4_00_bp_invitro.jpgMit jeder weiteren Internetseite wird es intimer: «Welche Hautfarbe hat Ihre Mutter?» «Sind Sie je an einer Depression erkrankt?» «Wie oft und mit wem hatten Sie in den letzten zwölf Monaten Sex?» Der Fragebogen für zukünftige Eizellenspenderinnen ist nichts für Ungeduldige. Oder können Sie aus dem Stegreif die Farbe der Haare Ihres Grossvaters nennen, als er noch welche auf seinem Haupte trug?

Spenderinnen brauchen auch nach dem Fragemarathon auf der Homepage des US-amerikanischen «Genetics & IVF Institute» viel Durchstehvermögen. Denn die Entnahme von weiblichen Eizellen aus dem Eierstock ist kein Sonntagsspaziergang. Ob die Keimzellen der eigenen künstlichen Befruchtung dienen oder eine entlöhnte Spende für eine unfruchtbare Unbekannte sind: Das Verfahren bleibt dasselbe.

Damit im Eierstock mehrere Eizellen heranreifen, muss sich die Patientin nach der letzten Menstruation täglich während zwei bis drei Wochen Hormone spritzen. «Die Brüste werden riesig, und auch der Bauch schwillt an, weil sich die Eierstöcke vergrössern», schildert Anna M. den Zustand ihres Körpers während dieser hormonellen Stimulationstherapie. «Ich war müde, hatte ständig Schmerzen im Kreuz und fühlte mich gereizt.» Die 28-jährige Frau und ihr Ehemann haben sich zur künstlichen Befruchtung entschlossen, weil sie auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen können.

Die Eizellenspende für Dritte wird in der Schweiz bald untersagt sein. Dieses Verbot ist Teil des bereits im Dezember 1998 vom Parlament verabschiedeten, jedoch noch nicht rechtskräftigen Fortpflanzungsmedizingesetzes. Es legt im Detail fest, was der Beobachter mit seiner Verfassungsinitiative «gegen Missbräuche der Fortpflanzungs- und Gentechnologie beim Menschen» 1987 ins Rollen gebracht hat: die Bedingungen für die Anwendung der medizinisch unterstützten Fortpflanzung beim Menschen.

Radikalstes Gesetz in Europa

Das neue Gesetz ist streng (mehr zum Inhalt). Es gilt als radikalste Regelung der Reproduktionsmedizin in Europa. Diese Strenge kommt nicht von ungefähr. Das noch hängige Volksbegehren «zum Schutz des Menschen vor Manipulationen in der Fortpflanzungstechnologie», vorab von religiösen Kreisen lanciert, schwebte mit seinem angestrebten Totalverbot der In-vitro-Fertilisation (IVF) wie eine Gewitterwolke über den Köpfen der National- und Ständeräte.

Am 12. März werden wir über diese Volksinitiative abstimmen (mehr zum Inhalt). Ein Ja an der Urne würde das neu geschaffene Fortpflanzungsmedizingesetz wertlos machen es wäre verfassungswidrig. Die Annahme der Initiative würde auch die Tätigkeit in den 19 Fortpflanzungsmedizinzentren empfindlich einschränken. Und: Frauen wie Anna M. müssten für eine In-vitro-Fertilisation ins benachbarte Ausland reisen.

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Der erste Versuch des jungen Ehepaars M., mit Hilfe der künstlichen Befruchtung eigene Kinder zu bekommen, nahm einen tragischen Ausgang. Anna M. hat ihre gesunden Drillinge letzten Sommer im fünften Schwangerschaftsmonat verloren. Die Winzlinge hatten ausserhalb des Mutterleibs keine Uberlebenschance.

In der Schweiz leben mittlerweile etwa 6000 Kinder, deren Zeugung auf die medizinisch unterstützte Fortpflanzung zurückgeht. Gemäss Angaben aus Fachkreisen kamen 1998 insgesamt 605 Schwangerschaften durch künstliche Befruchtung zustande. Die Zahl der tatsächlichen Geburten ist noch nicht bekannt; 1997 waren es über 400.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt die Sterilität weltweit auf acht bis zehn Prozent, wobei die Industrienationen stärker betroffen sind als Länder des Südens. Da es in unserem Land kein zentrales Gesundheitsregister gibt, ist die Statistik über die tatsächliche Sterilitätsquote von Frauen und Männern in der Schweiz unscharf. Die Experten gehen davon aus, dass «jedes sechste Paar ungewollt kinderlos ist».

Wen wunderts, dass die Befruchtung unter dem Mikroskop immer öfter angewandt wird. Vor allem seit es möglich ist, lahmen Spermien «Beine zu machen», indem mit der so genannten ICSI-Methode einzelne Samen direkt ins Ei gespritzt werden. 1998 wurden in der Schweiz 3741 Behandlungszyklen (inklusive abgebrochene) mit In-vitro-Fertilisation durchgeführt 13,1 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Mit 46,5 Prozent ist die männliche Unfruchtbarkeit bei den IVF-Behandlungen die häufigste Ursache. «Die Sterilität beim Mann ist ein riesiges Problem, das ständig weiter zunimmt», sagt der darauf spezialisierte Arzt Christian Sigg. «Wir gehen davon aus, dass sieben Prozent der Männer im Lauf ihres Lebens damit konfrontiert sind. Das ist eine grössere Zahl als etwa bei Diabetes.»

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Rätsel um Unfruchtbarkeit

Der Grund für die männliche Unfruchtbarkeit in den Industrienationen ist immer häufiger die mangelnde Beweglichkeit der Spermien sowie deren Anzahl. «Die Samenqualität», so Sigg, «hat sich in den letzten 40 Jahren halbiert.»

Uber die Ursachen weiss man relativ wenig. Fest steht jedoch, dass sich beispielsweise das Rauchen negativ auswirkt. Dänische Untersuchungen machen zudem die Belastung der Umwelt durch chemische Restsubstanzen für die Zunahme der Fruchtbarkeitsstörungen beim Mann verantwortlich. Diese so genannten Xenoöstrogene, die ähnlich wie weibliche Hormone wirken, stammen aus Kunststoffen und hormonellen Abfällen.

Die medizinisch unterstützte Fortpflanzung kann Betroffenen helfen doch die Ursachen der Unfruchtbarkeit beim Menschen schafft sie nicht aus der Welt.

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