Kurt Widmer (Bild) lebt seit 1995 im Gefängnis. Als Verwahrter so wie der Doppelmörder Erich Hauert, der Kinderschänder René Osterwalder und die Zürcher Parkhausmörderin Caroline H. Doch zur Gruppe der Schwerstkriminellen gehört der 62-jährige Elektriker aus dem Aargau nicht. Wie schon in seinem Leben in Freiheit ist Widmer auch unter den Verwahrten ein Aussenseiter.

Drohungen gegen seinen einstigen Arbeitgeber haben Widmer sieben Monate Gefängnis und die Verwahrung eingebracht. Entlassen werden Verwahrte erst, wenn sich ihr Zustand entscheidend verbessert hat. Unter Umständen kann eine Verwahrung bis ans Ende der Tage dauern.

Kurt Widmer ist ein ausgezeichneter Handwerker auch als solcher eine Ausnahmeerscheinung im Gefängnis. Im Führungsbericht lobt Strafanstaltsdirektor Martin Lukas Pfrunder Widmers Fachkenntnisse, seinen Ideenreichtum und Tüftlersinn. Er könne praktisch jeden Fernsehapparat reparieren. Insassen und Personal nennen ihn «Elektro-Widmer» eher eine Ehrenbezeichnung als ein Spitzname.

«Der Mann kann arbeiten», sagt auch sein ehemaliger Chef. Und ein früherer Kunde ist voll des Lobes: «Kein anderer hat in meinem Haushalt den Defekt an den Leitungen gefunden. Widmer hat alle Möbel verstellt und geflucht, aber er hat es geschafft. Ich habe ihn wieder gerufen.»

Wie jeder andere Insasse möchte auch Kurt Widmer die Strafanstalt verlassen. Schwerer nachvollziehbar ist, dass er zurück in sein Elternhaus will, wo er bis zum Antritt der Strafe stets gewohnt hatte. Denn die Zelle ist bei weitem moderner ausgestattet: Sie verfügt über ein WC mit Wasserspülung, während im Elternhaus bloss ein Plumpsklo vorhanden ist. Warmes Wasser und Telefon gibt es dort auch nicht. Der Gemeinderat der Westaargauer Gemeinde hat Widmers Klause im Elternhaus gar für unbewohnbar erklärt.

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Dieses Elternhaus ausserhalb des Dorfs, in dem der «Ätti» zeitlebens «sin Grind duregsetzt hätt», prägte Kurt Widmer. Der Vater war ausgesprochen geizig, die Familie lebte spartanisch. Als Kurt eine Waschmaschine gekauft hatte, durfte er sie nicht anschliessen. Eine Dusche durfte er auch nicht einbauen. Der damals schon erwachsene Sohn fügte sich grollend.

Das Geld für etwas mehr Komfort wäre zweifelsohne da gewesen, zumal auch die Mutter mitverdiente. Spricht Kurt Widmer vom «Müetti», ist immer etwas Wärme in seiner Stimme. Sie sei viel zu früh gestorben. Sie litt an Angina Pectoris und Asthma. Der Arzt wurde viel zu spät hinzugezogen.

So geizig der alte Widmer war, einen Beruf liess er die beiden Söhne immerhin erlernen. Kurt schloss eine Elektrikerlehre bei einem Unternehmer im Dorf ab. In dieser Firma blieb er 30 Jahre und machte auch den Wechsel vom Senior- zum Juniorchef mit.

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Im Kampf gegen den Politfilz

Probleme tauchten zunächst nicht bei der Arbeit, sondern in der Freizeit auf. Widmer wandte sich der Politik zu und wohnte als Zuschauer den Verhandlungen des Einwohnerrats (Gemeindeparlament) bei. Dabei wurden ihm die Freisinnigen zum Feindbild: Die FDP ziehe hinter den Kulissen die Fäden, sie bilde einen Filz und kümmere sich nicht um die Bürger. Dumm nur, dass Widmers Chef als freisinniger Gemeindepolitiker aktiv war.

Betuchte Mitglieder des freisinnigen Filzes konnten, so Widmers Vorwurf, schon mal ein Bauvorhaben ohne Bewilligung verwirklichen. So entdeckte er, dass ein Direktor des grössten Arbeitgebers der Region vor seiner Villa eine Wand errichtete, um sein Schwimmbad vor Blicken zu schützen. Die Baubewilligung fehlte, was Kurt Widmer der Gemeinde mitteilte.

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Er verfügt über jede Menge ähnlicher Beispiele. Treffen sie auch zu? «Wir nehmen es sehr genau bei Baubewilligungen», sagt der Gemeindeammann. Widmers ungeliebter ehemaliger Chef sieht das etwas anders: «In gewissen Fällen hatte der Widmer ja schon Recht.» Doch wenn die Ertappten auch Kunden seines Arbeitgebers waren, dürfte sich Widmer im Betrieb nicht gerade beliebt gemacht haben. Der Exchef sagt hingegen, er habe lediglich nicht geduldet, dass Widmer während der Arbeitszeit Baupolizist gespielt habe.

Schliesslich betätigte sich Kurt Widmer auch als Verkehrspolizist. Er verzeigte Lenker, die Fahrverbote missachteten. Einmal geriet er mit einem Fahrer in Streit und verletzte ihn mit einem Messer. Dafür kassierte er einige Tage Gefängnis. Zu seiner angemassten Polizistenrolle passt Widmers dritte Leidenschaft: Combat- und Tontaubenschiessen. Seine Waffensammlung umfasst 80 Pistolen und Revolver, 17 Gewehre und zwei Maschinenpistolen.

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1991 verlor Kurt Widmer seine Arbeitsstelle. Laut dem Exchef wegen seines rüpelhaften Benehmens, der privaten Verkehrskontrollen und der Baukontrollen in der Arbeitszeit. Der damals 51-jährige Widmer fand keinen neuen Job mehr und fühlte sich vom Chef, aus seiner Perspektive Teil des FDP-Filzes, ungerecht behandelt. Noch schlimmer: Zwei Jahre später wurde Widmer zum Fürsorgefall.

Zum Eklat kam es in der Nacht vom 22. auf den 23. Februar 1994. Der betrunkene Widmer fuhr mit seinem Wagen zum Haus seines ehemaligen Vorarbeiters und feuerte eine Ladung Schrot aufs erleuchtete Badezimmerfenster. Zum Glück wurde der Mann nicht getroffen. Anschliessend fuhr Widmer zum Haus seines früheren Arbeitgebers, um auch ihm eine Ladung Schrot zu verpassen. Doch er bekam eine Kurve nicht sein Wagen blieb im Matsch stecken, die Polizei verhaftete ihn.

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Im Drang nach Selbstjustiz

Seine zweieinhalbjährige Gefängnisstrafe sass er in Lenzburg ab. Mit dem einstigen Chef versöhnte er sich nicht. Er ist überzeugt, dass ihm dieser noch 21000 Franken Lohn schulde. Dass ein Arbeitsrechtler anders befand, schert Widmer nicht.

Gefängnisdirektor Pfrunder versuchte, eine Aussöhnung zwischen Widmer und seinem Exchef herbeizuführen. Widmer unterschrieb ein «Friedensabkommen», widerrief es aber tags darauf. Er verzichte niemals auf das Geld, meinte er nun.

Ende 1996 wurde Kurt Widmer aus der Strafanstalt entlassen. Einen knappen Monat lang konnte er die Freiheit geniessen. Dann, am 22. Januar 1997, suchte er seinen früheren Arbeitgeber im Betrieb auf. Drohte, er werde ihm «zwei Jugos vorbeischicken», um seine Rechnung zu begleichen. Schrie, er werde, wenn nötig, den Chef mit einem rostigen Spitzhammer töten oder ihn sofort auf offener Strasse erschiessen. Zu Gewalttätigkeiten kam es nicht ein Kunde betrat das Geschäft.

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Vor Gericht nützte es Widmer nichts, dass er behauptete, er habe seinen Exchef nie töten wollen. Er wurde zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt und, auf unbestimmte Zeit, zur Verwahrung. Diese wurde vom Bundesgericht bestätigt. Es führte unter anderem aus: «Entscheidend ist nicht die Gefährlichkeit der Anlasstat, sondern der Geisteszustand des Täters.»

Diesen haben bei Widmer zwei Psychiater auszuloten versucht. Ihr Schluss war eindeutig negativ. Sie diagnostizierten eine paranoide Persönlichkeitsstörung. Widmers Wahn zeige sich in übertriebener Empfindlichkeit bei Kränkungen und in einem nachtragenden Verhalten. Er sei streitsüchtig und beharre auch auf eigenen Rechten, wenn es der Situation nicht angemessen sei. Es bestehe die Gefahr, dass Widmer eines Tages seine Drohung wahr mache und zur Selbstjustiz greife.

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Widmer selbst widerspricht diesem Befund: «Du musst nur etwas ein wenig anders machen als alle andern, schon hängen sie dir ein paranoid an.» Dass sich Widmer nie psychiatrisch behandeln liess, wird ihm als Uneinsichtigkeit angelastet. Allerdings hielten die Gutachter auch fest, dass die Erfolgschancen einer Behandlung sehr gering seien das dürfte nicht eben motivierend wirken. Widmers Zorn richtet sich seither auch gegen Psychiater, Richter und alles, was mit dem Staat zusammenhängt.

Doch gerade staatliche Stellen sind es, die jetzt Widmers Verschwörungstheorien weitere Nahrung geben. Denn die Aargauer Strafprozessordnung legt fest, dass ein Verwahrter die Kosten seines Aufenthalts in der geschlossenen Anstalt selber zahlen muss. Kann er das nicht, muss die Wohngemeinde einspringen. Gefängnisstrafen zahlt hingegen der Staat. Dabei sind die Kosten dieselben: rund 300 Franken pro Tag im Normalvollzug, rund 600 Franken im Hochsicherheitstrakt. Verwahrte mit Vermögen gibt es kaum. Die Ausnahme auch hier: Kurt Widmer. Im Februar ist sein Vater gestorben seine Söhne erbten eine sechsstellige Summe. Muss Kurt nun rückwirkend seine Verwahrung bezahlen, ist sein Anteil bereits dahin.

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In gewisser Hinsicht ist der «Ätti» im falschen Moment gestorben: Die Chance ist gross, dass die Aargauer Strafprozessordnung geändert wird und der Kanton künftig auch die Verwahrung zahlt. Glück für die Gemeinde: Für die Vergangenheit kann sie sich zum Teil an Widmer schadlos halten, in der Zukunft würde der Kanton zahlen. Kurt Widmer hingegen sträubt sich total gegen dieses Ansinnen.

Will die Gemeinde wirklich an Widmers Geld? Der Gemeindeammann sagt, die Behörde habe die Pflicht, mit Steuergeldern haushälterisch umzugehen. Und der Gemeindeschreiber wiegelt ab: Entschieden sei noch nichts, Kurt Widmer werde eine rekursfähige Verfügung erhalten eine etwas formaljuristische Antwort.

Strafanstaltsdirektor Pfrunder kritisiert eine solche Haltung: «Kurt Widmer ist für krank erklärt worden. Und nun nimmt die Gemeinde diesem kranken Mann das Einzige weg, was er hat. Das verschlimmert seine Krankheit noch.»

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