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«Adopt an Alp»Alpkäse fürs Silicon Valley

«Praise Cheesus!»: Die Schweizer Käser verkürzen den US-Kunden das Warten auf den Alpkäse – mit Blogs und Bildern. Bild: Adopt An Alp

Amerikaner lieben Alpkäse. Ausgerechnet die Tech-Pioniere in Kalifornien verhelfen dem urchigen Schweizer Produkt zu mehr Schwung.

von Peter Aeschlimann

Eine Kuh, die Gras frisst, gilt in den USA als etwas Besonderes. Für die vier amerikanischen Käsehändler muss es daher ein kleiner Kulturschock gewesen sein, als sie letzten Sommer zu Besuch auf der Alp Heuboden im Glarnerland waren. Während die Rinder in ihrer Heimat vor allem Kraftfutter fressen, grasten hier ein paar Dutzend Kühe friedlich auf der saftigen Bergwiese. Als an jenem Tag auch noch ein Kalb zur Welt kam, war das Idyll perfekt.

Lisa Albanese, die im kalifornischen Long Beach einen Käseladen führt, meinte: «Amazing!» Und Caroline Hostettler übersetzte für den Senn. Die Bernerin hatte den Aufstieg zur Alp Heuboden organisiert, die vier Mitstreiter waren Gewinner eines Wettbewerbs. Sie hatten in ihren jeweiligen Läden in Nordamerika den Schweizer Alpkäse am schönsten präsentiert.

Dass es überhaupt dazu kam, hat mit einer Notlage zu tun. Und die macht ja bekanntlich erfinderisch. Caroline Hostettler, eine Schweizer Food-Journalistin, war Mitte der neunziger Jahre in die USA ausgewandert. Da sie und ihr Mann gern reisen, die Sonne und das Meer mögen, lag Florida auf der Hand. Aber eben: Im Kühlschrank herrschte Not am Käse. «Es gab einfach nichts Anständiges», erinnert sich Hostettler. 

Der Fax vom Käse-Sommelier

Da hatte Hostettler eine Idee: Schweizer Käse importieren. Sie machte sich mit drei Laiben vom Schweizer Käsepapst Rolf Beeler auf einen Trip quer durch die USA. Sie besuchte Starköche in ihren Gourmettempeln in New Orleans, San Francisco oder New York.

Als sie nach zwei Wochen wieder zu Hause war, lag ein Fax auf ihrem Pult. Er stammte von Max McCalman, dem ersten Käse-Sommelier der USA und berühmten Buchautor. Der Inhalt: Eine Bestellung für eine Lieferung Schweizer Käse. Caroline Hostettler gründete eine Firma, die Quality Cheese, und versorgte fortan den US-Markt mit den besten und exklusivsten Schweizer Käsesorten.

«Es geht darum, einen Lifestyle zu vermitteln. Den Bitz Käse gibts noch obendrauf.»

Caroline Hostettler, Quality Cheese

Ihre Leidenschaft gehört seit ihrer Kindheit einem ganz bestimmten Käse: jenem, der unter erschwerten Bedingungen auf der Alp produziert wird. Daher hat Hostettler vor vier Jahren das Programm Adopt an Alp ins Leben gerufen. US-Käsehändler adoptieren für einen Bergsommer lang eine Schweizer Alp. Sie verpflichten sich, den Betrieben im Herbst oder Winter eine bestimmte Menge Käse abzukaufen. Und erhalten dafür regelmässig Informationen über «ihre» Alp.

Amerikaner lieben Geschichten. Und wenn diese von exotischen Orten handeln, wo Älpler mit nackten Oberarmen in dampfenden Käsekesseln rühren, sind sie begeistert. Von Sömmerung, also der Tradition, dass Kühe den Sommer auf der Alp verbringen, haben die meisten Amerikaner noch nie etwas gehört. Deshalb ist es für die Alpbetriebe Pflicht, einen Blog zu führen. Mit den Bildern, Filmen und Anekdoten vom Alpsommer sollen die Kunden in den USA «gluschtig» gemacht werden für den Alpkäse, der im Winter in den Läden eintrifft. 

Das muss gefeiert werden

Bei Cheese Plus in San Francisco zum Beispiel wird an diesem Tag sogar ein kleines Fest gefeiert. Dann wollen alle endlich von diesem Alpkäse probieren, dessen Entstehung man über Monate aus der Ferne mitverfolgen konnte – mit allen Freuden und Dramen, die so eine Alpsaison bereithält. Es gehe darum, einen Lifestyle zu vermitteln, sagt Caroline Hostettler. «Den Bitz Käse gibts noch obendrauf.»

Mitmachen bei Adopt an Alp darf jeder Alpbetrieb. Es gibt keine Teilnahmegebühr, und die Produzenten bestimmen die Preise für den Käse selber. Sie verpflichten sich, nach den Leitlinien des Schweizerischen Alpwirtschaftlichen Verbands zu käsen. Darin geht es vor allem um Hygienestandards. Zu Beginn der Saison muss jeder Teilnehmer ein Kilo Käse ins Labor schicken, wo er auf Kosten von Mifroma, die das Programm in den USA unterstützt und vertritt, getestet wird. Bei Esswaren aus Rohmilch sind die US-Behörden besonders heikel – und gerade auf der Alp sind die Produktionsbedingungen anspruchsvoll.

Aber es zahlt sich aus: Der Milchpreis in der Schweiz liegt derzeit unter 60 Rappen pro Liter. Doch ein Bauer, der Alpkäse herstellt, bekommt rund einen Franken pro Liter.

Wie begehrt Schweizer Alpkäse in den USA ist, zeigt ein Blick auf die Zahlen von Adopt an Alp: 2013 wurden rund 3 Tonnen Alpkäse per Schiff nach New York verfrachtet – 2017 werden es 70 Tonnen sein. Inzwischen machen 21 Alpbetriebe mit, aus allen Regionen der Schweiz, wo Alpkäse hergestellt wird. Von der Alp Äbnistetten im Luzernischen über die Nidwaldner Alp Bleiki bis zur Bündner Alp Maran. Einer der Hauptabnehmer ist Kroger, die grösste Ladenkette für Lebensmittel in den USA. Die Firma wird Käse von sechs verschiedenen Schweizer Alpen beziehen. 

Hunger nach exotischen Spezialitäten

Dass Caroline Hostettler mit Adopt an Alp den Nerv der Zeit getroffen hat, belegt auch eine Studie der IG Schweizer Alpkäse. Sie kam vergangenen November zum Schluss, dass gerade sogenannte Millennials, die zwischen 1980 und 2000 geboren wurden, einen stetig wachsenden Hunger nach exotischen Spezialitäten haben. Sie sind interessiert an gesunden, nachhaltig hergestellten Produkten – und sie wollen die Storys dahinter kennen.

Zum Beispiel die Geschichte vom Vollmondkäse von der Alp Jänzimatt im Kanton Obwalden. Käser Adrian Riebli geht seit 25 Jahren «z’ Alp», eine Tradition, die er von seinem Grossvater übernommen hat. Der Vollmondkäse wird nur in Vollmondnächten gekäst. Gemäss Adrian Riebli hat er einen ganz besonderen Gout, bei der nächtlichen Herstellung nimmt er sich jeweils besonders viel Zeit.

Von den fünf Tonnen Alpkäse, die Familie Riebli jeden Sommer produziert, geht 2017 ein Zehntel nach Long Beach an den Käseladen von Lisa Albanese. Die «Cheese Addiction»-Besitzerin hat auf ihrer Facebook-Seite ein Bild gepostet, auf dem sie einen Vollmondkäse unter Palmen in den Nachthimmel streckt: «Praise Cheesus!» Der Käse von der Jänzimatt sei ein hundertprozentiger Erfolg und geniesse bereits Kultstatus.

«Die Käserei in der WWW-Freude»

Besonders gross ist das Interesse an Schweizer Alpkäse an der US-Westküste. In Kalifornien, speziell im Silicon Valley, schiessen Spezialitätenläden wie Pilze aus dem Boden. Die Tech-Nerds und Start-up-Gründer legen viel Wert auf gesunde Ernährung, die fair produziert wurde – und sie haben das nötige Kleingeld dafür. 

Und so sind es ausgerechnet die Menschen aus dem Tal, wo täglich an der Zukunft gebastelt wird, die am meisten auf einen Käse stehen, der seine Wurzeln ganz weit in der Vergangenheit hat: Das Internet macht aus Schweizer Berglern Globalisierungsgewinner. Würde Jeremias Gotthelf sein berühmtestes Werk heute veröffentlichen, hiesse es vielleicht «Die Käserei in der WWW-Freude».

Veröffentlicht am 2017 M03 30