Beobachter: Herr Bruderer, hat Sie überrascht, wie die Fussballfunktionäre in Portugal ins Rudern gerieten, als bekannt wurde, dass Stürmer Alex Frei einen Gegenspieler angespuckt hatte?
Ernst Bruderer: Eigentlich nicht. Es ist leider eine Tatsache, dass viele Sportfunktionäre in gewissen Bereichen keine Übung und keine Schulung haben. Normalerweise erstellt man für einen Job ein Anforderungsprofil und schaut dann, wer dazu passt. Das findet im Sport nur selten statt. Selbst in einem grossen Verband wie dem Fussballverband ist der Verdacht gross, dass letztlich vor allem die Mitgliedschaft in einer Seilschaft zu einem hohen Posten verhilft.

Beobachter: Welche Konsequenzen hat das?
Bruderer: Viele Verbandsfunktionäre setzen sich zu wenig mit den Anforderungen ihres Amts auseinander. Sie machen keine spezifische Weiterbildung dafür und glauben, dass sie das, was sie im Beruf gelernt haben, eins zu eins in den Sport übertragen können. Dabei ist im Sport alles anders.

Beobachter: Und was ist anders?
Bruderer: Es herrscht eine völlig andere Dynamik. Ein Fussballspieler schiesst einen Penalty neben das Tor, und schon müssen die Verantwortlichen das Budget kürzen. Diese Dynamik, dass alles auf einen Punkt kommt, das erlebt man selbst im rossen Finanzbusiness nicht.

Beobachter: An die Amateure an den Verbandsspitzen werden demnach Anforderungen gestellt, die nur Profis erfüllen können.
Bruderer: Richtig. Wir haben in Umfragen festgestellt, dass 80 bis 90 Prozent der Sportfunktionäre völlig unsicher sind, ob sie ihren Job richtig machen. Sie haben kaum Vergleichsmöglichkeiten und erhalten von niemandemeine Bestätigung für ihre Arbeit – oder erst dann, wenn die Wiederwahl ansteht.

Beobachter: Sollten die so genannt «ehrenamtlichen» Verbandsfunktionäre besser entschädigt werden?
Bruderer: Das Präsidium, der Posten, wo es ums Repräsentieren geht, sollte immer ehrenamtlich sein, wenn auch mit einer gewissen Entschädigung. Auf der Ausführungsebene hingegen, bei der Geschäftsführung, braucht es Profis mit klaren Lohnverhältnissen und einem transparenten Prämienreglement.

Beobachter: Ist denn bei den Sportverbänden das Geld für eine professionellere Führung überhaupt vorhanden?
Bruderer: Eigentlich ist immer Geld vorhanden, nur für die Führung nicht. Deshalb ist man auf ehrenamtliche Funktionäre angewiesen. Ohne sie geht es nicht, weder im Verein noch in den Verbänden. Aber besonders die Verbandsfunktionäre müssten sich weiterbilden, etwa in Sachen Kommunikation oder Auftritte in der Öffentlichkeit. Nur so findet man den Weg um die Fettnäpfchen herum.

Beobachter: Passieren denn bei privat geführten Sportunternehmen weniger Fehler?
Bruderer: Nein, genau die gleichen. Siehe Alinghi, das Segelunternehmen von Ernesto Bertarelli. Die verlieren mit dem Neuseeländer Russell Coutts ihren besten Mann. Und dies nur, weil die Marketingagentur mehr zu sagen hat als Coutts, der als Skipper die Alinghi zum Sieg im America’s Cup 2003 geführt hat. Aber das ist typisch: Die meisten Fehler im Sport passieren im Erfolg. Im Misserfolg macht man es meistens richtig, weil alle ein wenig unter Druck sind und wissen, dass man vorsichtig sein muss.

Anzeige