Verkäuferin Silvia Haltiner macht immer öfter diese Erfahrung: Die Kunden kommen in den Laden, schauen sich um, greifen nach den Preisschildern – und gehen wieder. «In Deutschland ist es billiger», schieben manche als Erklärung nach. «Viele Schweizer bringen ihren gesamten Zahltag über die Grenze. Das finde ich daneben», sagt die Kreuzlinger Verkäuferin. Ihr Chef Robert Mascanzoni, Leiter des Modegeschäfts Moda Romani im Kreuzlinger Einkaufszentrum Karussell, gibt sich kämpferisch: «Wir müssen einfach besser sein als die Geschäfte ennet der Grenze. Qualität und Beratung sind unsere Trümpfe.»

Doch Mascanzoni kämpft gegen einen übermächtigen Feind: den Wechselkurs des Frankens zum Euro. Der verlor in den letzten 18 Monaten rund einen Drittel an Wert. Das hat Konstanz in ein Shopping­paradies für Schweizer verwandelt.

Etwa das Einkaufszentrum Lago, am Rand der Grenzstadt. Hier werden Tag für Tag sonst biedere Eidgenossen zu enthemmten Kaufjunkies. Es geht um jeden Cent. Im Drogeriemarkt DM reichen die Schlangen auch an Werktagen bis weit in den Raum. Die Schweizer Kunden mit den vollen Einkaufskörben wollen das Zoll­formular, das zur Rück­erstattung der deutschen Mehrwertsteuer berechtigt. Allein die Beamten des Hauptzollamts Singen, zuständig für den Grenzabschnitt von Bad Säckingen bis Konstanz, stempelten dieses Jahr bereits knapp drei Millionen solche Ausfuhrbescheinigungen. Rund einen Fünftel mehr als im Vorjahreszeitraum.

Durchschnittliche Geldquote, wöchentlich aufgezeichnet zwischen Januar 2010 und August 2011

Quelle: OANDA; Infografik: Beobachter/MB

Quelle: Tanja Demarmels
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«Irgendwie über die Runden kommen»

Die deutsche Mehrwertsteuer liegt bei 19 Prozent und verbilligt somit den grenzüberschreitenden Einkauf zusätzlich zum bereits beträchtlichen Währungsgewinn um rund 16 Prozent – bei Beträgen bis zu 300 Franken, darüber immerhin noch um gut neun Prozent. «Einmal musste ich ein Formular für 20 Cent aus­füllen. Das ist doch irre!», sagt eine DM-Verkäuferin und zieht das Nivea-Shampoo für 1.45 Euro über den Barcode-Leser. In der Schweiz steht das gleiche Shampoo für Fr. 4.80 in den Regalen.

Nicht bloss den Shampookauf, sondern die ganzen Wochenbesorgungen ­erledigt die junge Familie Hermann aus Bischofszell. Der Einkauf kostet sie in der Schweiz 120 Franken. In Konstanz bezahlen sie gerade mal 40 Euro. «Wir müssen ­irgendwie über die Runden kommen. Da können wir leider keine Rücksicht nehmen auf das einheimische Gewerbe», sagt Olivia Hermann.

Manfred Noppel, Geschäftsführer des Einzelhandelsverbands Südbaden, reibt sich die Hände. «Die Geschäfte laufen überdurchschnittlich gut. Der Anteil der Schweizer Kunden hat sich in manchen Läden mehr als verdoppelt. So einen ­Anstieg hatten wir noch nie.» Besonders begehrt seien hochpreisige Einrichtungs­gegenstände und Elektronikprodukte. Auch der grenzüberschreitende Einkauf im Internet boomt: DHL, eine Tochter der Deutschen Post, lieferte im Januar und im Februar 2011 rund einen Viertel mehr ­Pakete in die Schweiz als im Vergleichszeitraum der beiden Vorjahre. Mediensprecherin Carolin Ganter: «Dieses Wachstum ist mit Sicherheit auf das günstige Verhältnis des Schweizer Frankens zum Euro zurückzuführen.»

Auf die Solidarität der Bevölkerung zählen

Die Geschäfte im Schweizer Grenzgebiet trifft der florierende Einkaufstourismus hart. Ralph Schär vom Kreuzlinger Ge­werbeverband spricht von «sehr schmerzhaften Einbussen». Es habe bereits erste Laden­schliessungen und Entlassungen gegeben. In Basel zog die Migros vor wenigen Wochen die Notbremse und halbierte als eine der Hauptmieterinnen ihre Laden­fläche im brandneuen – und grenznahen – Einkaufszentrum Stücki. Die Leitung des Zentrums mit 32'000 Quadratmetern Verkaufsfläche rechnete mit 300 Millionen ­Gesamtumsatz. Erreicht wurde selbst im vergangenen Jahr, als der Eurokurs noch nicht die aktuellen Tiefststände erreicht hatte, gerade mal die Hälfte.

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Bei den Handel- und Gewerbetreibenden entlang der Grenze liegen die Nerven blank. Als letzthin die SBB verbilligte Bil­lette nach Konstanz anboten, platzte Heinz Wendel der Kragen: «Warum muss aus­gerechnet ein hochsubventionierter Staatsbetrieb das Grenzshopping noch weiter ankurbeln?» Wendel, Geschäftsführer des Thurgauer Gewerbe­verbands, intervenierte. Ohne Erfolg. Die SBB reagierten erst, als die Aktion bereits zu Ende war. Wendel: «Gegen den harten Franken sind wir macht­­los. Wir können nichts tun, ausser auf die Solidarität der ­Bevölkerung zu zählen.»

Die grenznahen Betriebe sind nicht die einzigen Leidtragenden der extremen Wech­selkursentwicklung der letzten Monate. Mit der Exportwirtschaft, ihren Zuliefer­betrieben und dem Tourismus sitzt ein ­bedeutender Teil der Schweizer Volkswirtschaft in der Währungsfalle. Die Waren­exporte tragen allein 40 Prozent zum gesamten Bruttosozialprodukt bei. Zählt man die Dienstleistungsexporte hinzu, sind es sogar 50 Prozent. 44 Prozent der Waren­exporte entfallen auf die vier grossen EU-Länder Deutschland, Frankreich, Italien und Grossbritannien.

Der harte Franken bringt selbst ge­sunde und gut positionierte Unternehmen in Bedrängnis. Etwa die auf Sensortechnik spezialisierte Firma Sensirion in Stäfa. In nur zehn Jahren schaffte sie es vom ETH-Spin-off zum Hightechunternehmen, das für seine unternehmerischen Leistungen mehrfach ausgezeichnet wurde. «Eigentlich ginge es uns blendend. Aber der Wechselkurs macht vieles zunichte. Die Situa­tion ist sehr bitter», sagt Co-Geschäftsführer Moritz Lechner. Um Kosten zu sparen, seien viele Innovationsprojekte aufgeschoben worden. Die Folge: «Wenn das so weitergeht, verlieren wir nun den Innovationsvorsprung, den wir uns in den vergangenen Jahren erarbeitet hatten.» Nur weil die Firma hervorragend auf dem Markt posi­tioniert ist, können die Verluste durch die Währungen aufgefangen werden.

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Der Wechselkursentwicklung bei Euro und Dollar ist Sensirion praktisch schutzlos ausgeliefert. Banken bieten zwar Wechselkursfixierungen an, diese sind aber nur über einen Zeitraum von rund einem Jahr sinnvoll. Lechner: «Natürlich fixieren wir bei unseren Geschäften den Kurs, der Euro könnte ja noch tiefer fallen. Doch streng genommen zementieren wir damit nur das Elend. Bereits der aktuelle Kurs ist für exportierende Firmen eine Katastrophe.»

«Die Situation ist dramatisch»

Ähnlich wie Sensirion dürften viele Firmen die Innovationsleistungen heruntergefahren haben. Das Tückische dabei: Kurzfristig werden zwar Kosten eingespart. Mittel- bis langfristig verschlechtern sich jedoch die Aussichten der Firma, weil innovative Produkte fehlen werden. Wirtschaftsverbände fordern deshalb mehr Mittel für die staat­liche Förderagentur für Innovation KTI, die Unternehmer bei Forschung und Entwicklung unterstützt und den Aufbau von Jungunternehmen fördert.

Die Maschinen-, Elektro- und Metall­industrie trägt neun Prozent zur Wirtschaftsleistung des Landes bei und bietet 330'000 Arbeitsplätze. Sie trifft der harte Franken besonders, denn vier Fünftel ihrer Produkte gehen ins Ausland. In einer Umfrage des Dachverbands Swissmem bei seinen Mitgliedern gab über die Hälfte der Firmen an, von der Frankenstärke «stark negativ», ein Drittel «mittelmässig negativ» betroffen zu sein. Besonders brisant an den Ergebnissen: Die Um­frage fand im Januar statt, bei ­einem Eurokurs von knapp 1.30.

In der Umfrage bezifferte knapp die Hälfte der Firmen den wechselkursbedingten Margenverlust mit über sechs Prozentpunkten. In der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie lag die Durchschnittsmarge zuvor zwischen sechs und acht Prozent. Der Margenverlust führt ohne Gegenmassnahmen direkt in die Verlustzone. «Die ­Situation ist dramatisch. Wir gehen davon aus, dass rund ein Drittel unserer Unternehmen nur noch von der Substanz lebt», so Swissmem-Sprecher Ivo Zimmermann.

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Konjunkturforscher: Überraschend positiv

Bereits voll eingeschlagen hat die Krise beim Aluflaschenhersteller Sigg. 25 An­gestellte haben ihre Stelle verloren. Das Traditionsunternehmen exportiert 90 Prozent der Produktion, produziert aber alle Aluflaschen in der Schweiz. «Wir können nicht einfach die Arbeitsplätze ins Ausland verlagern, weil das ‹Made in Switzerland› Bestandteil unserer Marketingstrategie ist», sagt Sigg-Chef Walter Hinder. Statt­dessen hätten sie versucht, den währungsbedingten Umsatzrückgang von 25 Prozent mit einer massiven Kostensenkung zu kontern. Allerdings: «Irgendwann einmal ist auch bei der Kostenoptimierung das Ende der Fahnenstange erreicht.»

Gegen den Verlust ihrer Konkurrenz­fähigkeit durch die Wechselkursentwicklung wehren sich die Unternehmen nach Kräften. Doch nicht alle sind in der glücklichen Lage wie die Zahnrad- und Getriebefirma Sauter, Bachmann AG im glarnerischen Netstal. Sie hat dank hochpräzisen Zahn­rädern und Getrieben weltweit einen Namen und lieferte Komponenten für die «Ariane 5»-Rakete. Weil Sauter Bachmann im Januar 2011 eine italienische Produk­tionsfirma kaufte, kann sie einen Teil der kostenintensiven und von der Währungsproblematik betroffenen Produktion aus­lagern und im Moment auf Stellen­abbau im Heimwerk verzichten. Für den Indus­triestandort Schweiz haben die Sparmassnahmen trotzdem negative Folgen: «Wir haben unsere Einkaufspolitik radikal ge­ändert und kaufen vermehrt im Ausland ein», sagt Firmenchef Martin Sauter.

Vor dem Hintergrund der pessimistischen Einschätzungen aus Unternehmerkreisen erscheinen die jüngsten Wirtschaftsdaten und -prognosen überraschend positiv. Die Arbeitslosigkeit hielt sich im Juli mit 2,8 Prozent auf tiefem Niveau. Vor einem Jahr betrug die Quote noch 3,6 Prozent. Der Aussenhandel legte ­laut Statistik der Eidgenössischen Zoll­verwaltung trotz der sich verschärfenden Währungs­lage sogar zu. Die Exporte stiegen um 4,3 Prozent, die Importe um 2,7 Prozent. Die Uhren­industrie setzte im Vergleich zur Vorjahresperiode knapp einen Fünftel mehr ab. Die Metallindustrie exportierte immerhin fast zehn Prozent und die Maschinen- und Elektroindustrie acht Pro­zent mehr als vor Jahresfrist. Die Betriebe profitierten vor ­allem von der starken deutschen Wirtschaft, die für eine grosse Nachfrage nach Schweizer Industriegütern sorgte.

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Und die Konjunkturforscher bleiben optimistisch. Die Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich prognostiziert für das laufende Jahr zwar eine abneh­men­de Dynamik, rechnet aber nach wie vor mit einem Wachstum des Bruttoinlandprodukts von deutlich über zwei Prozent und einem Plus bei den Exporten von gar über fünf Prozent. «Wahrscheinlich werden wir unsere Prognose vom Juni mit 2,8 Prozent Wachstum nur leicht nach unten korrigieren, denn das erste Halbjahr ist ja bereits um, und die Zahlen sind gut», so KOF-Leiter Jan-Egbert Sturm. Er stützt seinen Optimismus vor ­allem auf die florierende Bauwirtschaft und den Roh­stoffhandel, dem der Frankenkurs nichts anhaben kann, weil die Waren im Ausland gekauft und verkauft werden. Ähnlich optimistisch sind die Forscher der BAK Basel Economics: «Wir rechnen für 2011 mit einem Wachstum des Brutto­inlandprodukts von zwei Prozent, weil sich die Wirtschaft 2010 kräftig erholte, was noch eine Weile nachwirkt. Für 2012 prognostizieren wir ein Wachstum von 1,5 Prozent.»

Der Widerspruch zwischen den Einschätzungen der Firmenchefs und jenen der Konjunkturforscher lässt sich leicht auflösen. In der Industrie liegen zwischen Bestellung und Auslieferung der Ware oft mehrere Monate. Im ersten Halbjahr haben die Firmen Aufträge abgearbeitet, die sie noch zu einem aus ihrer Sicht halbwegs akzeptablen Kurs hereinholten. Zu Jahresbeginn notierte der Euro noch um 1.30. «Das wahre Ausmass der negativen Wechselkurseffekte ist noch nicht offensichtlich, da diese zeitverzögert einsetzen. Ich befürchte, dass es zu Konkursen und zu Entlassungen kommt. Bereits Ende Jahr werden wir vermehrt erste Effekte sehen», sagt daher Swissmem-Präsident Hans Hess.

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Es ist paradox: Der harte Franken droht jetzt genau jene Standortvorteile zunichtezumachen, die ihn erst stark gemacht haben. Die Schweizer Währung hat in den letzten zwei Jahren nicht nur zu Euro und Dollar (siehe Grafik am Anfang des Artikels), sondern ­gegenüber fast allen Währungen der Welt an Wert gewonnen. Für diese historische Stärke gibt es langfristige, strukturelle Gründe. Die Schweiz hat im Vergleich zum EU-Raum und zu den USA seit Jahren eine tiefere Inflationsrate. Die geringe Geldentwertung steigert die Nachfrage nach dem Franken ebenso wie die hohe Produktivität der hiesigen Unternehmen und die volkswirtschaftliche Stabilität, die sich in niedriger Arbeitslosenquote, tiefer Staatsverschuldung und moderaten Steuern äussert. Die Schweiz gilt als «safe haven», als sicherer Hafen, viele Anleger flüchten aufgrund der grossen weltwirtschaftlichen Unsicherheiten in den Schweizer Franken. Hedge-Fonds und grosse Investmentbanken wie Goldman Sachs nutzen die Schweizer Währung für Spekulationsgeschäfte.

Je stärker sich der Franken in den vergangenen Wochen der Europarität näherte, umso lauter forderten Wirtschaftsexperten und Politiker Massnahmen. Die Frage ist bloss: Welche nützen etwas? Nach seinem eiligst zusammengerufenen runden Tisch vermochte Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann vergangene Woche noch nicht einmal griffige Massnahmen gegen die hohen Importpreise zu verkünden. «Ich habe deutlich gemacht, dass jetzt sofort etwas geschehen muss», sagte Schneider-Ammann an der Medienkonferenz. Doch geschehen ist wenig.

Dabei haben die Importeure von Markenartikeln die Schweizer Konsumenten in den letzten Jahren ausgenommen wie eine Weihnachtsgans. Sie bezahlten die Ware in Euro und verkauften sie in Franken weiter. Den Währungsgewinn strichen sie ein. Die Preismacht der internationalen Konzerne zeigt der Umstand, dass es selbst Detailhandelsriesen wie Coop oder Migros nicht schaffen, bei Markenartikeln an günstige Angebote zu kommen. Sie nennen haarsträubende Beispiele: Für manche Markenartikel mussten die beiden Schweizer Grossverteiler im Einkauf mehr bezahlen als der Endkunde in Deutschland. «Wir haben versucht, Markenartikel international über Deutschland zu beschaffen. Aber entweder waren die entsprechenden Mengen nicht verfügbar, oder der internationale Importeur beziehungsweise sein Konzern hat die Kanäle zugemacht, als er merkte, dass zu hohe Bestellmengen abgeflossen sind», so Migros-Chef Herbert Bolliger.

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Das Verteuerungswunder an der Grenze

Die Stiftung für Konsumentenschutz rief vor einem Monat Schweizer Touristen dazu auf, Produkte zu melden, die in Nachbarländern deutlich günstiger sind. Innert weniger Tage gingen 750 Meldungen mit rund 1000 Beispielen ein. Besonders krass etwa die «Chinohose» für Damen von Charles Vögele. Sie verteuert sich mehrwertsteuerbereinigt beim Grenzübertritt auf geheimnisvolle Weise um 104 Prozent, von 29.99 Euro auf Fr. 59.95. Nivea-Sonnencremen des deutschen Herstellers Beiersdorf kosten in der Schweiz im Laden ­etwa doppelt so viel wie in Deutschland, der Ikea-Heissluftofen Framtid OV9 ist in Deutschland 141 Prozent günstiger zu haben als in einer Schweizer Ikea-Filiale.

Importeure und Händler schleichen sich aus der Verantwortung, indem sie sich den Schwarzen Peter zuschieben. «Wir wissen aufgrund von Gesprächen, dass der grösste Teil unserer Mitglieder Währungsdifferenzen an die Händler weitergibt. Aus unserer Sicht sind es die Händler, die Währungsgewinne nicht vollumfänglich an die Konsumenten weiterreichen», sagt Patrick Eigenmann, Mediensprecher des Markenartikelverbands Promarca. Ganz anders sieht es Kaspar Engeli, Direktor des Dachverbands des Schweizer Handels VSIG Handel Schweiz: «Es sind oft ausländische Produzenten, die die Preise diktieren, in der Regel in Schweizer Franken. Viele Hersteller und Importeure haben die Preise nicht oder nur ungenügend gesenkt.»

Den originellsten Erklärungsversuch für die eklatanten Preisunterschiede star­tete Amag-Chef Morten Hannesbo. Amag importiert Autos der Marken VW, Skoda, Audi und Seat und hat jahrelang satte Gewinne eingefahren, indem sie den Kunden die Währungsgewinne vorenthielt. 2010 verzeichnete Amag das beste Betriebsergebnis aller Zeiten. Jetzt muss der schwankende Euro-Franken-Wechselkurs dafür her­hal­ten, dass Kursgewinne nicht weitergegeben werden konnten: «Nennen Sie mir einen festen Kurs für den Euro zum Franken, dann können wir auch mittelfristig planen und die Preise senken», so Hannesbo.

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«Spekulanten haben den längeren Atem»

Mit der Forderung nach einer Stabilisierung des Wechselkurses ordnet sich Hannesbo ein in eine länger werdende Reihe von Wirtschaftsexperten, Politikern und Unternehmern. Das Schreckgespenst der Europarität zum Franken löste selbst beim Economiesuisse-Präsidenten Gerold Bührer einen Meinungsumschwung aus. «In ausserordentlichen Lagen sollte im Inte­resse der Schweizer Wirtschaft und der Arbeitsplätze die Verfolgung eines Wechselkursziels nicht ausgeschlossen werden», so Bührer in einem Interview. Noch vor wenigen Wochen hatte die Economie­suisse-Doktrin ganz anders gelautet: «Es gibt kaum praktikable, kurzfristige Massnahmen gegen die Frankenstärke, die längerfristig keinen Schaden anrichten», nachzulesen im Economiesuisse-Dossier «Frankenstärke – was tun?» von Mitte Juli. Damals kostete ein Euro noch knapp Fr. 1.20.

Adressat der Forderung nach der Festlegung einer Wechselkurs-Untergrenze ist die Nationalbank. Sie soll mehr Franken drucken. Von der Ausweitung der Geldmenge und der aktiven Intervention an den Devisenmärkten durch Euroankäufe versprechen sich manche Experten eine nachhaltige Schwächung des Frankens. ­Allen voran Daniel Lampart. Der Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds sieht «einen gerechten Frankenkurs» bei mindestens Fr. 1.40 pro Euro. Bis dieser Stand erreicht ist, solle die Nationalbank im grossen Stil Euros kaufen.

Der emeritierte Wirtschaftsprofessor Walter Wittmann (siehe auch Artikel zum Thema «Unsere Währungspolitik ist fremdbestimmt») gehört zur schwindenden Zahl jener Experten, die nicht an den Erfolg dieser Massnahme glauben: «Das Risiko einer solchen Aktion ist viel zu hoch, der Effekt kaum nachhaltig. Die Spekulanten haben den längeren Atem.» Der streitbare Publizist, der bereits im Januar mit der Annäherung an die Parität in diesem Jahr rechnete, sieht weder für die Nationalbank noch für die Politik grossen Handlungsspielraum. Gegen die Ursache der Krise, die überschuldeten Staatshaushalte der EU und der USA, könne die Schweiz nichts tun, sagt Wittmann. «Selbst den grössten Optimisten gehen die Argumente aus.»

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Franken und Euro: Drei mögliche Szenarien für die weitere Entwicklung

Der Eurokurs steigt bis Ende Jahr wieder auf Fr. 1.25 oder gar Fr. 1.30, die Finanzmärkte beruhigen sich.

Die Exportindustrie erholt sich, auch aus ­Euroländern kommen wieder mehr Touristen. Der Volkswirtschaft insgesamt gehts so gut wie prognostiziert, die Arbeitslosigkeit bleibt auf tiefem Niveau stabil. Die Nationalbank reduziert die Geldmenge allmählich und erhöht die Zinssätze, um eine Immobi­lienblase zu verhindern.

Der Eurokurs schlingert weiter irgendwo zwischen Fr. 1.00 und Fr. 1.20, an den Börsen geht das Tohuwabohu weiter.

Mehrere exportorientierte Firmen verlagern die Produktion ins Ausland, die Zunahme von Touristen aus Asien vermag den Einbruch bei europäischen Gästen nicht voll wettzumachen, dafür sinken allmählich die Preise von Importgütern. Die Interventionen der Nationalbank zeigen wenig Wirkung, die Arbeitslosigkeit steigt etwas an, die Wachstumsprognose für 2012 muss nach unten korrigiert werden.

Der Euro sinkt auf einen Wechselkurs von eins zu eins oder gar darunter, verunsicherte Anleger verlegen ihr Geld in den «sicheren Hafen» Schweizer Franken.

Exportindustrie und Tourismus leiden massiv, die Arbeitslosigkeit steigt. Kurzfristig sinken zwar die Preise in der Schweiz, mittelfristig droht aber eine Inflation, weil die Nationalbank die Geldmenge massiv erhöht. Die fehlenden Unternehmensgewinne führen zu Steuerausfällen beim Staat; es droht eine Rezession.