Durch die verschneiten Wälder der Lombachalp BE geistert ein imposanter Vogel, um den sich viele Sagen ranken. Kaum jemand sieht ihn je, nur Spuren verraten seine Anwesenheit. Das Auerhuhn ist der Schatz der Alp – und ein Zeichen, wie intakt die Natur nördlich des Brienzersees noch ist. Wie viele Hähne noch balzen, weiss indes niemand so genau. «Wir zählen sie nicht, weil jede Störung eine zu viel sein könnte», sagt der Wildtierbiologe Paul Ingold.

Hühner unter Stress

Dass das Auerhuhn auf der Lombachalp noch ungestörte Gebiete findet, ist keine Selbstverständlichkeit. Wie in vielen Gebieten nahm der Freizeitrummel auch hier stetig zu. Ausgerechnet umweltbewusste Natursportler brachten die Tiere in Bedrängnis. «Schneeschuhwanderer und Skitourengänger, die kreuz und quer durch den Wald marschieren, stören die alpinen Tiere viel mehr als Sportler, die sich auf Skipisten bewegen», sagt Ingold. Das Auerhuhn wurde immer mehr verdrängt, und auch andere Tiere gerieten unter Stress: Die Birkhuhnbestände sanken, die Hirsche versteckten sich im Wald, und Steinböcke und Gämsen mussten mehrmals täglich flüchten, was jedes Mal lebenswichtige Energie kostete. Deshalb setzte die Gemeinde Habkern vor drei Jahren ein kluges Nutzungskonzept mit attraktiven Alternativrouten für Wintersportler in Kraft. Seitdem halten sich die Schneeschuhwanderer an offizielle Trails, die Loipen führen an den wertvollen Wäldern vorbei, und auch die Tourenfahrer bewegen sich nur noch in gewissen Zonen. Tafeln informieren über die Naturwerte, und ein Ranger steht für Auskünfte zur Verfügung. Den Sportlern brachte das neue Konzept zwar ein paar Einschränkungen, dafür können sie sich heute ohne schlechtes Gewissen an einer intakten Natur erfreuen.

Auch in anderen Gebieten macht man sich Gedanken über einen besseren Schutz der Tiere. Denn beim Auer- und Birkhuhn zum Beispiel sind die Störungen einer der Hauptgründe für die Bestandsabnahmen. Nur noch 500 Auerhähne werden in der Schweiz gezählt. Durchdachte Lenkungskonzepte wie auf der Lombachalp haben Gemeinden und Kantone allerdings erst wenige eingerichtet. Sie setzen zurzeit lieber auf neue Verbotsschilder.

Vorreiter ist der Kanton Graubünden, der bereits 240 Wildruhezonen eingerichtet hat, die man nicht mehr betreten darf. Ähnliche Flächen scheiden zurzeit die Kantone Uri, Ob- und Nidwalden, Schwyz, Appenzell Ausserrhoden, St. Gallen, Wallis, Bern und Luzern aus. Und Anfang Dezember startet das Bundesamt für Umwelt zusammen mit Partnern die Kampagne «RespekTIERE deine Grenzen». Ziel ist es, die Sportler mit Flyern, Spots und Kursen zu sensibilisieren. Zudem sollen Hunderte weiterer Tafeln aufgestellt werden.

Schutz beginnt mit Planung

In weniger sensiblen Gebieten genügen wohl einige Schilder, damit wieder Ruhe einkehrt. Anders sieht es in wertvollen Gebieten aus, die für die Sportler leicht zugänglich sind. Eine Studie des Ennetbadener Ökobüros Burger & Liechti zeigt nämlich, dass Tafeln kaum beachtet werden, wenn keine Alternativrouten wie zum Beispiel Schneeschuhtrails angeboten werden. Die Forscher befragten Schneeschuhläufer und beobachteten, wie sie sich verhielten. 90 Prozent gaben an, sie würden die Verbote respektieren – doch nur die Hälfte nahm die Einschränkungen dann auch in Kauf. «Viele planen ihre Route im Voraus und sind dann nicht gewillt, vom Plan abzuweichen», sagt Tobias Liechti von Burger & Liechti. Esther Hegglin von Mountain Wilderness ergänzt: «Wenn man nur Verbote macht und kein Angebot an Routen schafft, werden die Verbote natürlich missachtet.»

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Vor allem aber sind sich alle Experten einig, dass die Informationen schon bei der Planung des Ausflugs verfügbar sein sollten. «Die Sportler müssen schon zu Hause einfach erfahren können, wo sie wildtierverträglich in die Natur gehen können», sagt Urs Tester von Pro Natura. Davon ist man aber – trotz Wildruhezonen und einer neuen Kampagne – noch weit entfernt. So haben erst Graubünden und Obwalden Karten ihrer Schutzgebiete ins Netz gestellt. Und auf Tourenführer ist oft kein Verlass. In einem der bekanntesten Schneeschuhführer gehen zum Beispiel acht von 50 Touren durch Auerhuhngebiete.

Auf der Lombachalp ist die Sache seit drei Jahren klar. «Das Lenkungskonzept bewährt sich», sagt Paul Imhof. Es habe sich aber gezeigt, dass es ohne Ranger wohl nicht gehen würde.

So wirken sich sportliche Aktivitäten auf die Wildtiere aus

Schneeschuhwandern: Schon wenige einzelne Schneeschuhwanderer können auf grosser Fläche Störungen verursachen. Die Routen führen oft durch die Lebensräume der Auer-, Birk- und Haselhühner. Daher ist es wichtig, sich an die Wege oder offiziellen Routen zu halten und den Waldrand zu meiden. Am besten informiert man sich schon bei der Routenplanung über die Naturwerte des jeweiligen Gebiets.

Tourenski-, Variantenfahren und Freeriden: Der Einfluss auf die Wildtiere ist vor allem im Wald und an der Waldgrenze hoch. Der Aufstieg sollte daher auf einer vielbegangenen Route stattfinden, die Abfahrt nicht durch den Wald führen. Oberhalb der Waldgrenze ist das Störungspotential geringer; meiden Sie aber felsiges Gelände oder Hänge mit schneefreien Stellen. Dort versammeln sich die Wildtiere besonders gerne.

Pistenskifahren, Snowboarden: Auf den markierten Pisten sind die Störungen vergleichsweise gering.

Langlaufen: Weil Langlaufen an die Loipen gebunden ist, werden die Wildtiere kaum gestört.

Wandern: Wenn Wanderer die Wege nicht verlassen, ist der Einfluss auf die Wildtiere klein. Ein zu dichtes Wegnetz kann aber ein Gebiet als Lebensraum für störungsanfällige Tiere entwerten.

Mountainbiken: Solange die Sportler auf den Bike-Routen bleiben, stören sie die Tiere wenig. Gravierender sind Abfahrten abseits der Wege. Weil Mountainbiker viel schneller sind als Wanderer, werden die Tiere eher überrascht und gestresst.

Orientierungslaufen: Orientierungsläufe können vor allem im Winter und zur Brutzeit für die Tiere eine grosse Belastung sein. In sensiblen Gebieten sollten dann keine Läufe durchgeführt werden. Informationen sind bei der Wildhut oder bei den Naturschutzämtern erhältlich.

Hängegleiten: Je nach Gebiet können die Störungen für die Wildtiere sehr gross sein. Die Huftiere fliehen in den Wald, und jede Flucht kostet sie viel Energie. Die bekannten Einstandsgebiete der Huftiere sollten daher im Winter und Frühling nicht überflogen werden. Informationen erhält man bei der Wildhut oder bei den Naturschutzämtern.

Weitere Infos

www.natursport.info: Infos über Tiere und Natursportarten
www.mountainwilderness.ch/touren: Linkliste für die tierschonende Routenplanung