Publikationen von zweifelhaftem Wert: Bei der Firma Omics reicht ein Rap-Songtext für eine (kostenpflichtige) Einladung zu einem Kongress. Bild: Screenshot (Montage: Beobachter)

Open AccessSo hauen lusche Verlage Akademiker übers Ohr

Pseudo-Fachzeitschriften akzeptieren jeden Blödsinn als wissenschaftlichen Beitrag. Wir entlarven dieses System – mit einem Rap-Songtext.

von Peter Aeschlimann

Wer als Forscher Karriere machen will, muss publizieren. «Publish or perish», lautet die unbarmherzige Losung: Veröffentliche – oder du gehst unter. Im Ringen um Forschungsgelder haben jene Akademiker die besten Karten, die viele Publikationen vorweisen können.

Bis vor wenigen Jahren verlief das Prozedere fast immer so: Wer seine Forschungsresultate veröffentlicht sehen wollte, musste die fachkundige Chefredaktion eines wissenschaftlichen Journals überzeugen. Wenn diese etwas für publikationswürdig hielt, wurde es gedruckt. Diese traditionellen Herausgeber finanzierten sich aus dem Verkauf einzelner Artikel oder teurer Abonnements an Hochschulen.

Seit geraumer Zeit findet aber ein Paradigmenwechsel statt. Forschung soll für alle frei zugänglich sein. Möglich machts das Internet, das Stichwort heisst Open Access (OA).

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Was ist Open Access?

Bei diesem Modell bezahlen die Autoren für das Veröffentlichen ihrer Ergebnisse eine Gebühr. Die Forscher werden so zu Kunden der Fachzeitschriften, die dann die Inhalte gratis ins Web stellen. Ende Januar hat die Rektorenkonferenz der schweizerischen Hochschulen beschlossen, bis 2024 sämtliche öffentlich finanzierten Forschungsarbeiten im Open-Access-Verfahren zu publizieren.

Der weltweite Trend zu mehr Transparenz hat einen regelrechten Boom ausgelöst. Täglich schiesst irgendwo ein neues Journal aus dem Boden. Nicht alle Gründer haben dabei hehre Absichten. Auch Geschäftemacher nutzen den Siegeszug von Open Access, und einige scheren sich keinen Deut um Standards oder Erkenntnisgewinn. Den Herausgebern dieser Zeitschriften geht es nur um den Profit: Wenn jemand die Gebühr bezahlt, wird seine Arbeit publiziert – ohne die eigentlich zwingende Qualitätskon­trolle mittels Kreuzgutachten, bei dem Experten auf dem jeweiligen Gebiet einen Forschungsbericht auf Fehler und Unsauberkeiten überprüfen. In der Wissenschaftsszene heissen diese Profiteure «predatory publishers», Raubtierverlage.

Eine Umfrage unter Schweizer Akademikern zeigt: Die Mailboxen der Forscher quellen über mit Werbung für neue Zeitschriften und Einladungen an Konferenzen. Der Inhalt lautet stets: Präsentiert eure Forschung bei uns! Hier die Übersicht zu behalten ist nicht immer einfach. «In den letzten Jahren ist die Anzahl der Journals explodiert. Es gibt viele schwarze Schafe, die sich mit Open Access ein Geschäftsmodell aufgebaut haben», sagt Marko Kovic, Zürcher Sozialwissenschaftler und Präsident des Vereins Skeptiker Schweiz. Kovic plädiert deshalb für die sogenannt grüne Variante des Open-Access-Publizierens. Dabei ist eine in einer traditionellen Fachzeitschrift veröffentlichte Studie zwar nicht für alle verfügbar, dafür legt der Autor eine Kopie seines Manuskripts auf einem frei zugänglichen Server ab.

«Es gibt viele schwarze Schafe, die sich mit Open Access ein Geschäftsmodell aufgebaut haben.»

Marko Kovic, Zürcher Sozialwissenschaftler und Präsident des Vereins Skeptiker Schweiz

«Es gibt kein General­rezept, um fragwürdige Zeitschriften und Verlage zu erkennen», sagt Christian Fuhrer, Leiter des Open-Access-Teams der Uni Zürich. Er empfiehlt Forschenden, kritische Fragen zu stellen: Wer sind die Herausgeber, kenne ich andere Autoren?

Die «Trittbrettfahrer» rückten zwar Open Access in ein schlechtes Licht. Dennoch überwiegen die Vorteile des Systems, sagt Fuhrer. Re­sultate seien schneller und für alle verfügbar, und der Steuerzahler müsse nicht mehr doppelt zahlen – einmal für die Forschung selbst und ein weiteres Mal, um die Ergebnisse ebendieser Forschung einzusehen.

Was ausserdem für das Open-Access-Modell spricht: Während in den wichtigsten Journals oft nur das steht, was Potenzial zu einer knackigen Schlagzeile hat, würden in einem offenen Markt auch Resultate publiziert, die ein Scheitern dokumentieren.

Zockt Omics Forscher im grossen Stil ab?

Ein Exponent, der besonders aggressiv Mails verschickt, ist die indische Firma Omics mit Niederlassungen in Los Angeles und Hyderabad. Gemäss eigenen Angaben beschäftigt Omics mehr als 2000 Mitarbeiter, verlegt rund 700 von Experten überprüfte Online-Zeitschriften und organisiert weltweit über 3000 Konferenzen. In den USA ist das Unternehmen im letzten Herbst ins Visier der Federal Trade Commission (FTC) geraten. Omics zocke Forscher im grossen Stil ab, lautet der Vorwurf. 2014 sollen Omics und andere fragwürdige Verleger um die 400'000 Berichte veröffentlicht haben. Bei einer Durchschnittsgebühr von rund 180 Franken bringt das Millionen ein. Omics Anwälte bestreiten in einer Stellungnahme im Netz die Vorwürfe – und holen zum Gegenschlag aus: «Die FTC ergreift mit ihrer Klage Partei für tra­ditionelle Wissenschaftsverlage, deren Millionen­geschäft aufgrund neuer Player in Gefahr gerät.»

In der Schweiz tritt Omics als Organisator zahlreicher Konferenzen auf. Im September lädt die Firma etwa zum 16. Weltkongress für Ernährung und Lebensmittelchemie nach Zürich. Teilnahmegebühr: 699 Dollar. Wer das Package mit drei Hotelübernachtungen bucht, bezahlt 1239 Dollar.

Humbug wird nicht erkannt

Was, ausser einem dicken Portemonnaie, braucht es, um an diesem Kongress als Redner auftreten zu dürfen? Nicht viel, wie ein Versuch des Beobachters zeigt. Die nötige Zusammenfassung einer wissenschaftlichen Arbeit, das Abstract, ist in ein paar Minuten erstellt. Die nichtssagende Überschrift liefert ein Zufallstitelgenerator im Netz: «Rating Untrustworthy Territories: Nutrition and/in the Penetrated». Darunter ein Liedtext der US-Rapper A Tribe Called Quest: «We the people». Die biografischen Angaben? Im Internet geklaut. Dazu ein Foto eines Mannes im weissen Kittel mit Doktortitel von einer fiktiven «Universität für Essen und Sport». Ein kurzer Blick auf das Schreiben genügt, um es als hane­büchenen Unfug zu entlarven.

Doch einige Stunden nach dem Einreichen schreibt Omics zurück: «Ihr Abstract wurde für eine mündliche Präsentation akzeptiert.» Als Nächstes solle man sich über den angefügten Link für den Kongress anmelden.

Ein Rapsong als Abstract

Statt den dafür fälligen Betrag zu überweisen, stellt der Beobachter Fragen an Omics: Wie kann es sein, dass ein so offensichtlicher Fake von angeblichen Experten akzeptiert wird? Hyderabad antwortet schnell: «Es geht uns nicht ums Geld», schreibt ein namenloser Mitarbeiter von Nutri-Food Chemistry 2017. Die Konferenzen würden gerade von jungen Forschern sehr geschätzt. Und ja, der Anlass werde ganz bestimmt durchgeführt – «bitte registrieren Sie sich jetzt!».

«Dieser Kongress sieht definitiv nicht vertrauenswürdig aus», sagt Isabelle Herter, Oberassistentin am Labor für Humanernährung an der ETH Zürich und Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung. Sie hat noch nie etwas von einem solchen Kongress gehört. Besonders suspekt sei, dass auf der Website Angaben zu den Organisatoren oder zum Veranstaltungsort fehlten.

Kritiker mit Klagen bedroht

Dass Omics wohl kein vertrauenswürdiger Verlag ist, zeigt auch eine Recherche im Internet. Zahlreiche Forscher melden, sie seien von Omics getäuscht und geprellt worden. Ihre Vorwürfe: Kreuzgutachten würden mangelhaft oder gar nicht erstellt, Kosten fürs Publizieren verschleiert.

Die Firma Omics figurierte auch auf der sogenannten Beall’s List im Web. US-Forscher und Biblio­thekar Jeffrey Beall führte darauf Buch über rund 900 mutmasslich parasitäre Herausgeber wissenschaftlicher Zeitschriften. Im Januar 2017 hat Beall seine umstrittene Liste vom Netz genommen. Er war wegen seiner Auswahlkriterien heftig kritisiert worden. Etliche Verlage, darunter auch Omics, drohten mit Klagen.

«Open Access ist das Modell der Zukunft.»

Christian Gutknecht, Open-Access-Aktivist

Christian Gutknecht weint Bealls Liste keine Träne nach. Der Berner Open-Access-Aktivist kämpft dafür, dass Schweizer Hochschulen offenlegen müssen, wie viel Geld sie jährlich den Wissenschaftsverlagen abliefern. Er sagt: «Open Access ist das Modell der Zukunft.» Parasitäre Journals seien nur eine Randerscheinung. Wer vor dem Publizieren ein paar Dinge abkläre, erkenne einen unseriösen Verlag sofort. Nützliche und weitaus objektivere Informationen als Beall lieferten etwa das Rating-Portal Quality Open Access Market (QOAM) und das Directory of Open Access Journals (DOAJ).

Misstrauen sei immer dann angebracht, wenn man niemanden von den Chefredaktoren einer Zeitschrift oder den Organisatoren einer Konferenz kenne. «Man steigt ja auch nicht zu Fremden ins Auto.»