3_00_rg_warmkalt.jpgDer kleine Junge hat Fieber. Aber das stört ihn kaum. Im Gegenteil, er singt sogar noch. Mami hat ihm ja ein kühlendes Pflaster auf die Stirn geklebt. Im Werbespot macht Fieber so beinahe Spass.

Hippokrates wäre dem Kleinen vermutlich staunend gegenübergestanden. Der griechische Arzt praktizierte 400 Jahre vor Christi Geburt und kannte weder Kühlpflaster noch Gefrierschränke noch Eiswürfel. Ein Heizkissen hatte er auch nicht. Doch schon der antike Mediziner empfahl Wärme bei Ischiasbeschwerden und lange kalte Bäder zur Behandlung von Schwellungen und Verstauchungen. Ob Wärmflasche oder Eisbeutel, Kurzwellenbestrahlung oder Kryotherapie: Wärme und Kälte bewähren sich bis heute bei der Therapie von Schmerzen oder Entzündungen.

Wirkung bis tief unter die Haut

Zur Entwicklung auf diesem Gebiet erklärt der Rheumatologe Heinz O. Hofer vom medizinischen Trainingszentrums der Klinik Hirslanden in Zürich: «Wir wissen heute sehr viel genauer, wie und warum Wärme und Kälte bei gewissen Leiden wirken. Ausserdem können wir Temperaturmanipulationen viel intensiver anwenden als der Kollege aus Griechenland.»

Lokale Temperaturveränderungen an der Hautoberfläche verursachen tiefer liegende Effekte. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen: Erhöht man die Hauttemperatur über dem Knie, erwärmt man auch das mehrere Zentimeter tiefer liegende Gelenk. Umgekehrt kühlt es dort deutlich ab, wo etwas Kaltes auf der Haut liegt. Die Temperaturveränderungen beeinflussen wiederum den Stoffwechsel der Gewebe und damit viele Krankheitsprozesse.

Wärme erweitert die Blutgefässe. Nährstoffe können dann rascher ins Gewebe geschafft, schädliche Stoffe schneller abtransportiert werden. Muskeln und Sehnen entspannen sich, ihre Elastizität nimmt zu. Wie schon Wilhelm Busch sagte: «Denn ein heisses Bügeleisen auf den kalten Leib gebracht, hat es wieder gut gemacht.»

So dramatisch muss es beim Wärmen heutzutage nicht mehr zugehen. Dank fortschrittlicher Technik stehen heute Heizkissen, Kurz- und Mikrowellen, Infrarotbestrahlung und Ultraschall zur Verfügung. Damit lässt sich jeder beliebige Körperteil erwärmen.

Feuchte Wärmeanwendungen mit Moor- oder vulkanischem Mineralschlamm (Fangopackungen) und Wickel öffnen die Poren der Haut. Dadurch können Mineralien oder Kräuter in die Tiefe dringen und den heilenden Temperatureffekt verstärken. Heiss geht es auch in der Sauna zu. Die Hitze ist nicht nur angenehm, sie bringt auch Herz und Kreislauf auf Hochtouren. Deshalb ist für Herzkranke beim Saunabaden Vorsicht geboten. Die Rücksprache mit dem Arzt lohnt sich.

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Weniger anstrengend für das Herz ist eine Infrarot- oder Biosauna. In der herkömmlichen Sauna führt heisse Luft zum Schwitzen. In der Biosauna erledigen dies Infrarotstrahlen. Diese dringen direkt in die Haut ein. Die Lufttemperatur erreicht höchstens 40 bis 60 Grad.

Nicht zu unterschätzen ist auch die Wirkung von warmer Kleidung oder Hilfsmitteln wie Rückenwärmern und Grossmutters Katzenfell. Die verschiedenen Formen von lokaler Wärmebehandlung eignen sich besonders zur Therapie von schmerzhaften Muskelverspannungen oder Arthrosen, degenerativen Gelenk- und Wirbelsäulenerkrankungen sowie Weichteilrheumatismus. Fehl am Platz sind Wärmtherapien an Gliedmassen mit Arterienverschlüssen, bei akuten Infektionen oder Blutungen, bei Krampfadern sowie bei Tuberkulose.

So wie Erwärmung viele Stoffwechselprozesse beschleunigt, bewirkt Kälte das Gegenteil: Sie bremst. Wie ein Bär im Winter verfällt abgekühltes Gewebe in eine Art Kälteschlaf. Dann geht alles langsamer, auch die Produktion von Entzündungsstoffen, die Schwellungen und Schmerzen verursachen. Deshalb wirkt Abkühlung besonders gut bei akuter und chronischer Gewebeschädigung. Zu lange sollte Kälte aber nicht angewendet werden. Grundsätzlich gilt: je kälter, desto kürzer.

Kühles Brunnenwasser eignet sich für kalte Bäder und Wickel heute noch genauso gut wie zu Hippokrates Zeiten. Aber inzwischen besitzen die Leute eher einen Kühlschrank als einen Brunnen und erzeugen kaltes Wasser mit Eiswürfeln. Etwas Alkohol im Wasser verlängert den kühlenden Effekt, denn der Alkohol entzieht der Haut Wärme, während er verdunstet. Aus zerkleinerten, in einen wasserdichten Plastiksack verpackten Eiswürfeln lässt sich rasch ein Eisbeutel herstellen. Einfacher in der Handhabung sind Kühlpackungen. Die mit einer leicht gefrierenden Chemikalie gefüllten Päckchen lassen sich verformen und an jeden Körperteil anpassen.

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Radikal wie Buschs Bügeleisen

Ob Eisbeutel oder Kühlpackung: Zwischen einer eisigen Masse und der Haut muss immer ein trockenes Tuch liegen, damit das Gewebe nicht erfriert. Die Kälteexposition sollte nicht länger als 15 bis höchstens 30 Minuten dauern. Angenehme und ungefährliche Kühle gibt es auch in Form von Sprays oder Gels.

Manche der modernen Behandlungsformen mit Kälte erscheinen ebenso radikal wie das heisse Bügeleisen aus Wilhelm Buschs Geschichte. Denn noch viel kälter als Eis, nämlich minus 140 bis 160 Grad, ist gasförmiger Stickstoff. Dieser darf höchstens drei Minuten lang auf den erkrankten Körperteil gesprüht werden, sonst erfriert die Haut.

In manchen Kliniken werden Patienten, die an chronisch entzündlichem Gelenkrheuma leiden (chronische Polyarthritis), zweimal täglich in minus 110 Grad kalte Kammern geschickt. Diese Kältekur dauert höchstens drei Minuten. Zur Ausrüstung gehören Ohren- und Mundschutz sowie Schutzkleidung an Händen und Füssen. Lässt ein Patient dieses Abenteuer mehrmals über sich ergehen, nehmen seine Schmerzen ab oft für viele Monate.

Kälte tut nicht nur Patienten mit entzündlichen Gelenkerkrankungen gut. Kühlung hilft auch bei Schwellungen und lindert Schmerzen bei akuten Verletzungen wie Prellungen und Zerrungen oder auch bei Insektenstichen und schwerem Sonnenbrand. Ausführliche Kältebehandlungen eignen sich nicht bei starken Arterienverkalkungen, Uberempfindlichkeit gegen Kälte, bestimmten immunologischen Erkrankungen und bei Nieren- oder Blasenleiden. Und: «Auf keinen Fall darf jemand während einer Kältebehandlung zu frieren beginnen», warnt Rheumatologe Hofer.

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Ob kalt oder warm: Die moderne Therapie mit Temperaturmanipulationen allein führt nur selten zur Heilung. Oft sind zusätzlich Medikamente, eine Physiotherapie oder gar eine Operation erforderlich.

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