Besser könnte die Nachricht zum diesjährigen «Internationalen Tag des Waldes» am 21. März nicht sein: Der Schweizer Wald wächst und zwar jährlich um 4800 Hektaren, was einer Fläche von rund 7500 Fussballfeldern entspricht.

Doch was den Laien positiv überrascht, verfolgen Fachleute mit Skepsis denn die Bäume spriessen meist nicht dort, wo man es gerne hätte. «Der Wald wächst vor allem in Höhenlagen über 1400 Meter, in steilem Gelände und auf verbuschten landwirtschaftlichen oder unproduktiven Flächen», sagt Urs-Beat Brändli von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft.

Ganz anders sieht es im dicht besiedelten Mittelland aus. «Hier kämpft man um jeden Baum», so Brändli. Der Siedlungsdruck ist enorm; immer mehr Tiere und Pflanzen verlieren ihren Lebensraum und sterben aus. Das zeigt ein Vergleich an ausgesuchten Flächen. Am wenigsten Arten wurden im östlichen und im westlichen Mittelland gezählt: bis zu 1000 weniger als am Ort mit der höchsten Artendichte.

In den dünn besiedelten Südtälern des Engadins und im Tessin hingegen schliesst sich die Walddecke zusehends.

Allein in der Alpenregion wuchs der Wald zwischen 1985 und 1995 um fast acht Prozent. Mit fatalen Folgen: «Vor allem im Bereich von Terrassenlandschaften sowie Magerwiesen und -weiden führt das Einwachsen zu grossen Verlusten bei der natürlichen Artenvielfalt», sagt Ueli Eggenberger vom Bündner Amt für Wald.

Anzeige

Rodung für viele zu Aufwändig

Für viele Vogel- und Pflanzenarten sind diese Standorte überlebenswichtig. Im Rahmen des Projekts Wiesen- und Weideräumung soll die Überwaldung eingedämmt werden subventioniert mit 3000 Franken pro Hektare. Einzige Bedingung: Die gerodete Fläche muss anschliessend als Wiese oder Weide genutzt werden.

Ein attraktives Angebot, müsste man eigentlich meinen. Doch bislang hält sich die Nachfrage in Grenzen: Viele Bergbauern scheuen sich vor dem aufwändigen Säubern der Alpweiden und dem Roden an steilen Borden.

«Holzt die Waldränder zurück, sonst verliert ihr eure Weiden!» Immer wieder habe er seine Berufskollegen gewarnt, sagt Alfred Zürcher, während 27 Jahren Präsident des Alphirtenverbands Emmental. Viel genützt hat es nicht: Die Bewirtschaftung der so genannten Grenzertragsflächen ist für viele Bauern zu mühsam geworden; der Wald erobert einst urbar gemachtes Land wieder zurück. So hat die landwirtschaftliche Nutzfläche in höher gelegenen Gebieten des Emmentals um bis zu 15 Prozent abgenommen.

Anzeige

Die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft der Berggebiete hat die Zeichen der Zeit erkannt: Sie fordert eine grundlegende Reform der Waldpolitik. Nur in Gebieten mit konstanter oder abnehmender Waldfläche soll der Forst geschützt bleiben. In den Berg- und Hügelregionen hingegen müsse der Wald «eingedämmt und gesteuert werden», Vorrang habe die «Erhaltung landwirtschaftlicher Nutzflächen».

Argumentiert wird ferner mit dem Sicherheitsaspekt. Denn je näher das Gehölz den Siedlungen rückt, desto gefährlicher wird es bei Waldbränden. Auch die Tourismusbranche hat wenig Freude an der Verwilderung der Alpen: Zu viele Bäume an den falschen Stellen versperren den Blick auf die Berglandschaft.

Seit 1860 hat sich der Wald um rund einen Drittel ausgedehnt; heute sind wieder 30 Prozent der Schweiz bewaldet. «Eine weitere Ausdehnung ist nur noch an bestimmten Stellen sinnvoll, so beim Schutzwald», erklärt der eidgenössische Forstdirektor Werner Schärer. «Grundsätzlich besitzt die Schweiz genug Wald.»

Anzeige
Dieses Bild kann nicht angezeigt werden.