Das Angebot klang verführerisch. 8000 Franken Lohn, Teilhaber der neuen Firma, grosse Ausbaupläne. «Er sagte, er habe genau ­jemanden wie mich gesucht», erinnert sich Roger V.* an das Gespräch mit ­Unternehmer Aldo T.* vor zwei Jahren. Die neue Firma sollte rezyklierte Produkte transportieren – etwa geschreddertes Glas oder Biomasse.

Bevor Roger V. seinen alten Job kündigte, wollte er aber Aldo T. auf den Zahn fühlen. Er besuchte sein Einfamilienhaus sowie die Büros von T.s bisheriger Firma, der Remas AG in Wollerau SZ, die sich ­unter anderem auf die nachhaltige Verwertung von Abfall spezialisiert ­hatte. «Schöne Räume», sagt er. Mit der Remas AG sollte auch die neue Firma eng zusammenarbeiten. Im Juli 2014 setzte er seine Unterschrift auf das Papier und nahm die Tätigkeit als neuer Geschäftsführer auf.

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Löhne nicht gezahlt

Es dauerte aber nur wenige Monate, bis Roger V. erkannte, dass Aldo T. mit seinen Firmen ein potemkinsches Dorf aufgebaut hatte: aussen fein herausgeputzt, hinter der Fassade in verheerendem Zustand. Bereits nach dem ersten Monat hätten Roger V. und die anderen Mitarbeiter keinen Lohn erhalten, Benzinspesen seien nicht ­erstattet worden. Weil Aldo T. das Startkapital der Aktiengesellschaft nach kurzer Zeit wieder ­abhob, drohte das Projekt schon bald zu scheitern. «Innerhalb von drei Monaten schuldete er mir mehrere zehntausend Franken», erzählt Roger V.

Die schlechten Zeichen mehrten sich. Bei einer Messe eilte die Messebetreiberin zu Roger V.: Er dürfe nur gegen Vorauskasse einen Stand haben, da noch Rechnungen offen seien. «Ich blätterte 2700 Franken aus dem ­eigenen Sack hin. Aldo T. zahlte mir keinen Rappen davon zurück.» Später habe er entdeckt, dass bei der bisherigen Firma von T., der Remas AG, ebenfalls Rechnungen offen waren – drei Schuhkartons voll, die Mahnungen und Einzahlungsscheine noch immer in den Kuverts.

Viele benutzen das Wort «verarscht»

Aldo T.s Firmen häuften bei Lieferanten, Kunden und Finan­zie­rungs­­part­nern Schulden an. Der Beobachter sprach mit zwölf Geschädigten, die Liste wäre noch viel länger gewesen. Das Wort, das sie am häufigsten benutzten: «verarscht».

Zu den Geschädigten gehören ein namhaftes Restaurant in Zürich und ein Hotel in Basel. Zudem habe die Firma Ecofast in Mailand zehn Maschinen geliefert, die noch offenen Rechnungen betragen laut Geschäftsführer Davide Mara 45'000 Euro. Auch die Hirslanden-Klinik Beau-Site in Bern hat schlechte Erfahrungen mit T. gemacht.

«Nach dem Konkurs wird mit einer neuen Firma im gleichen Stil fortgefahren.»

Ein Ex-Mitarbeiter

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Im Weiteren hat eine kleine Berner Werbeagentur vor zwei Jahren Website, Messeauftritt, diverses Werbematerial sowie Corporate Design entworfen. Der Betrag von über 110'000 Franken sei bis heute unbezahlt. «Diese Ausstände haben mir fast das Genick gebrochen», sagt der selbständige Werber. «Ich musste von den Eltern Geld leihen, sonst hätte ich die Firma aufgeben müssen.» Betreibungen brachten nichts.

Wenn die Schulden zu hoch wurden, meldete Aldo T. Konkurs an. «Dann wird mit einer Auffanggesellschaft oder einer neuen Firma im gleichen Stil fortgefahren», erklärt ein ehemaliger Mitarbeiter von Aldo T. das System (siehe Box «Missbrauch von Konkursen» am Ende dieses Artikels). Zuletzt hat das Gericht die Auflösung der Remas Wertstoffe AG im Mai letzten Jahres verfügt und die Liquidation angeordnet.

T. war laut mehreren Quellen an mindestens acht Firmen beteiligt. Bei allen geht es um die Verwertung von Speise- und Rüstabfällen oder den Verkauf von Recyclingmaschinen und Abfüllanlagen.

«Plötzlich standen Deutsche vor der Tür»

Kritisiert wird auch, dass Aldo T. Maschinen doppelt least. Zwei ehemalige Geschäftspartner erzählen etwa, er habe in Deutschland mehrere Kartonpressmaschinen gemietet und dann in der Schweiz an eine Leasinggesellschaft verkauft. Diese zahlte Aldo T. den vollen Verkaufspreis von mehreren zehntausend Franken und verleaste die Maschinen weiter – ohne zu wissen, dass T. die ursprünglichen Rechnungen der deutschen Besitzer nicht mehr beglich.

«Plötzlich standen bei den Kunden Deutsche vor der Tür und wollten ihre Maschinen zurück. Dabei zahlten die Kunden seit Monaten der Leasinggesellschaft korrekt den Betrag», sagt ein ­Ex-Mitarbeiter von Aldo T. Mehr als 60 Verträge soll T. abgeschlossen haben, im Oktober letzten Jahres wurde er von ­einer Leasingagentur in Neuenhof auf über 110'000 Franken betrieben. Dagegen hat er Rechtsvorschlag erhoben.

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Wie viel Geld sich Aldo T. mit diesen Tricks in die Tasche gespielt hat, ist unklar. Ehemalige Geschäftspartner sprechen von über zwei Millionen Franken in den letzten vier Jahren. Ein ebenfalls geschädigter Mann aus den Golfstaaten soll zudem 2,4 Millionen Franken in ­Aldo T.s Firmen investiert haben.

Zwischen 2014 und 2016 bestehen für die Remas Wertstoffe AG Betreibungen über mehr als 640'000 Franken, zeigt ein dem ­Beobachter zugespieltes Dokument. Gegen Forderungen von über 525'000 Franken hat T. Rechtsvorschlag erhoben.

«Ein Billardzimmer und mehrere Autos»

«In seiner Wohnung hat Aldo T. eine Sauna und ein Billardzimmer. Im Keller mehrere Autos. Die Wochenenden verbringt er in St. Moritz, Cannes oder Rom», erzählt ein ehemaliger Geschäftspartner. «Vor den Augen seiner Mitarbeitenden, die oft noch auf ihren Lohn warten.»

Glück im Unglück hatte Roger V. ­Zusammen mit einem Partner konnte er die Firma von Aldo T. ablösen. Heute betreibt er sie erfolgreich. «Es dauerte aber, bis mir die Lieferanten und Kunden vertrauten», sagt er. «Am Anfang musste ich alles per Vorauskasse zahlen.»

Die Vorwürfe gegen ihn bezeichnet Aldo T. als «völlig haltlos» und «Quatsch». Zudem habe er gewisse Betreibungen mittels Rechtsvorschlag bestritten, und diese würden vom Gläubiger nicht weiterverfolgt. Er gehe also davon aus, dass seine Rechtsauffassung richtig sei und kein Geld geschuldet werde. Für ihn gilt die Unschuldsvermutung.

* Name der Redaktion bekannt

Missbrauch von Konkursen

Derzeit ringt die Schweizer ­Politik um das Konkursrecht. Der ehemalige Ständerat Hans Hess (FDP/OW) will ­verhindern, dass Firmen den Konkurs missbrauchen, um – wie im Fall Aldo T. – Schulden los­zuwerden und Löhne nicht zu zahlen. Nach dem Konkurs werde eine neue Gesellschaft gegründet, die teils dasselbe Personal einstelle, argumentiert Hess. Seine Motion ­wurde angenommen.

Inzwischen ist klar: Grundsätzlich will der Bundesrat solche Missbräuche erschweren. In der ausgearbei­teten Vorlage schlug er im Herbst 2016 vor, Mitglieder der Geschäftsleitung und des Verwaltungsrats sollten persönlich für die ungedeckten Kosten eines Konkursverfahrens haften. Derzeit müssen die Gläubiger zahlen, die das Verfahren beantragen. In der Vernehmlassung wurde auch vorgeschlagen, dass ­Daten über Personen, die in Konkurse involviert sind, ­besser zugänglich sind.

Die entsprechende Botschaft des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements soll bis Ende 2017 vorliegen.

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