grossen Interview mit dem Beobachter erklärt er, warum Photonen oder Lichtquanten erstaunlich ähnliche Eigenschaften aufweisen, wie sie Engeln zugeschrieben werden, und warum Geist und Materie einander scheinbar bedingen.

Ein Auszug aus dem Interview (das gesamte Interview finden Sie in der Beobachter-Ausgabe 26/2014):

Beobachter: Die heutige Physik zeigt, man kann noch so genau messen, am Ende steht man vor Unschärfen, vor Geisterteilchen; vor Dingen, die physikalisch kaum erklärbar sind. Gibt’s Hinweise auf eine Art steuernde Intelligenz hinter den Dingen?
Bruno Binggeli: Nein, ich glaube, das kann man so nicht sagen. Was wir aber sagen können, ist, dass es mehr Raum, mehr Platz gibt in den wissenschaftlichen Modellen für so etwas wie eine steuernde Intelligenz. Hier hat die moderne Physik die Türen sicher weiter geöffnet als auch schon. Ob es aber etwas wie einen lenkenden Geist gibt, ist und bleibt eine Glaubenssache.

Beobachter: Die Quantenphysik zeigt, dass es scheinbar vom Beobachter abhängt, wie sich die Materie im ganz Kleinen verhält. Wie lässt sich das erklären?
Binggeli: In der Quantenphysik wird die Abhängigkeit eines messbaren Vorgangs vom Beobachter intensiv diskutiert. Es gibt Hinweise darauf, dass bei physikalischen Vorgängen das menschliche Bewusstsein auf irgendeine Weise hineinspielt. Hier sind wir sicher auf einer heissen Spur. Aber wohin sie letztlich führt, ob und wie hier etwas Geistiges einwirkt, bleibt offen und ist bis heute Interpretationssache.

Beobachter: Was ist denn am Ende Materie überhaupt?
Binggeli: Das ist die grosse Frage. Es gibt Paradoxien in der Quantenphysik, unauflösbare Widersprüche. Ein Musterbeispiel dafür ist die Teilchen-Welle-Dualität, in der sich beispielsweise ein Lichtquant wechselweise als Welle oder eben als Teilchen verhält, aber wann es was tut, ist von der Art der Beobachtung abhängig. Populär ausgedrückt: Je nachdem, welche Fragen man stellt, bekommt man verschiedene Antworten, so dass wir bis heute nicht richtig dingfest machen können, was Materie überhaupt ist. Je genauer wir hinschauen, desto mehr entzieht sich die Materie dem Blick und löst sich auf in etwas nicht Materielles, wenn Sie so wollen, Geistiges.

Beobachter: Sie haben in Ihrem Buch «Primum mobile» geschrieben, Photonen, also Lichtquanten, seien «eine Analogie zu Engeln». Wie ist das zu verstehen?
Binggeli: Eine Analogie ist ja eine Ähnlichkeit von Dingen, die nichts miteinander zu tun haben. Photonen sind keine gewöhnlichen Teilchen, sondern sie bewegen sich mit Lichtgeschwindigkeit, und sie haben eine Reihe von Eigenschaften, die sehr ähnlich sind wie die Eigenschaften der Engel. Sie sind masselos, sind reine Energie, und sie vermitteln eine gewisse Kraft. Wenn man sich auf ein Photon setzen könnte, bliebe die Zeit nach der Einsteinschen Relativitätstheorie stehen. Sie sind also sehr speziell.

Beobachter: Was folgern Sie aus dieser Analogie?
Binggeli: Ich glaube, dass es zu tun hat mit einer Spiegelung von Innenwelt und Aussenwelt. Engel können zwar bestimmten Menschen in der Aussenwelt erscheinen, sie kommen aber eher vor in Träumen, in Visionen, sind also gleichsam Bewohner der Innenwelt. Photonen haben scheinbar dieselbe Aufgabe in der Aussenwelt. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Innen und Aussen, nicht über Ursache und Wirkung, sondern eher als Entsprechung zwischen physischer Aussenwelt und psychischer Innenwelt. Welt und Seele, hätte man früher gesagt.

Beobachter: Wie viel muss der Astrophysiker heute noch mit Zufall erklären?
Binggeli: Der Zufall ist sicher da. Die Quantenphysik zeigt, dass dieser Zufall mehr ist als unser Nichtwissen. Er gehört aus unserer Perspektive fundamental zur Natur, nur nennen wir das nicht Zufall, sondern Wahrscheinlichkeit. Aber es bleibt natürlich immer die Möglichkeit der Vorstellung einer Welt ohne Zufall. Vielleicht kann man sagen, die genauso fundamentale Kehrseite des Zufalls ist der Sinn. Diese Aussage gehört allerdings ins Reich der Religion.

Beobachter: Sind Sie selber durch Ihre Arbeit eher zu einem irgendwie gläubigen Menschen geworden?
Binggeli: Ich habe es ähnlich erlebt wie der berühmte Physiker Werner Heisenberg. Zuerst wird man als Wissenschaftler euphorisch und denkt, aha, man brauche gar keinen Gott, weil man alles rational erklären könne. Dann merkt man irgendwann, dass man doch nicht alles erklären kann. Und man wird empfänglicher für die Rätsel und Wunder, die bleiben. Das bringt einen zu dem, was man Glauben nennt. Für mich ist das aber nicht der Glaube an ein Dogma, sondern allgemein der Glaube an etwas Grösseres, was wir nicht ganz erfassen können. Und das ist irgendwie tröstlich.

Das ausführliche Interview und viele andere interessante Lesestoffe finden Sie in der Beobachter-Ausgabe 26/2014.

Veröffentlicht am 2014 M12 18