«Evi wirkt», «Evi kämpft», «Evi gewinnt», steht auf Klebern, Postkarten und Plakaten. Mit 19 Jahren wurde Evi Allemann ins Berner Kantonsparlament gewählt; mit 25 will sie nun als Vertreterin der Jungsozialisten im Nationalrat Platz nehmen. Ganz einfach: «Evi rennt vom Rathaus ins Bundeshaus» so lautet jedenfalls ihr Wahlkampfmotto.

Und viele Sportsfreunde der Orientierungsläuferin rennen in Evi-T-Shirts für sie mit, am Grand Prix von Bern etwa. «Wir betreiben zielgruppenspezifische Werbung», sagt der Parteikollege Samuel Thomi. Für den engsten Freundeskreis gibts einen Evi-Kalender als Geschenk, für politische Freunde ein rot-grünes Gummibärchen und für den Rest das Hauptwerbemittel: das Daumenkino «Evi rennt».

Wer das Bilderbüchlein durchblättert, denkt dabei vielleicht an den Erfolgsstreifen «Lola rennt». Evi, das Energiebündel? «Wer immer rennt, wird schliesslich atemlos», kommentiert der Kommunikationsspezialist Peter Wettler.

Profile, Plakate, Provokationen. Der Wahlkampf zur Gesamterneuerung des Parlaments geht in die Endphase. Inwiefern spiegelt sich darin die Lage der Nation? «Der Trend zur Ellbogengesellschaft dominiert», sagt Wettler. Er berät selber ein halbes Dutzend Kandidierende und weiss, wovor zu warnen ist: vor leeren Versprechen. «Der Wähler will wissen, wofür ein Kandidat steht und was er ihm konkret nützt.» Politiker sollten aufzeigen, was sie bereits geleistet haben dies bitte knapp und einprägsam. «Mehr als drei Botschaften kann sich das Publikum nicht merken.»

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Allemanns Team nennt sich Kampa, wie vor einem Jahr der Wahlkampfstab des deutschen Kanzlers Gerhard Schröder. Den Gegner beobachten und seine Schwächen ausschlachten, lautete ein Kampa-Rezept. Als die CVP ohne Bewilligung Plakate aufstellte, überklebten die Berner Jungsozialisten diese sofort mit «Evi gewinnt»-Plakaten. Auch ein lokales Sommertheater wurde siegreich durchgefochten: Die Jungsozialisten verhinderten einen Zaun um die beliebte Liegewiese Eichholz an der Aare.

Allemanns Kampa holt mit Mailings und Solidaritätsdisco rund 15000 Franken Spenden herein, die 9000 Franken für die Inserate bezahlt ein Verwandter. Neben den üblichen Auftritten besucht die junge Bildungspolitikerin Schulen.

«Verwöhnte, kriminelle Asylanten»

Szenenwechsel. Der Saal im Hotel Waldau in Rorschacherberg ist mit über 100 Leuten gut gefüllt. Vorne prangt die Schweizer Fahne, flankiert von Kandidatenporträts mit dem SVP-Motto «Schweizer Qualität». Jasmin Hutter, 25, ist die jüngste Kandidatin der Partei. Ihr Wahlkampfbudget beträgt 30000 bis 50000 Franken. Ihr grösster Geldgeber: ihre eigene Tasche. René Hutter, ihr Vater, ist ihr wichtigster Berater. Er war Kantonsrat der Auto-Partei.

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Die Strahlefrau Verkaufsleiterin und Kantonsrätin werde im Fall einer Wahl «den EU-Beitritt energisch bekämpfen», «massive Massnahmen gegen Schmarotzer, Scheinasylanten und Kriminelle» durchsetzen, «die Schweiz den Schweizern» sichern und «gegen den Filz auf allen Stufen» antreten. Tosender Applaus.

Hans Fehr, Zürcher SVP-Nationalrat und Auns-Geschäftsführer, gibt noch einen drauf. Er feuert seine Salven gegen «unfähige Bundesräte» und «verwöhnte, kriminelle Asylanten». Nun brechen im Publikum alle Dämme: Die «linkslastigen Medien» müssten zur Räson gebracht werden, in Bern sei «notfalls der 11. September zu wiederholen». Niemand widerspricht. Auch Jasmin Hutter nicht.

Erst tags darauf distanziert sie sich von den ärgsten Entgleisungen. Die SVP ist in Form. Auch die unbeholfenen Zeichnungen auf ihren Plakaten das gerupfte und gefesselte Huhn scheinen anzukommen. «Es sieht fast so aus, als ob die Wähler die Motive selber gezeichnet hätten», schreibt der Zürcher Werbefachmann Hermann Strittmatter im Berner «Bund»: «Das ist unter Umständen raffiniert.»

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Wie gut Geri Müller ankommt, ist noch offen. Der Kandidat hebt den Arm, lässt ihn sinken, stöhnt und setzt sich. «Ich seh in allem keinen Sinn. Es ist so schwer zu ertragen.» Der Kandidat der Grünen probt einen Auftritt. Als Schauspieler.

Sein Zweipersonenstück spielt zwischen 1803 und 2003. Es handelt von 200 Jahren Aargau, von Kolonialismus, Wohlstand und Ungleichheit. «Ich mache keinen Wahlkampf; ich arbeite. Entweder merken das die Leute oder nicht.» Geri Müller, 43, Kulturvermittler, kandidiert für den National- und den Ständerat. Sein Budget: 12000 Franken. Für ein professionelles Management reichts nicht. Er rechnet weiterhin mit Spenden.

Für Tierschutz und gegen Atomstrom

Auf seiner Homepage finden wir zahlreiche Tipps zur Wahlhilfe: wie man einen Plakatständer zimmert und welche Hilfe wie viel Wirkung zeitigt. Etwa: «Bekannte ansprechen, weitersagen: Effekt am höchsten! LeserInnenbriefe schreiben: Effekt hoch.» Nur mässig sei der Effekt von «Erstklässler mit einem Bio-Rüebli begrüssen; Eltern erhalten Flugi».

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Müller war Dachdecker, Psychiatriepfleger, Filmemacher, Sozialtherapeut, er ist Vater von drei Kindern, Teilzeithausmann und Grossrat seit 1995. Er macht sich stark gegen Fluglärm, für den Tierschutz, gegen den Atomstrom, für ein faires Sozialhilfegesetz, gegen die unkontrollierte Gentechnologie. In einer Ausgabe der Fernsehsendung «Arena» im September war er zwar eingeladen zu Wort gebeten wurde er nicht. Gerne hätte er «etwas zur Opfersymmetrie» gesagt.

55 Prozent der 1999 gewählten Nationalräte waren im Fernsehen aufgetreten, 70 Prozent im Radio. Drei Viertel hatten sich von einem Wahlstab coachen lassen, zwei Drittel schrieben der Wählerschaft «persönliche» Briefe in einem Fall 50000 Stück. Solche Zahlen publiziert die PR-Beraterin Bettina Jaques-Bosch in ihrem Buch mit dem verheissungsvollen Titel «Wahlerfolg!».

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Aufschlussreich sind die Erfolgsbeispiele: Was die Kandidatin denkt, interessiere die Wähler kaum so heisst es im PR-Konzept für Lucrezia Meier-Schatz (CVP). «Wer ist die?», sei die entscheidende Frage. Die Spezialisten empfahlen eine «emotionale Positionierung auf persönlicher Ebene» die Kandidatin posierte mit Sennenhund. Sie wurde gewählt.

Brigitte Häberli schüttelt eifrig Hände. Jeder der rund 100 Besucher auf dem Kirchplatz im thurgauischen Wertbühl wird persönlich begrüsst. «Mit Charme und Anstand Türen öffnen», lautet das Wahlkampfmotto der 45-Jährigen. Wer zwei Franken einsetzt, kann am Glücksrad auf sie setzen. Ein Hauptpreis: ein Parlamentsbesuch in Bern mit der Kandidatin, versteht sich.

Die Mutter von drei bald erwachsenen Kindern politisiert seit acht Jahren für die CVP auf Gemeinde- und Kantonsebene. In Sachen Nationalrat will sie es zum zweiten Mal wissen. 2003 beziffert sie ihre Chancen mit 30 Prozent.

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«Mehr Thurgau in Bern», «mehr Familie» und «eine starke Wirtschaft zur Sicherung der Sozialwerke» fordert sie im Kirchgemeindesaal. Ihr Wahlkampfbudget beträgt rund 30000 Franken, ihre grösste Geldquelle sind «die Kleinspenden». Unterstützt wird sie durch ein gratis arbeitendes Komitee von zehn Personen.

Ist ein Parlamentssitz käuflich?

Jetzt betritt Wahlkampfleiter Hans von Wyl die Bühne. 300 Helfer hat er mit seinem Team bereits mobilisiert, 500 sollen es werden. «Wir müssen enormen Einsatz leisten, um Brigitte überall bekannt zu machen», ruft er in den Saal. Für jeden, der gekommen ist, liegt ein Kuvert mit Einzahlungsschein und Werbematerial zum Weitergeben parat. Vorerst interessieren sich die Besucher aber vor allem für die offerierten Cervelats und Bratwürste.

Rund 50 Millionen Franken hat der Wahlkampf laut der Wirtschaftszeitung «Cash» vor vier Jahren gekostet das sind rund 25 Franken pro Wählerin und Wähler. Billig ist ein Sitz im Nationalrat nicht. Bei der Hälfte der 1999 Gewählten kostete der persönliche Wahlkampf, so die Umfrage von Jaques-Bosch, über 50000 Franken, bei jedem Zehnten sogar über 100000 Franken. Ist ein Parlamentssitz käuflich? Die Politikwissenschaft verneint: Etliche teure, aber erfolglose Kampagnen sprechen dagegen.

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Oskar Denzler, freisinniger Zürcher Kantonsrat, hat ein gedrängtes Programm: Morgens um neun Uhr fährt er mit dem Elektroscooter zum Heimspiel auf der Winterthurer Marktgasse vor, über Mittag steht in Zürich das Winzerfest der FDP-Stadtpartei an, nachmittags schüttelt er Hände am Herbstfest einer Behindertenstiftung.

Auf den Kampagnenporträts präsentiert sich der 53-Jährige krawattenlos im Ärztekittel neben Mikroskop und Röntgenbild. «Bern braucht einen Hausarzt», lautet sein Slogan. «Ich will mich nicht auf den reinen Politiker und hochgescheiten FDPler reduzieren lassen. Ich stehe mitten im Leben.» Denzlers Wahlhelfer Richard Ammann sagt: «Er ist bodennah und findet leicht den Draht zu den Leuten.»

«Ein paar Fränkli» nachschiessen

Auf diesen Merkmalen baut die Strategie seines PR-Profis auf. Oskar Denzler geht lieber an eine Chilbi und verteilt Schlüsselanhänger mit integriertem Pflästerli, als dass er sich auf einem Podium mit seinen Mitbewerberinnen und Mitbewerbern misst. Politische Botschaften liessen sich auch mit einem Schuss Humor transportieren, mit Ärztewitzen zum Beispiel, glaubt der Kandidat.

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Der Gesundheitspolitiker foutiert sich ums Sparen, wenn es ums Verkaufen seiner selbst geht. Neben den 30000 Franken, die bisher an Spenden aufgetrieben wurden, investiert Denzler 100000 Franken aus dem eigenen Sack in seinen Wahlkampf. Und «ein paar Fränkli» könne er «falls nötig» auch noch nachschiessen.

Was, wenn der aufwändige Spass nicht mehr bringt als nette Bekanntschaften und ein ehrenvolles Vorrücken auf dem Warteplatz? «Man kann es auch als längerfristige Investition ansehen. In vier Jahren sind wieder Wahlen», sagt Denzler.

Keine Frage. Ein paar Fränkli werden sich auch dann wieder finden lassen.

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