Bundesrat Arnold Koller nimmt die Jungen ernst. Und wie! Gleich per Helikopter liess sich der Justizminister von Bern nach Sursee fliegen, um an der dortigen Kantonsschule eine Rede zu halten. Thema: Revision der Bundesverfassung.

«Politik betrifft uns in jedem Alter», sagte der hohe Gast vor 400 Schülerinnen und Schülern. «Sie haben die grosse Chance, unbefangener als wir Politiker zu sagen, für welche Schweiz von morgen Sie sich einsetzen wollen.»

Brav hörten die Jungen zu, brav war der Applaus. «Zu steif, zu wenig mitreissend, gut schweizerisch eben. Die heiklen Themen wurden umfahren», urteilt der 19jährige Tobi Wolf. Eine Kollegin doppelte nach: «Wir hörten eine Rede ab Stange.»

Woher soll Koller auch wissen, was junge Leute beschäftigt? Im Bundeshaus kann er jedenfalls mit niemandem darüber reden: Die Gruppe der 18- bis 29jährigen ist im Parlament völlig inexistent. Damit haben über eine Million Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger keine Stimme. Nicht viel besser geht es den 840000 30- bis 40jährigen. Nur neun Männer und Frauen aus dieser Altersgruppe sitzen im Parlament.


Das einsame Nesthäkchen

«Sind es wirklich neun? Manchmal habe ich den Eindruck, es seien noch weniger», sagt die Bündner SVP-Nationalrätin Brigitta Gadient. Mit 35 ist sie das Nesthäkchen unter der Bundeskuppel, ein kleiner Farbtupfer im Grau von gestandenen Herren und wenigen Damen. In Zahlen: 132 der 200 Ratsmitglieder sind über 50 Jahre alt. Schweizer Politik ist Sache von Grossvätern und Grossmüttern.

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Daran wird sich auch im Oktober kaum etwas ändern. Eine Beobachter-Umfrage zeigt: Das Durchschnittsalter aller Kandidatinnen und Kandidaten auf den Hauptlisten liegt bei 45 Jahren. Unter die Vierzigerschwelle bringt es keine Partei. Und von Jugendförderung keine Spur.

Rund 2500 Kandidatinnen und Kandidaten bewerben sich für einen Nationalratssitz. Und wie viele 18- bis 29jährige finden sich auf den Hauptlisten? Knapp hundert. Zu diesen vier Prozent «Vorzeigejugendlichen» gehört auch die 26jährige Kindergärtnerin Brigitte Jung aus Glattbrugg ZH. Sie kandidiert für die CVP. Und wo ist sie auf der Liste zu finden? Auf Platz 32. Weiter unten gibt's gerade noch zwei Namen.

Trotzdem fühlt sie sich nicht als Lückenbüsserin. «Ich mache mit, weil es wichtig ist, dass die Partei eine ausgewogene Liste präsentieren kann», erklärt sie. Dabei hätte Brigitte Jung allen Grund, über die CVP zu schimpfen. Ohne mit ihr vorher zu reden, setzten sie die Parteistrategen einfach auf die Liste. Viel besser geht es auch Matthias L. Vatter, 24, nicht. Der Student kandidiert auf der Freien Liste des Kantons Bern. Sein Listenplatz trägt die Nummer 25; auch bei ihm gibt's untendran nur noch zwei Namen. Vatter engagiert sich seit mehreren Jahren bei der Freien Liste und meint: «Unterschwellig werden die Jungen von jenen, die in den Parteien das Sagen haben, halt doch nicht ganz ernst genommen».

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Stimmt, denn die altersmässige Entwicklung im Nationalrat seit 1919 ist eindeutig. Zugelegt haben die 40- bis 49jährigen. Verlierer sind die ganz Alten und - einmal mehr - die Jungen unter 39. Ihr Anteil fiel stetig auf den aktuellen Rekordtiefstand von 4,5 Prozent.

Wen wundert's, wenn Barbara Schwickert von der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände sagt: «Im Parlament sitzen vornehmlich ältere Herren, die altmodisch und steif politisieren. So bekommen Jugendliche garantiert nie das Gefühl, diese Welt habe irgend etwas mit ihrer eigenen zu tun.»

Das war nicht immer so, selbst auf höchster Ebene nicht. Da gab es beispielsweise den Neuenburger Liberalen Numa Droz, der im zarten Alter von 32 Jahren in den Bundesrat gewählt wurde. Dort blieb er von 1876 bis 1892. Als er nach 16 Jahren Regierungstätigkeit zurücktrat, war er genauso alt wie die Herren Cotti und Delamuraz bei ihrem Amtsantritt.

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Vor 1900 hatte die Schweiz immerhin sechs Bundesräte, die bei ihrer Wahl in den Dreissigern standen. Tempi passati. Heutzutage gilt es schon als sensationelle Leistung, wenn einer mit 46 Bundesrat wird. Adolf Ogi hat's geschafft und ist damit - nebst Max Petitpierre - der jüngste Bundesrat seit 1945. Freude herrscht!

Typisch, dass es nach dem Rücktritt von Otto Stich in allen Zeitungen hiess, dem möglichen Nachfolger Werner Marti werde eventuell sein «jugendliches Alter von 38 Jahren zum Verhängnis».

«Halt, halt, da sind noch die Jugendlisten», kontern die Parteien. «Dort haben sie eine eigene Plattform, um ihren Forderungen Bedeutung zu geben», verkündet beispielsweise die Grüne Partei des Kantons Zürich. Nur: Den jungen Grünen wird es gehen wie allen andern auch. Sie sammeln Stimmen für die Alten. Dazu der Politologe Werner Seitz: «Mir ist kein Fall bekannt, wo ein Jugendlisten-Kandidat auf nationaler Ebene Erfolg hatte.»

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«Junge ruhigstellen»

Da ist wenigstens die Freiheitspartei des Kantons Bern ehrlich: «Jugendlisten werden gemacht, um die Jungen ruhigzustellen und dank solcher Listenverbindungen Restmandate zu erreichen», schreibt sie dem Beobachter. Auch die Liberale Partei Luzern meint: «Die Wahlchancen der Jungen sind grösser, wenn sie auf den offiziellen Parteilisten kandidieren.» Ob das wirklich so ist, können die Luzerner Liberalen leider nicht überprüfen: Auf ihrer Liste gibt es keinen Kandidaten unter 40.

Nicht nur dort. Die Kandidatinnen und Kandidaten der Grünen im Kanton Baselland bringen es beispielsweise auf ein Durchschnittsalter von gestandenen 48. Und dann wundert sich die Partei, dass «mangels Initiative der Jungen» keine Jugendliste zustande kommt!

«In unserer Fraktion prägen Leute um 45 das Geschehen», räumt auch Jean-François Steuert von der SP Schweiz ein. Die meisten von ihnen sind Alt-68er. «Trau keinem über 30», lautete damals das Credo der Bewegten. Alles vergessen. Wenn in Bern ein Wahlspruch gilt, dann dieser: Trau keinem unter 40!

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Zwar befürwortet beispielsweise die Sozialdemokratische Partei eine Quotenregelung bei den Frauen. Warum nicht auch bei den Jungen? Steuert seufzt und erzählt irgend etwas von Basisarbeit in den Dörfern. Dabei hätten die Politiker allen Grund, Jugendliche ernst zu nehmen. «Wer sich für eine Partei entscheidet, der entscheidet sich meist fürs ganze Leben. Das ist wie bei der Wahl der "Hausbank". Wer für die Jungen wenig tut, vergibt also auch Stimmen», sagt der Politologe Silvano Möckli.

Den Parteien ist's egal. Auf die Frage, weshalb die CVP des Kantons Freiburg eine Junge Liste führe, heisst es lapidar: «Weil die Jungen es so gewollt haben.»

Ähnlich tönte es auch bei der CVP des Kantons Bern: «Junge wollen zuerst auf Gemeinde- und Kantonsebene Erfahrungen sammeln.» Wirklich? Solang im Parlament dermassen steif und öd politisiert wird, ist das «sicher kein reizvolles Ziel für Junge», meint der Politologe Daniel Schloeth. Sein Vorschlag: Eine Amtszeitbeschränkung, damit Parlamentarier schon gar nicht auf die Idee kommen, jahrzehntelang auf ihren Sesseln zu kleben.

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Mit 25 als jüngstes Mitglied in den Zürcher Kantonsrat gewählt, redet Schloeth aus Erfahrung. Seine Gefühle dort umschreibt er so: «Ich schwanke ständig zwischen Resignation und Optimismus.»

Vergleichbares war bei einer Strassenumfrage des Beobachters zu hören. Egal ob Gymnasiastin oder Verkäufer, Schweizerin oder in der Schweiz lebender Ausländer - der Grundtenor ist: Politik hat nichts mit uns zu tun; das ist von Alten für Alte.

Wer aber nachfragt, erfährt auch: Junge sind nicht grundsätzlich an der Politik desinteressiert. Die häufigsten Aussagen: «Wenn mehr Junge im Parlament sässen, dann würde ich mich mehr für Politik interessieren.» Und: «Themen, die uns beschäftigen, kommen ja im Parlament fast nie zur Sprache.»

Alle befragten Fachleute sind denn auch überzeugt: «Hätte es mehr Junge im Parlament, bekäme die Politik zweifellos mehr Schwung.» Und das ist nicht wenig. Denn Jugendliche haben durchaus Interesse an Politik, «nicht aber an der Art und Weise, wie hierzulande politisiert wird», sagt Barbara Schwickert von der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände.

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Auch Barbara Schwickert hat eigene Erfahrungen, sitzt sie doch im Bieler Stadtparlament. «Wenn ich auf die Tribüne blicke, wen sehe ich? Bloss ein paar zum Besuch verknurrte Schulklassen, denen es langweilig ist. Freiwillig kommt kein Jugendlicher vorbei.»

Das kann längerfristig fatale Folgen haben. «Solang die Jungen nicht mit einbezogen sind, besteht die Gefahr einer Diktatur der Gegenwart über die Zukunft», sagt Silvano Möckli. In der Tat: Denn eine Politik, die nicht zusammen mit den Jungen gemacht wird, kann nicht jugendgerecht sein.

Mario Frasa, Sekretär der eidgenössischen Jugendkommission, nickt zustimmend. Doch auch er ist ein Rufer in der Wüste. Und erst noch einer, der sich das Rufen nicht oft leisten kann: Für Jugendpolitik stellt der Bund nur sieben Millionen Franken zur Verfügung - allein die Sportschule Magglingen bekommt etwa zehnmal mehr. Bezeichnend, dass auch das Präsidium der Jugendkommission seit bald einem Jahr vakant ist. Was soll's: Deren Berichte nimmt ohnehin niemand zur Kenntnis.

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Wie es die Alten mit den Jungen halten, erlebte Mario Frasa kürzlich wieder. «Es gibt da eine von den Parteien getragene Stiftung», erzählt er. «Sie will die Jugendlichen dazu bringen, früher politisch aktiv zu werden. Im Stiftungsrat sitzen aber nur ältere Damen und Herren. Als ich anregte, doch auch Jugendvertreter in den Stiftungsrat zu holen, sahen die mich an, als käme ich von einem anderen Stern.»