* Name geändert

Zwei Wochen vor seinem Unfall fragte mich mein Sohn im Teenager-Alter plötzlich: «Wie war das damals, mit Opa?» Ich erzählte ihm noch einmal vom Tod meines Vaters. Und dass er sich gewünscht hatte, kremiert zu werden. Seine Asche sollte anschliessend aus der Urne befreit und verstreut werden. Ich habe mich mit diesem Bild immer sehr wohl gefühlt und es so an meine Kinder weitergegeben.

«Das würde mir auch zusagen», sagte mein Sohn. Und dann, ganz nebenbei: «Ubrigens, kannst du mir auch einen Organspenderausweis besorgen?» «Wieso?» fragte ich. Er fände die Idee gut, sagte er. Trotzdem fragte ich meinen Sohn nochmals. Denn ich wollte herausfinden, ob er es bloss aus einer Laune heraus gesagt hatte. «Nein», antwortete er: «Ich habe es mir überlegt. Ich möchte wirklich, dass meine Organe eines Tages vielleicht jemand anderem helfen können.»

Es war ein Dialog, der bereits viel früher begonnen hatte. Wir waren mit dem Auto unterwegs. Die Kinder, damals etwa zehn und achtJahre alt, durchsuchten mein Portemonnaie. Sie fanden meinen Organspenderausweis und fragten, was das sei. Ich erklärte es ihnen und sagte: «Wenn man tot ist, braucht man seine Organe nicht mehr. Aber es gibt Menschen, die damit weiterleben können.»

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Das Herz schlug, das Hirn war tot

Er fuhr die Strasse hinunter. Viel langsamer als sonst. Vielleicht wollte er abspringen. Irgendwie hatte er sich abgerollt. Das hatte er im Judo gelernt. Den Kopf habe er nicht angeschlagen, sagten die Ärzte, er habe den Schlag gut aufgefangen. Offenbar hatte aber das Hirn im Schädel eine ruckartige Drehung gemacht: Es wurde von der Schädelbasis getrennt.

So wurde es mir erklärt so versuchte man, es mir zu erklären. Mein Sohn war auf der Stelle tot. Einer seiner Kollegen ist ein erfahrener Sanitäter. Er hatte ihn sofort reanimiert. Das Herz begann wieder zu schlagen. Aber die Atmung kam nicht mehr.

«Wir können nichts mehr für ihn tun», sagte mir der Arzt, als er mich ein paar Stunden später erreichte. Relativ rasch fragte er mich, ob ich mir schon Gedanken über eine Organspende gemacht hätte. Für mich war es selbstverständlich, dass ich einwilligte. Mein Sohn hatte es ja immer so gewollt. Als Mutter empfand ich diese Gewissheit als klaren Wegweiser. Er half mir enorm, die Entscheidung auf eine Frage zu treffen, mit der man unter Schock völlig überfordert ist.

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Entscheidend ist das Vertrauen

Als ich zu meinem Sohn kam, lag er da, als würde er schlafen. Das wünsche ich meinem schlimmsten Feind nicht das eigene Kind tot zu sehen. Er war an Maschinen angeschlossen, die seine Atmung übernahmen. Sein Herz pumpte. Er war warm. Doch er war tot. Hirntot. Die Hirnströme wurden auf einem Bildschirm aufgezeichnet. Nur noch ein Strich. Der Arzt erklärte uns alles. Sie hatten alles versucht mehr als zwölf Stunden lang. Ich vertraute ihnen. Das Entscheidende in diesem Moment ist das Vertrauen.

24 Stunden nach dem Unfall begannen sie mit der Organentnahme. Fünf oder sechs Menschen erhielten Organe: Herz, Lungen, Nieren, Bauchspeicheldrüse.

Am tröstlichsten ist für mich, dass ich den Willen meines Sohns respektiert habe. Auch die Organspende ist ein Trost. Denn ich konnte aktiv etwas tun nicht einfach passiv den Tod entgegennehmen. Durch diese Entscheidung war ich involviert.

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Die Organspende hatte diesem Unfall ein wenig von seiner Sinnlosigkeit genommen. Der Schmerz des Verlusts ist zwar immer da. Aber er verändert sich. Er kommt langsam, wie eine Welle und er geht wieder. Und ich weiss jetzt, dass er wieder geht.

Mein Sohn ist heute präsenter als je zuvor. Es ist eine Verbindung da. Und ich bin jetzt soweit, dass ich es geniessen kann, wenn ich etwas sehe, das mich an ihn erinnert. Dann denke ich: «Das würde ihm jetzt gefallen. Das würde ich ihm jetzt erzählen.» Und ich erzähle es meiner Familie.

Das Wichtigste für mich ist zu wissen, was diejenigen, die mir nahestehen, sich wünschen. Wir fragen ja auch: «Was wünschst du dir zum Geburtstag?» Das mag banal tönen, aber darum geht es auch bei der Frage der Organspende. Und dieser Wunsch ist ein Testament, das man respektieren muss selbst wenn man innerlich völlig dagegen wäre. Und es ist nie zu früh, darüber zu sprechen.

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