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Marcelo Sánchez«Tyrannosaurus Rex mag ich nicht besonders»

«Eigentlich bin ich gar kein Saurierexperte»: Marcelo Sánchez
«Eigentlich bin ich gar kein Saurierexperte»: Marcelo Sánchez Bild: Salvatore Vinci

Der Paläontologe und Universitätsprofessor Marcelo Sánchez hat in den venezolanischen Anden eine der ältesten Dinosaurierarten entdeckt.

von Susanne Loacker

Wie vieles im Leben war auch der Fund des Laquintasaura eigentlich ein Zufall. Ich war noch ­Student, als ich bei einer Feldexpedition in der La-Quinta-Formation in den venezolanischen Anden einen Haufen Knochen fand, der aus der Zeit der Urreptilien stammt. Ich ahnte sofort, dass dies etwas Aussergewöhnliches war, weil bis dahin keine vergleichbaren Funde aus dieser Zeit und aus dieser Gesteinsschicht in Vene­zuela bekannt waren.

Ich brachte die Knochen ins Museum, das ist Pflicht. Danach konnte ich einen formellen Antrag stellen und sie wieder ­holen. Ab diesem Moment war alles reine Anatomie: das Skelett zusammensetzen, die Muskulatur rekonstruieren, die Zähne untersuchen. Man möchte herausfinden, wie das Tier lebte, wie es sich bewegte, ­wovon es sich ernährte.

Die Suche nach dem Puzzleteil

Dieser Prozess hat 20 Jahre gedauert, bei all den Verzögerungen durch den Forschungs­apparat und andere Projekte. Erst jetzt ist mein Fund wissenschaftlich betrachtet etwas wert. Als Forscher freut man sich zwar über eine Entdeckung, man hat auch immer noch Herzklopfen wie früher – aber man weiss auch, dass die eigentliche Arbeit erst beginnt: Ohne die akribische Präparation, genaue Analysen und Publikationen in Fachmedien ist so ein Haufen Knochen völlig wertlos. Natürlich ist es toll, draussen zu sein und Feldarbeit zu leisten, aber unsere eigentliche Arbeit findet im Labor statt oder am Rechner. Es ist wie beim Fotografieren: Zuerst freut man sich über das gelungene Bild, dann kommt die Neugierde, was sich daraus machen lässt.

Wir suchen nicht um des Fundes willen, sondern weil wir hoffen, dass der Fund zu einem Puzzlestein wird, mit dessen ­Hilfe wir unser Bild von der Evolution vervollständigen können.

Laquintasaura venezuelae: 201 Millionen Jahre alte Saurierspezies von der Grösse eines Huhns
Quelle: Salvatore Vinci

Laquintasaura, so heisst die Spezies, die ich vor 20 Jahren gefunden habe, ist so ein Puzzlestein – und erst noch ein sehr wichtiger. Der Allesfresser ist etwa 135 Millionen Jahre älter als T-Rex und Co., nämlich ziemlich genau 201 Millionen Jahre alt. ­Interessant ist, dass meine Kollegen und ich vier Knochen gefunden haben, die alle an die gleiche Stelle eines Skeletts gehören: Es handelt sich also um vier Exemplare, zwischen drei und zwölf Jahre alt. Demnach ist auch klar, dass die Saurier schon damals in Gruppen lebten. Bisher hatte die Fachwelt angenommen, dass soziales Verhalten bei Dinosauriern erst viel später entstanden sei. Zudem war man davon ausgegangen, dass in den Tropen gar keine Saurier lebten.

Eine ganze Menge Informationen für einen Fund, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Denn eigentlich bin ich kein Saurierexperte; mein Fachgebiet sind die modernen, evolutionsgeschichtlich viel jüngeren Säugetiere.

Wenn die Menschen das Wort Saurier hören, denken sie an die Kreaturen, die sie aus dem Film «Jurassic Parc» kennen: riesengrosse, fleischfressende, furchteinflös­sende Tiere. Laquintasaura aber ist so gross wie ein Huhn. Tyrannosaurus Rex mag ich nicht besonders; für mich ist das alles eine Freakshow. Anderseits bin ich froh um alles, was Aussenstehenden einen Einblick in die Wissenschaft der Paläontologie verschafft. Für mich ist diese Disziplin deshalb so spannend, weil sie mir ermöglicht, Antworten auf eine ganz zentrale Frage zu finden: Woher kommen wir? Natürlich gibt es auch viel pragmatischere Gründe, Paläontologe zu werden: Je mehr man über die Geologie und die Paläontologie einer bestimmten Region weiss, desto eher lässt sich zum Beispiel sagen, wo die Gesteinsschichten liegen, in denen Erdöl oder Mineralien vorkommen.

Feldarbeit und der Verlust an Romantik

Ich lebe zwar schon lange in Europa, stamme aber aus Argentinien und bin in Venezuela aufgewachsen. Und ich reise immer wieder mit Gruppen von Studenten für Feldstudien nach Südamerika. Die Feld­arbeit hat für mich allerdings einen Teil von ihrer Romantik verloren – man bewegt sich in Gebieten mit politisch heikler Lage, bekommt Durchfall vom Essen, muss stundenlang über holprige Strassen fahren, kann nirgends duschen. Romantik bedeutet für mich, mit dem Zug nach Italien zu fahren. Aber wenn ich auf dem Weg in mein Büro das Modell von Laquintasaura sehe, das im Zoologischen Museum der Universität Zürich steht, wird mir bewusst: Es lohnt sich doch, sich für die Wissenschaft die Hände dreckig zu machen.

Veröffentlicht am 2014 M08 19