Als ehemalige Swissair-Flugbegleiterin ist die Frau den souveränen Umgang mit der Business-Class gewohnt. Die obersten Schweizer Banker konnten noch so hoch auf dem Podium thronen. Unbeeindruckt, mit erstaunlicher Ruhe und gekonnt suggestiv las die Frau im weissen Jackett und dem perfekt drapierten schwarz-weissen Foulard dem vollbesetzten Aktionärssaal den Vorwurf vor, der derzeit die gesamte Schweiz umtreibt: «Wenn Sie auch meiner Meinung sind, dass die Manager zu viel verdienen, dann heben Sie die Hand», rief Brigitta Moser den weit über 2000 anwesenden UBS-Aktionären zu. Die Generalversammlung wurde kurzfristig zur Landsgemeinde. Wenigstens optisch galt hier für einmal: eine Aktionärin – eine Stimme. Und die versammelte Aktionärsgemeinde liess sich auch nicht lange bitten und reckte mit grosser Mehrheit den Entscheidungsträgern der grössten Schweizer Bank ihre Hände entgegen.

Die Bosse geben sich unbeirrt
Die Bankoberen kümmerte dies freilich wenig. Die von späteren Rednern als obszön bezeichneten 158,4 Millionen Franken Jahreslohn für die höchsten 13 UBS-Banker mochte sogar wirtschaftsfeurige Shareholder aus der Fassung bringen. Doch für die Verantwortlichen war es GV-Business as usual. Kraft der Aktienstimmen der Mehrheitsaktionäre wurde dem Verwaltungsrat und dem 18-Millionen-Franken-Mann Marcel Ospel Décharge erteilt.

Immerhin kam der sonst betont kostenbewusste Verwaltungsratspräsident Ospel auf die Frage, weshalb er vierzigmal mehr als ein Bundesrat verdienen muss, an der Generalversammlung zumindest verbal in höchste Nöte. Die UBS-Geschäftsleitung hatte den 26'000 Angestellten in der Schweiz wenige Wochen zuvor mitteilen lassen, dass die Bank ab Januar 2005 Beiträge an die Krankenkasse aufhebt und vergünstigte Bezüge von Firmenaktien abschafft. Die Begründung der Firma, die gerade stolz ein Rekordergebnis von sechs Milliarden Franken verkündet hatte: «Wir müssen auch zukünftig unsere Kosten strikte bewirtschaften.»

Die Aktionärin, die sich an der GV um den sozialen Zusammenhalt in der Schweiz und den sich immer tiefer öffnenden Einkommensgraben Gedanken machte, durfte sich hingegen lauten Beifall der anwesenden UBS-Inhaber abholen.

Was unter den Aktionären heute für gewaltigen Unmut sorgt, stösst den Mitarbeitenden längst sauer auf. Bei Topleuten und Fussvolk werde mit zwei Ellen gemessen, beschweren sich hinter vorgehaltener Hand unzufriedene Angestellte über die ungehemmte Abräumermentalität in den Banker-Führungsetagen: «Während die Verwaltungsräte im letzten Jahr durchschnittlich 20 Prozent mehr verdient haben und der Präsident sogar 50 Prozent mehr, müssen wir faktisch eine Lohnreduktion in Kauf nehmen», klagt ein UBS-Angestellter gegenüber dem Beobachter.

Die Rhetorik wird zur Heuchelei
Auch die anderen internationalen Schweizer Unternehmen gehen nach dem gleichen Schema vor: Angestellte müssen den Gürtel enger schnallen und um ihre Jobs fürchten, während die Jahressaläre der Chefs immer astronomischere Ausmasse annehmen: 19 Millionen für Daniel Vasella von Novartis, 12 Millionen für Nestlé-Boss Peter Brabeck, 12 Millionen für Franz Humer von Roche, 8 Millionen für CS-Präsident Walter Kielholz, 1,5 Millionen für Swisscom-Chef Jens Alder. 310-mal den Lohn einer Sekretärin (Vasella), 166-mal die Arbeit eines Kreditsachbearbeiters (Ospel) oder 120-mal den Verdienst eines Kantinenkochs (Brabeck).

Der in keinem Einstellungsgespräch und in keiner Bilanzpräsentationsrede fehlende Satz von den «Menschen als wichtigster Ressource» erscheint deshalb vielen im Land mittlerweile als pure Heuchelei. Das Personal ist für die Manager und die Grossaktionäre vor allem zu einem leidigen Kostenfaktor geworden.

Der Frust über den endgültigen Zerfall von Anstand und Ethik in der Wirtschaft artikuliert sich inzwischen auch in den erlauchten Kreisen der ehemaligen Führungselite. Alex Krauer, Grandseigneur der Schweizer Wirtschaft und direkter Vorgänger von Marcel Ospel bei der UBS, fordert von den Konzernchefs mehr «Sinn für Mass» und weist auf die Gefahr unternehmerischer Fehlentscheide hin, wenn diese ihre Motivation vor allem aus Megasalären schöpfen, die an den Börsenwert ihres Unternehmens geknüpft sind. Und Helmut Maucher, bis 2000 Verwaltungsratspräsident von Nestlé, fragt: «Wie sollen Menschen harte Restrukturierungsmassnahmen oder den Abbau von Sozialleistungen begreifen, wenn der Chef gleichzeitig übertriebene Summen kassiert?»

Lange hatte der ehemalige Oerlikon-Bührle-Chef Hans Widmer gezögert, seinen längst geschriebenen Artikel über die grassierende Masslosigkeit der Manager zu publizieren. Erst als UBS-CEO Peter Wuffli in der NZZ ausführte, dass ohne zweistelliges Millionensalär kein anständiger Wirtschaftslenker mehr zu finden sei, platzte dem langjährigen McKinsey-Mann Widmer der Kragen. Die NZZ veröffentlichte dann Widmers Warnung vor der Abzockermentalität unter dem Titel «Schwache Seelen im Selbstbedienungsladen». Und selbst der erzliberale FDP-alt-Bundesrat Rudolf Friedrich meldet sich mit einer Mahnung an den Anstand der Mächtigen in der Wirtschaft zu Wort.

Die Kleinen werden deutlicher
Laut und sehr konkret erschallen die kritischen Stimmen verschiedener Vertreter von kleineren und mittleren Betrieben. Ein Mundwasserfabrikant namens Thomas Minder aus Neuhausen SH verurteilt in landesweiten Inseraten die Millionengehälter «aufs Schärfste, nicht nur ethisch und moralisch, sie widersprechen auch elementaren Führungsprinzipien von Vorgesetzten gegenüber Mitarbeitern».

Der Konsens zwischen Arm und Reich, Selbstständig und Angestellt, Arbeiter und Arbeitgeber – eine Haupttriebfeder der Schweizer Wirtschaftserfolgsgeschichte – läuft nach Ansicht von verschiedenen Firmenchefs Gefahr, zum Auslaufmodell zu werden. «Ich habe Angst, dass die Kluft zwischen Normal- und Topverdienern zum Problem wird», sagt beispielsweise der Geschäftsleitungsvorsitzende der Raiffeisen-Bank, Pierin Vincenz. Vincenz betont, wie wenig er sich die US-Gesellschaftsverhältnisse für die Schweiz wünscht.

Ausgestattet mit reichlich Realitätsbezug und Bodennähe, wollen die KMU-Chefs nicht tatenlos zusehen, wie das Wort «Unternehmer» zum Schimpfwort verkommt. Unterstützt von Wissenschaftlern organisieren sich diese Unternehmerstimmen, die nach dem grossen neoliberalen Fressen das dringliche Comeback der ökonomischen Moral einfordern.

Gefordert sind auch die Besitzer
Auch diejenigen Eigentümer, die lediglich nach isoliertem Auf und Ab der Aktienkursentwicklung schielen, werden mit in die Verantwortung eingebunden. «Es ist nicht gut, Sparmassnahmen zu verordnen, wenn gleichzeitig die Lohnspanne im Unternehmen immer grösser wird», sagt der Sozialpsychologe und emeritierte Professor Mario von Cranach. «Es gibt viele Wirtschaftsführer und Unternehmer, die sich um faire Lösungen für ihre Mitarbeiter bemühen, dann aber auf Druck der Kapitalgeber gegen ihren Willen handeln müssen», erklärt von Cranach. Er muss es wissen. Der pragmatische Professor ist auch Präsident des «Netzwerks für sozial verantwortliche Wirtschaft», eines Zusammenschlusses von über 200 Firmen, Professoren und Organisationen, die sich zu ihrer gesellschaftlichen Verantwortung als Wirtschaftsakteure bekennen.

Von Cranach macht auch deutlich, welche unter den Managern ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft nicht wahrnehmen: «Wer Leute entlässt, obwohl er schwarze Zahlen schreibt, Arbeitsplätze aus Kostengründen ins Ausland auslagert oder gut gehende Firmen schliesst, um Konkurrenten loszuwerden, handelt unverantwortlich.»

Von Cranach erklärt, weshalb es wichtig ist, dass sich die sozial verantwortlichen Kräfte im Land nun organisieren: «Die Schweiz ist in einer schwierigen Situation, das neoliberale Programm in seiner radikalen Form schadet dem Land, deswegen brauchen wir ein Gegengewicht.» Die Gesellschaft beruhe auf einem Mindestmass an Gleichheit bezüglich Einkommen, Vermögen und Bildung. Dieses sei aber momentan in Gefahr. Die verantwortungsvollen Wirtschaftskräfte im Land hätten sich gegen die Bedrohungen durch einen enthemmten Markt nicht ausreichend zur Wehr gesetzt.

Zwischen Gewinn und Verantwortung
Bis vor wenigen Jahren standen in der Debatte über das gesellschaftsverträgliche Wirtschaften der Zukunft vor allem ökologische Fragen im Zentrum. Die Empörung über die sozialen Auswüchse des Systems und der damit verbundene Druck aus der Öffentlichkeit zwingen die Unternehmen aber, sich vermehrt auch mit sozialen Themen zu beschäftigen.

«Natürlich haben Unternehmen auch eine gesellschaftliche Pflicht, Gewinn zu machen», sagt von Cranach. Darüber hinaus hätten sich die Unternehmer aber auch um die Region und die Gesellschaft zu sorgen, in die sie eingebettet sind. Für von Cranach unterstehen alle Unternehmen drei ungeschriebenen Grundverträgen, deren Verpflichtungen sie unbedingt einhalten sollten: einem Sozialvertrag mit der Gesellschaft, einem Umweltvertrag mit der Natur und einem psychologischen Vertrag mit den Mitarbeitern. Diese gelte es zu verteidigen. «Die ungehemmte Ideologie des freien Marktes hingegen ermöglicht es den Unternehmen, sich dieser Einbettung in die Gesellschaft zu entziehen, und das führt zu Räuberei», mahnt von Cranach. Mit einem Staat, der sich rein auf eine Funktion als Nachtwächter und Ordnungshüter beschränkt, wird den Folgen einer solchen Räuberei in der Gesellschaft nicht beizukommen sein.

Der 48-jährige Enkel des Verlagsgründers Paul Haupt (1889 bis 1978) und heutige Hauptaktionär entschuldigt sich für seine leichte Verspätung. Er hatte eben «eine irrsinnig schöne Begegnung mit einem Autor». Wenn der Verleger von seinem Job spricht, öffnet sich sein Gesicht. Er liebt Bücher. Kann ein Schwärmer ein erfolgreicher Geschäftsmann sein?

Offenbar schon. Der Haupt-Verlag, ein Unternehmen mit 35 Angestellten und sechs Millionen Franken Umsatz, ist Marktleader für kunsthandwerkliche Literatur im deutschsprachigen Raum. Die Konkurrenz sitzt in den Metropolen, in Frankfurt am Main und in Wien, nicht in Trubschachen. «Wir arbeiten nicht in einer geschützten Werkstatt.» Pro Jahr produziert der Verlag an die 150 Bücher – nicht geblümelte Belletristik, sondern das trockene Brot der Fach- und Sachbuchtitel. Bücher aus den Bereichen Betriebswirtschaft, Management und Recht. «Marketingmässig macht es keinen Unterschied, ob man Bücher verkauft oder Haarspray», sagt er.

Erfolg, wie er im Buche steht
Haupt muss es wissen. Zweieinhalb Jahre lang liess er sich in Tucson/Arizona in den USA ökonomisch ausbilden. Zurück in der Schweiz, heuerte er bei einem weltweit tätigen Konzern als Produktmanager an, verkaufte Sonnenschutzmittel, Haarspray und Mundhygieneprodukte. «Doch am Abend, wenn ich jeweils den Schlüssel im Schloss gedreht habe, fragte ich mich oft: ‹Kann es das sein?›» Nach fünf Jahren beschloss er, den Job in der Kosmetikbranche aufzugeben.

Nun führt er den eigenen Verlag. Respekt den Mitarbeitern gegenüber sei ihm wichtig. Was heisst das? Das Lohngefälle zwischen Kader und Basis dürfe zum Beispiel nicht zu gross sein, findet er. Dass ein Chef einer Grossbank hundertmal mehr verdient als einer der Bankangestellten, findet er falsch. Ein Fünftel der Haupt-Angestellten sind langjährige Mitarbeitende über 50. Obwohl ältere Arbeitnehmer teurer sind und mehr Ferien haben, «nehmen wir deswegen nicht nur noch 30-Jährige». Und der Verlag bildet vier Lehrlinge aus, das sind mehr als zehn Prozent der Mitarbeiter. «Das ist ein grosser Aufwand.» Auch eine Krippe oder eine Mensa hätte er gern, doch dafür ist der Betrieb zu klein. Und im Unterschied zur anonymen Kapitalgesellschaft brauche man den Gewinn «nicht, um den Hauptaktionär zu befriedigen, sondern um das Geld wieder vorzulegen. Daher kommt ja der Begriff Verleger. Er legt Geld vor.»

Arbeiten an bester Lage
Respekt, Fairness, Achtung. Als ob er seinen Worten selber misstraute, schiebt er sofort nach, dass er nicht eine Art sozialer Vorzeigeunternehmer sei. Im Betrieb herrsche keine «Gleichmacherei». «Wer sich einsetzt, soll seinem Output und seiner Verantwortung entsprechend bezahlt werden.»

Natürlich musste er auch schon jemandem kündigen. Natürlich seien nicht alles Idealisten in der Firma. «Nein, dieses Bild wäre falsch. Wir wollen und müssen Gewinn machen.»

Die Unterschiede zum Normalbetrieb sind klein, aber fein. So arbeiten die Haupt-Leute nicht in einer Bürokaserne, sondern im Jahrhundertwende-Haus der Hauptschen Grosseltern in der Länggasse – an bester Berner Lage. Auch wer nicht in erster Linie an Eigenkapitalrenditen denkt, kann sich einen schönen Standort ohne Sorgen um allfällig entgangene Immobilienerträge offenbar leisten.

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