Beobachter: Herr Gutermann, Sie reisen am 4. Mai zum internationalen Meteorologiekongress nach Genf. Können Sie bereits sagen, ob der Eröffnungsapero im Freien stattfinden wird?

Thomas Gutermann: Aus dem Stegreif kann ich das nicht. Im Prinzip können wir das Wetter auf eine so lange Dauer hinaus nicht voraussagen. Allerdings erstellt das europäische Rechenzentrum im englischen Reading, an das 18 nationale Wetterdienste angeschlossen sind, seit anderthalb Jahren saisonale Mittelfristprognosen jeweils auf etwa drei Monate hinaus. Die sind bis jetzt aber nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Beobachter: Kommt das Publikum dereinst auch in den Genuss dieser Prognosen?

Gutermann: Wenn sie noch genauer werden, ja. Das steht aber heute noch nicht fest. Wir errechnen schon seit längerer Zeit Wetterprognosen auf zehn Tage hinaus, veröffentlichen aber nur Fünftageprognosen. Nun prüfen wir, ob es künftig mittelfristige Prognosen für sieben oder acht Tage geben soll.

Beobachter: Wann kann man damit rechnen?

Gutermann: Spätestens im Verlauf des nächsten Jahres.

Beobachter: Führen Sie diese Neuerung ein, damit Ihnen die privaten Meteodienste nicht das Wasser abgraben?

Gutermann: Nein, die Privaten stützen sich auf die dieselben Grundlagen wie wir. Ausschlaggebend ist einzig die Qualität der Vorhersagen für einen längeren Zeitraum.

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Beobachter: Die Rekordfahrt von Ballonfahrer Bertrand Piccard hat gezeigt, dass sich meteorologische Verhältnisse offensichtlich auch auf einen längeren Zeitraum hinaus sehr genau «lesen» lassen.

Gutermann: Das war keine Langfristprognose. Im voraus bestimmten die Meteorologen lediglich, welche Jahreszeit die günstigste ist. Das Wesentliche waren aber die kurzfristigen Prognosen für die Winde in den verschiedenen Höhenlagen, in denen der Ballon die optimale Richtung und Geschwindigkeit fand. Angaben, wie sie Piccards Meteorologen verwendeten, braucht man auch für ganz normale Wetterprognosen.

Beobachter: Sie haben das europäische Rechenzentrum erwähnt, das Prognosen auf drei Monate hinaus liefern kann. Haben Sie demnach die grossen Schneefälle vom Februar schon lang vorausgesehen?

Stephan Bader: Wir erkannten einige Tage vorher die Entwicklung eines typischen Strömungsbilds. Es handelte sich um eine Nordwestströmung, die sehr konstant über Europa blieb. Wie sich das Wetter im Detail abspielt, lässt sich jedoch nicht drei Monate voraussehen.

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Beobachter: Also wurden auch Sie von den massiven Schneefällen überrascht?

Bader: Im Prinzip kann es in jedem Winter so viel Schnee geben. In den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren waren die Winter im Vergleich zu früher jeweils zu warm. Jetzt hatten wir wieder einmal einen «normalen» Winter, wie man ihn in den sechziger Jahren kannte.

Gutermann: Ein Winter allerdings, in dem eine spezielle Situation mit massiven Schneefällen auftrat. In diesem Sinn war der Winter schon nicht ganz «normal»...

Bader: Von der Schneemenge her wars sicher ein ziemlich heftiger Winter.

Beobachter: Was löst denn solche Extremsituationen aus, wie wir sie im Februar erlebten?

Gutermann: Extremereignisse haben einen hohen Zufallscharakter. Beispielsweise muss der Jetstream, der feuchte Luft aus dem Mittelmeerraum bringt, am richtigen Ort liegen. Zudem muss die Luft abgekühlt werden, damit es überhaupt Niederschläge gibt. Verschiedene Faktoren müssen zusammenspielen. Solche Konstellationen lassen sich heute längerfristig nicht präzis voraussagen. Erst wenn sich eine Wetterlage eingestellt hat, kann man die Situation kurzfristig abschätzen. Im Februar waren die mittelfristigen Prognosen ziemlich gut. Das hat vor allem den Schnee- und Lawinenfachleuten sehr geholfen.

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Beobachter: In den vergangenen Jahren hatte man den Eindruck, dass es immer häufiger extreme Wetterereignisse gibt.

Gutermann: Man muss sorgfältig zwischen den Wetterereignissen und den angerichteten Schäden unterscheiden. Tatsache ist, dass die Schadenssummen fast exponentiell zugenommen haben. Ob auch die Intensität der Wetterereignisse zugenommen hat, können wir nicht sagen, dazu fehlen uns signifikante Daten. Extremereignisse treten eben nur selten auf. So muss man vielleicht 200 oder 300 Jahre warten, bis man nur schon zehn schwere Lawinenwinter beisammen hat. Aus diesen zehn Wintern dann einen Trend abzulesen, das ist sehr heikel. Da sind die Erwartungen an uns wohl zu hoch.

Beobachter: Als Laie liest und hört man ständig von neuen Wetterrekorden: von der grössten je gemessenen Schneemenge zum Beispiel oder von der höchsten Windgeschwindigkeit. Steigen diese Extremwerte tatsächlich an, oder sind wir einfach stärker auf Rekorde fixiert?

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Gutermann: In der Meteorologie lässt sich jeden Tag ein Extremwert konstruieren, wenn man dies will. Man muss nur den richtigen Wert herauspicken. Findet man beispielsweise in einem schneearmen Winter keinen Rekordwert, dann nimmt man einfach noch zwei Winter dazu und schon hat man die Aussage, dass es in den vergangenen Jahren nie mehr drei so schneearme Winter hintereinander gegeben habe. Auflagezahlen und Einschaltquoten in den Medien lassen sich heute eben nur noch mit extremen Aussagen erreichen.

Beobachter: In diesem Zusammenhang ist ja auch immer wieder von der Klimaveränderung die Rede. Findet sie nun statt oder nicht?

Bader: Wir haben klare Indizien für eine Klimaveränderung. So sind beispielsweise die Alpengletscher seit 1850 um etwa die Hälfte zurückgegangen. Gletscher sind sehr gute «Klimazeiger», weil sie über mehrere Jahre das Klima «speichern». Messungen zeigen zudem, dass sich die Temperaturen in den vergangenen 100 Jahren verändert haben. Allerdings gibt es Gebiete, die sich sehr stark erwärmt haben, und solche, die heute tiefere Temperaturen aufweisen. Unsere Temperaturreihe von Zürich zeigt im Mittel eindeutig steigende Temperaturen. Es ist also eine Tatsache, dass sich das Klima im Verlauf der letzten 100 bis 150 Jahre verändert hat. Die Frage ist nur, weshalb.

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Beobachter: Bei der Temperaturentwicklung von Zürich fällt auf, dass es zu Beginn der fünfziger Jahre in einer wirtschaftlichen Boomphase also einen markanten Ausschlag nach oben gab. Weshalb?

Bader: Das ist in Mitteleuropa eine klassische Erscheinung. In Skandinavien gab es Ende der dreissiger Jahre einen solchen Ausschlag.

Beobachter: Lässt sich aus diesem Ausschlag ein Einfluss von menschlichen Aktivitäten auf das Klima herauslesen?

Bader: Aus einem einzelnen solchen Ausschlag nicht.

Gutermann: Wir würden solche Kurven sehr gern erklären, aber wir können es nicht. Uns fehlen dazu schlicht die Daten. Hätten wir diese, müssten wir allerdings noch die Computer haben, mit denen sie sich verwerten lassen...

Bader: ...und die Kenntnisse, um die Phänomene zu interpretieren denn die Atmosphäre ist ein hochkomplexes System.

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Beobachter: Lässt sich nach dem heutigen Kenntnisstand gar nichts über die Bedeutung der menschlichen Einflüsse sagen?

Bader: Sie lässt sich nur schätzen. Wahrscheinlich liegt der Einfluss des Menschen auf die Erwärmung der Erdoberfläche im Bereich von ungefähr 50 Prozent.

Beobachter: Und der Rest ist auf natürliche Klimaschwankungen zurückzuführen?

Bader: Genau.

Beobachter: Von Ihnen als Meteorologen ist also keine Warnung vor einer Klimakatastrophe zu erwarten?

Gutermann: Eine Warnung schon nur keine Vorhersage. Schliesslich wissen wir nicht, ob es wirklich dazu kommt.

Bader: Die Klimaforschung versucht, mit Modellrechnungen die Atmosphäre abzubilden. Viele physikalische Prozesse, die in der Atmosphäre ablaufen, sind aber noch ungenügend erforscht. Wir können deshalb nur Schätzungen abgeben. Sie stimmen aber in den meisten Modellen mehr oder weniger überein.

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Beobachter: Wachsen im Jahr 2050 Palmen in den Schweizer Alpen?

Bader: Nein, sicher nicht. Wir rechnen damit, dass die Wintertemperatur bis 2050 um anderthalb Grad steigen wird. Um soviel ist sie bereits in den vergangenen 100 Jahren angestiegen. Generell steigt die Temperaturkurve langsam an. Daneben gibt es aber auch kurzfristige Klimaänderungen, die stark schwanken und von Laien fälschlicherweise oft als Beginn eines neuen Klimatrends inter-pretiert werden.