Auf Schweizer Radio DRS meldet Meteoschweiz, dass es «im Osten noch etwas bewölkt sein wird». Die Wetterseite im «Blick» dagegen kündigt etwas Regen an, während der «Tages-Anzeiger» erste Sonnenstrahlen verheisst. Die Zeiten, als Wetterprognosen alleinige Sache der Schweizerischen Meteorologischen Anstalt (SMA) waren, sind Schnee von gestern. Das Geschäft in Schwung gebracht hat Jörg Kachelmann, einst Meteorologe ebendieser staatlichen SMA. Kachelmann mochte den Wetterbericht im Fernsehen nicht einfach trocken ablesen: «Ich wollte der Sache etwas Leben einhauchen», sagt er rückblickend. Damit waren die kachelmannschen «Blumenkohlwolken» geboren.

Seine neuartige Wetterpräsentation eroberte die Herzen der Zuschauer im Sturm. Wenn er es am Fernsehen «schiffen» statt «regnen» liess, amüsierte sich die ganze Nation. Plötzlich wollten auch Lokalradios einen Wetterbericht à la Kachelmann. Und die Zeitungen merkten ebenfalls, dass sie in Sachen Wetter mehr bieten mussten. Flugs gründete der smarte Wetterfrosch seine eigene Firma, die Meteomedia AG. Das war im Dezember 1994 – der Startschuss für das private Wettergeschäft.

Urs Keller, Meteorologe bei Meteoschweiz, erinnert sich: «Wir hatten Personalstopp, und gleichzeitig häuften sich die Anfragen nach speziellen Wetterbulletins. Kachelmann nutzte die Gunst der Stunde.» Sind die privaten Anbieter der Meteoschweiz ein Dorn im Auge? Äusserlich gibt man sich gelassen: «Wir können nicht alles abdecken», sagt Keller. «Vor allem fehlt es uns an geeigneten Moderatoren.»

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«Kachelfrosch» ging baden

Tatsächlich genügen gute Wetterprognosen heute nicht mehr. Mindestens ebenso wichtig ist die Präsentation. Denn das Wetter ist längst zum hart umkämpften Geschäft geworden, und auch die staatliche Meteoschweiz – so heisst die SMA seit April dieses Jahres – mischt kräftig mit. Sehr zum Missfallen der Privaten. Laut Kachelmann hat der amtliche Wetterdienst mit Dumpingpreisen «den Markt kaputtgemacht. Diese mit Steuergeldern finanzierte Institution kann es sich halt leisten, billig anzubieten.» Inzwischen ist in dieser Sache zwar die Wettbewerbskommission aktiv geworden – doch gegen deren Verfügung hat Meteoschweiz erfolgreich Beschwerde eingereicht.

Der grosse Gewinner zu Beginn des privaten «Wetterzeitalters» war zweifellos Jörg Kachelmann; in der Folge jedoch kachelte er mit Windstärke 6 in Richtung Deutschland. Verärgert über einen Bericht des «Sonntags-Blicks», warf Kachelmann bei Ringier den Bettel hin. Und als auch noch die Wetterwerbeshow im Schweizer Fenster von RTL baden ging, überliess «Kachelfrosch» – so sein Spitzname – den Schweizer Markt schmollend seinem einstigen Mitarbeiter Peter Wick. Heute arbeitet Kachelmann mit seiner Meteomedia AG (insgesamt 50 Mitarbeiter) fast ausschliesslich fürs deutsche Fernsehen.

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Wick hat es in nur drei Jahren geschafft, mit seiner Meteonews (12 Mitarbeiter) in der Schweiz zur Nummer eins der Privatanbieter zu werden. Zeitungen wie «Blick» und «Sonntags-Zeitung», fast alle grösseren Lokalradios und auch Tele 24 gehören inzwischen zur Kundschaft. Der Selfmademan Wick, ein Wirtschaftsfachmann mit abgeschlossener HWV-Ausbildung, ist seit frühster Jugend wetterverrückt. Bereits mit sieben Jahren betrieb er seine eigene Wetterstation und registrierte minutiös sämtliche Vorkommnisse.

Wetterpreise sind geheim

So ausführliche und präzise Daten Wick & Co. zum Wetter liefern: Wenn es um genaue Zahlen zum Schweizer Wettergeschäft geht, halten sie sich auffallend bedeckt. Die Preise für die Wetterprognosen sind geheim, weil die verschiedenen Kunden vom gleichen Wetteranbieter offensichtlich sehr unterschiedlich behandelt werden: Niemand soll wissen, was der andere bezahlt. Sicher ist nur: Die Zeitungen und Lokalradios lassen sich das Wetter jährlich zwischen 40000 und 200000 Franken kosten. Die regionalen Fernsehstationen müssen noch tiefer in den Sack greifen. Peter Wick lässt sich bezüglich Geld nur einen Satz entlocken: «Man kann davon leben, aber reich wird man nicht.»

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Unverhohlener Neid der Privaten

Das trifft auch auf TV-Wettermacher Thomas Bucheli zu. Er arbeitet als Angestellter von SF DRS und hat zusammen mit zwei Meteorologen und zwei Moderatorinnen ein Zwei-Millionen-Budget zur Verfügung. Noch mehr Mittel besitzt der amtliche Wetterriese Meteoschweiz. Mit 250 Beschäftigten und 60 Millionen Franken herrscht dort sicher eitel Sonnen-

schein – möchte man meinen.

Doch die Mitarbeiter von Meteoschweiz winken ab. «Wir sind am Anschlag», erklären Urs Keller und sein Kollege Felix Schacher unisono. Und wecken trotzdem Neid. Peter Wick: «Wenn mir dieser Laden gehören würde – nicht auszudenken, was ich damit anfangen könnte.» Auch Jörg Kachelmann findet für seinen einstigen Arbeitgeber keine lobenden Worte: «Der Einzige, der dort noch am Leben war, ist Thomas Bucheli.»

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Mögen die privaten Wetterfrösche auch wenig von der Meteoschweiz halten – auf sie angewiesen sind sie dennoch. Denn sie müssen dort die wichtigsten Wetterdaten kaufen; das ist eine Auflage der Weltorganisation für Meteorologie. Ein teurer Spass: Der Chef der Berner Firma Meteotest nannte gegenüber dem Wirtschaftsblatt «Cash» eine Summe von 25000 Franken – pro Monat. Jörg Kachelmann sagt, dass er jährlich etwa eine Million Franken für solche Daten hinblättere, allerdings nicht nur für Dienste der Meteoschweiz.

Führen gleiche Daten auch zu gleichen Prognosen? Von wegen! Da die Meteorologie keine exakte Wissenschaft ist, lässt sie verschiedene Interpretationen zu. Peter Wick schätzt den Erfahrungsspielraum auf 30 bis 40 Prozent. Nicht selten spielt auch eine Rolle, wie sehr der verantwortliche Meteorologe in Form ist. Als Entscheidungshilfen für die Prognose stehen ihm aktuelle Messwerte der Messstationen, Satelliten- und Radarbilder sowie die Berechnungen der diversen Wettervorhersagemodelle zur Verfügung.

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Schweizer Modell

Um die Vorgänge im Alpenraum besser simulieren zu können, hat die Meteoschweiz zusammen mit dem Deutschen Wetterdienst ein spezielles Modell entwickelt, das an der ETH Zürich errechnet wird. Noch in diesem Jahr ist eine weitere Verfeinerung des Modells geplant. So oder so lässt sich aber die Wetterentwicklung zurzeit auf höchstens fünf Tage hinaus mit einiger Sicherheit voraussagen.

Doch wenn es um die Präsentation dieser Prognosen in Fernsehen und Radio geht, haben die privaten Wetterfrösche eindeutig die Nase vorn. Sie kommen mit ihren lebendig und frisch moderierten Wettervorhersagen beim Publikum weit besser an als die Kollegen von Meteoschweiz. Dass deren Prognosen oft so farblos und dürr wirken, hat einen triftigen Grund. Und der heisst: «automatische Erfolgskontrolle».

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Hohe Trefferquote

Damit die Treffsicherheit der Prognosen ermittelt werden kann, dürfen Meteoschweiz-Moderatorinnen und -Moderatoren nur exakt vorgeschriebene Formulierungen verwenden. Also nichts da mit «Blumenkohlwolken» und «schiffen». Die Formulierungen sind mit Codes versehen, mit deren Hilfe dann das Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie ermittelt, wie gross die Trefferquote gewesen ist. Die Trefferquote von Meteoschweiz betrug letztes Jahr 84 Prozent.

Solche Zahlen kümmern die privaten Wetteranbieter wenig. Thomas Bucheli sagt es so: «Was wirklich zählt, sind zufriedene Zuschauer.»

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