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Pestizide«Ein Freipass für die Agrochemie»

Pestizide sind ein Risiko für Mensch und Umwelt. Der Bundesrat will es reduzieren – und verschont dabei die Hersteller. Ein Kommentar von Thomas Angeli.

Pestizide haben ihren Preis – und den zahlt primär die Umwelt.
von aktualisiert am 18. September 2017

Man will gar nicht wissen, womit unsere Lebensmittel behandelt sind. Mit unzähligen zugelassenen Pestiziden, zu denen im Pflanzenschutzmittelverzeichnis des Bundesamts für Landwirtschaft steht: «Kann vermutlich Krebs verursachen», «giftig für Wasserorganismen», «bienengefährlich» und anderes. Die Datenbank nimmt einem den Appetit auf so gut wie alles, was auf heimischer Scholle produziert wird.

Klar ist: Ohne den grossflächigen Einsatz von Pestiziden wären die Erträge der Schweizer Landwirtschaft deutlich kleiner. Und wir Konsumentinnen und Konsumenten würden im Supermarkt plötzlich Früchte und Gemüse vorfinden, wie wir sie kaum noch kennen: Äpfel mit Flecken, Kartoffeln mit Fäulnisspuren oder Kopfsalat mit Schneckenfrass.

«Schutz» mit Nebenwirkungen

Klar ist aber auch: Pestizide haben ihren Preis, und den zahlt primär die Umwelt. Denn die Substanzen schützen eben nicht bloss Pflanzen, wie uns die Agrochemieindustrie weismachen will, indem sie von «Pflanzenschutzmitteln» spricht. Pestizide gelangen ins Grundwasser und damit in die Nahrungskette, sie haben Auswirkungen auf Bienen, Amphibien und Säugetiere, auf die Qualität der landwirtschaftlichen Böden und letztlich auf die Gesundheit der Menschen.

Die Rückstände, die sich in Lebensmitteln aus der Schweiz finden lassen, sind zugegebenermassen in den meisten Fällen winzig. Das heisst aber nicht, dass sie nicht relevant sind. Über die Langzeitfolgen von Pestiziden in Lebensmitteln, aber auch von Stoffwechselprodukten dieser giftigen Substanzen im Grundwasser, ist nur sehr wenig bekannt. Es ist deshalb nicht auszuschliessen, dass wir unseren Kindern ein mächtig giftiges Erbe hinterlassen.

«Kein Wort davon, dass die verkauften Mittel immer giftiger werden.»

 

Thomas Angeli, Beobachter-Redaktor

Nun will der Bund mit dem «Aktionsplan Pflanzenschutzmittel» die negativen Auswirkungen von Pestiziden bekämpfen – oder gibt das zumindest vor. Denn die Absichtserklärung, die unter der Federführung des Bundesamts für Landwirtschaft entstanden ist, zeugt weder von einem klaren Plan, noch sind allzu viele Aktionen zu erwarten, die die Risiken im Umgang mit Pestiziden markant verringern würden.

Natürlich klingt es schön, wenn der Bundesrat die Risiken von Pflanzenschutzmitteln halbieren will. Selbstverständlich ist nichts dagegen einzuwenden, dass der Anbau von resistenteren Obst- und Gemüsesorten geprüft und ein integrierter Pflanzenschutz gefördert wird durch Forschung und Schulung von Landwirten. Und es ist höchste Zeit, dass man den Verkauf dieser zum Teil hochgiftigen Chemikalien an Hobbygärtner stoppt – lauter Massnahmen, die im Aktionsplan vorgesehen sind.

Die Industrie hat sich gewehrt

Um einen Bereich machen die Verantwortlichen aber einen grossen Bogen: die Agrochemie-Industrie. Der einzige Punkt im Aktionsplan, der sie betrifft, ist eine Meldepflicht für die Verkaufszahlen von Pestiziden. Ansonsten: Schweigen. Kein Wort davon, dass die verkauften Mittel tendenziell immer giftiger werden. Keine Zeile dazu, dass auch hierzulande erste Pflanzen gegen Pestizide resistent zu werden drohen. Nicht die leiseste Kritik an den teils massiven Nebenwirkungen des chemischen Pflanzenschutzes.

Ausserdem verzichtet der Bundesrat auf eine Lenkungsabgabe auf Pestizide – eine Massnahme, die sich etwa in Norwegen durchaus bewährt hat. Gegen eine solche Abgabe hatte sich die schweizerische Agrochemie-Industrie während der Erarbeitung des Aktionsplans heftig gewehrt – offensichtlich mit Erfolg.

Im Artikel 1 des Umweltschutzgesetzes heisst es: «Im Sinne der Vorsorge sind Einwirkungen, die schädlich oder lästig werden könnten, frühzeitig zu begrenzen.» Der Bundesrat und das Bundesamt für Landwirtschaft täten gut daran, sich wieder einmal zu überlegen, was dieser Satz bedeutet – auch wenn es den Chemiemultis nicht passt.

Ein Kommentar von:

Thomas Angeli
Thomas Angeli, Beobachter-Redaktor
Quelle: Paul Seewer