Beobachter: Je tiefer der Euro fiel, desto mehr Politiker forderten eine energischere ­Intervention der Nationalbank. Sie auch?
Walter Wittmann: Nein, weil ich weiss, dass es nichts nützt. 2009 und 2010 kaufte die Nationalbank Euros und Dollars für fast 200 Milliarden Franken, und das hat nur zu Verlusten geführt. Der Trend zeigt ein­deutig nach unten, dagegen kann die ­Nationalbank nichts machen, denn die Spekulanten haben den längeren Atem.

Beobachter: Es gibt Krisengewinner wie die Importeure und die Einkaufstouristen, und es gibt Verlierer wie die Exportindustrie und den Tourismus. Ist die Lage insgesamt dramatisch?
Wittmann: Für die Exportwirtschaft ist die Lage existenzbedrohend; ihre Produkte haben sich in kurzer Zeit um 30 Prozent verteuert. ­Niemand hat eine so hohe Marge, also ­rutschen diese Firmen in die Verlustzone.

Beobachter: Aber ist die Schweiz nicht ohnehin kein Industriestandort mehr? Diese Entwicklung geht jetzt einfach ein bisschen schneller.
Wittmann: Ohne den starken Franken würde die Verlagerung von Arbeitsplätzen nicht oder ­sicher nicht so schnell stattfinden. Und vor allem ist diese Entwicklung unumkehrbar: Sind die Arbeitsplätze einmal weg, kommen sie nicht zurück. Die Exportindustrie ist für die Schweiz eminent wichtig, sie sorgt für fast die Hälfte des Bruttosozialprodukts. Wenn der Exportmotor nicht funktioniert, fehlt der Schweiz die Dynamik, denn die Binnenwirtschaft ist lahm.

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Beobachter: Viele Rezepte klingen einfach. Die Nationalbank kann Franken drucken, so viel sie will, und damit Euros kaufen. Das würde doch den Kurs beeinflussen.
Wittmann: Das kann sie, aber es braucht Hunderte von Milliarden, um wirklich Einfluss nehmen zu können. Das kann ein paar Tage lang gutgehen. Aber wenn sich die Spekulanten an den Börsen herausgefordert fühlen und weitermachen, sitzt die Nationalbank bald auf einem riesigen Schuldenberg. Das sind zwar zunächst nur Buchverluste, aber die Gelddruckerei würde mit­tel­fristig zwangsläufig zu einer Inflation führen. Die Nationalbank hat aber das vorrangige Ziel, den Geldwert stabil zu halten. Deshalb ist das Risiko einer solchen Aktion viel zu hoch, und der Effekt ist kaum nachhaltig.

Beobachter: Ein anderes Modell sieht vor, über einen Staatsfonds in ausländische Firmen zu ­investieren. Das klingt doch gut, dann haben wir mindestens etwas fürs Geld.
Wittmann: Die Frage ist nur, was das bringt. Faktisch würde das heissen, dass sich der Bund mit 100 Milliarden verschuldet und dafür auf Pump in Fremdwährungen spekuliert – unseriöser gehts kaum. Und wer legt die Anlagekriterien fest? Der Bundesrat? Eine parlamentarische Kommission ohne Sachverstand? Das klingt wie eine Idee aus der UBS-Marketingabteilung. Der Staatsfonds aus Singapur hatte übrigens im Jahr 2008 pro UBS-Aktie 53 Franken bezahlt – heute steht der Aktienkurs bei elf Franken. Ein tolles Investment!

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Beobachter: Mit Negativzinsen könnten ausländische Anleger bestraft werden, die in die Flucht­währung Schweizer Franken investieren wollen. Warum funktioniert das nicht?
Wittmann: Weil man diese Negativzinsen nur verlangen kann, wenn das Konto in der Schweiz ist, doch das macht nur einen Bruchteil aus. Sie können mit dem Handy von Grönland aus in New York ein Konto eröffnen und Schweizer Franken kaufen.

Beobachter: Der Bundesrat erwägt, die Importeure dazu zu zwingen, die Währungsgewinne weiterzugeben. Das wäre doch immerhin etwas.
Wittmann: Wenn der Staat festschreiben kann, wie gross die maximale Preisdifferenz eines Produkts gegenüber dem Ausland sein darf, ist das Planwirtschaft. Ausserdem dauert es mindestens zwei Jahre, bis eine Revision des Kartellgesetzes greifen würde. Der Bund könnte aber mit einem dring­lichen Bundesbeschluss sämtliche Zollschranken abbauen, so dass jeder frei aus dem Ausland importieren könnte. Das würde zu mehr Wettbewerb führen und wäre ein Befreiungsschlag.

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Beobachter: Konjunkturforscher sagen: So schlimm ists gar nicht, es wird «nur» das Wachstum etwas abgeschwächt. Warum fürchten Sie eine Rezession?
Wittmann: Alle Indikatoren zeigen nach unten. Im Moment stützt der Bauboom die Konjunktur noch, aber wenn die Immobilienblase platzt, ist die Krise da. Offizielle Prognosen sind immer auch davon beeinflusst, dass man eine Krise nicht voraussagen darf, um nicht zusätzlich Ängste auszulösen.

Beobachter: Kurz: Die Schweiz kann gar nichts tun?

Beobachter: Leider nein, ich habe keine Empfehlung. Gegen die Ursache, nämlich die Schuldenkrise in den USA und in der EU, kann die Schweiz nichts tun, unsere Währungspolitik ist fremdbestimmt. Da eine Lösung dieser Probleme in weiter Ferne ist, gehen den grössten Optimisten die Argumente aus. Mein nächstes Buch trägt den Arbeitstitel «Die Super-Krise hat schon begonnen».

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