Unter der Bundeshauskuppel geht das Rotkäppchen um,

wenn am 23. September im Nationalrat die Motion «Erlebnis

Natur. Ohne Wölfe» zur Debatte steht. Mit dieser

Vorlage nimmt der Bündner CVP-Ständerat und -Kantonalpräsident

Theo Maissen, 58, den Wolf ins Visier. Er fordert den Bundesrat

auf, das Raubtier von der Liste der geschützten Tiere

zu streichen. Der Wolf, so der Christdemokrat, gehe mit seinen

Opfern vor allem Schafen «äusserst

brutal» und «ethisch nicht vertretbar» um

und könnte auch Touristen verschrecken.

Der Ständerat schwenkte ein und hat die Motion Maissen

im letzten Dezember mit 18 zu neun Stimmen überwiesen.

Einen Kompromiss schlägt nun die Umweltkommission (Urek)

des Nationalrats vor: Mit elf zu sieben Stimmen bei drei Enthaltungen

nimmt sie den Wolf zwar in Schutz, fordert aber zugleich in

einem Postulat, die Bezeichnung «streng geschützt»

zu lockern. Spricht sich der Nationalrat schliesslich für

die Motion aus, wäre der Canis lupus zum Abschuss freigegeben.

Und die Schweiz das einzige Land Europas, das die Jagd auf

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eine weltweit gefährdete Tierart politisch absegnet.

Umwelt- und Naturschützer schlagen Alarm. WWF und

Pro Natura haben in nur zwei Monaten 68467 Unterschriften

zum Schutz des Wolfs gesammelt. In ihrer Petition rufen die

beiden Organisationen die Mitglieder des Nationalrats auf,

den Entscheid des Ständerats rückgängig zu

machen. Das entspräche auch der Stimmung in der Bevölkerung.

In einer vom WWF in Auftrag gegebenen repräsentativen

Umfrage sprechen sich 84 Prozent dafür aus, den Wolf

in den Schweizer Alpen wieder heimisch werden zu lassen.

«Die Annahme der Motion Maissen wäre für

die Schweiz eine absolute Peinlichkeit», sagt Rico Kessler,

Projektleiter Umweltpolitik von Pro Natura. Es müss-ten

nicht nur schweizerische Gesetze angepasst, sondern auch internationale

Verträge gekündigt werden so die in der Schweiz

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am 1. Juli 1982 in Kraft getretene Berner Konvention über

die Erhaltung der Artenvielfalt von Tieren und Pflanzen. Sie

wurde von 45 Staaten unterzeichnet und stellt den Wolf als

gefährdete Art international unter Schutz.

Allerdings hat die Berner Konvention auch bisher hierzulande

dem Wolf wenig genützt: Von den acht aktenkundigen Wölfen,

die seit 1995 im Alleingang von Italien her einwanderten,

ist keiner mehr da. Sie sind verunfallt, wieder abgezogen,

illegal abgeschossen oder mit amtlicher Bewilligung erlegt

worden, wenn sie mehr als 50 Nutztiere gerissen haben.

Paradox: Wenn bei uns ein geschütztes Tier mit dem

Segen der Behörden abgeschossen wird, hält sich

selbst bei den Lobbyisten die Empörung in Grenzen. Machen

jedoch in Afrika die Einheimischen den Elefanten ihren Lebensraum

streitig, geht ein Aufschrei durch das Heer der Tierfreunde.

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Monica Borner, verantwortlich für die Afrika- und Asienprojekte

beim WWF Schweiz, weiss, dass grosse exotische Tiere wie Elefanten,

Wale oder Löwen bei den Mitgliedern Sympathieträger

sind. «Die Leute sind entsetzt, wenn ihren Lieblingstieren

etwas zustösst», sagt sie.

Engagiert tritt die Schweiz auch für den Schutz der

Meeressäuger ein. Eine offizielle Delegation aus Bern

hat bei der 54. Jahrestagung der Internationalen Walfangkommission

(IWC) Ende Mai das Moratorium für den kommerziellen Walfang

unterstützt. Ein lobenswertes Engagement in der Ferne.

Bleibt zu hoffen, dass jetzt, da es um die Tierwelt zu Hause

geht, die Parlamentarier mit den Wölfen heulen.

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